Rehkitze in Lebensgefahr:

Die Setzzeit der Rehe fällt mit der ersten Mahd der Landwirte zusammen

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Ahnt nichts Böses: Jedes Jahr im Frühjahr werden beim Mähen der Wiesen Rehkitze getötet, denn die neugeborenen Kitze duck en sich bei Gefahr im hohen Gras, statt die Flucht zu ergreifen. 

Wenn im Mai die Sonne an Kraft gewinnt und gelbe Rapsfelder die Landschaft erleuchten, kommt der Nachwuchs der Rehe zur Welt und wird von den Ricken in hohes Gras abgelegt.

Fast zeitgleich werden die ersten Wiesen von Landwirten gemäht. Dadurch sterben einige neugeborene Rehkitze, oder sie werden schwer verletzt.

„Bei Gefahr laufen die Kitze nicht weg, sie drücken sich fest auf den Boden und ducken sich“, erklärt der Vorsitzende des Kreisjagdvereins Hersfeld, Wilfried Marchewka. In manchen Jahren fällt die erste Mahd genau mit dem Geburtstermin der Rehkitze zusammen. „Leider könnte das genau in diesem Jahr der Fall sein“, befürchtet Marchewka. 

Er verbringt als Jäger und Pächter des Jagdreviers Odensachsen viel Zeit in der heimischen Natur und saß in den letzten Tagen oft auf dem Hochsitz: „Bislang habe ich nur hochträchtige Ricken gesehen und noch keine Kitze. Einige Landwirte haben angekündigt, Anfang nächster Woche mit dem Mähen zu beginnen – wahrscheinlich liegen dann auch die ersten Kitze im Gras.“ Und kein Kitz könne den landwirtschaftlichen Maschinen, die mit hoher Geschwindigkeit große Wiesen in kürzester Zeit abmähen, entkommen.

Jäger retten Kitze:

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Jägern sei besonders wichtig, betont der Vorsitzende des Kreisjagdvereins. Nur wenn Jäger rechtzeitig den Mähtermin erfahren, können sie auch Maßnahmen ergreifen, um die jungen Tiere zu retten. Beispielsweise stellen sie dann am Abend vor Beginn des Mähens Scheuchen auf. „In der Nacht bringen die Ricken ihren Nachwuchs dadurch in Sicherheit und suchen ein neues Versteck.“

Wenn Marchewka weiß, welche Wiesen als Erstes gemäht werden, dann sucht er die Flächen mit seinen zwei Hunden und weiteren Jagdkollegen ab. Wenn ein Kitz gefunden ist, trägt er es in die nächste natürliche Deckung. Dabei darf es nur sehr vorsichtig mit einem dicken Büschel Gras angefasst werden, um zu verhindern, dass der Geruch des Menschen sich auf das Kitz überträgt – denn dann würde die Ricke später ihr Junges möglicherweise verstoßen. „Jährlich rette ich auf diese Weise circa fünf Kitze.“

Auch für Landwirte kein schönes Erlebnis:

Auch für die Landwirte ist die Situation keine leichte: „Mir ist es leider auch schon passiert, dass ich ein Kitz totgefahren habe. Der Tag war dann definitiv für mich gelaufen! Das ist ein schreckliches Bild, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt“, sagt Jörg Schäfer, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Hersfeld-Rotenburg. Das sei ihm zwar in den letzten Jahren selten passiert, dennoch versuche er jedes Jahr erneut, einen solchen Unfall zu verhindern.

„Auch wir Landwirte stellen Scheuchen auf und informieren die Jäger zur Kitzsuche. Ich habe sogar abends schon einmal ein Radio an eine Wiese gestellt, um die Rehe zu beunruhigen. Ich versuche generell immer, vor dem Setzen der Rehe zu mähen, und ich beginne wenn möglich in der Mitte des Feldes, sodass die etwas älteren Jungtiere herauslaufen können“, erklärt Jörg Schäfer, der Landwirtschaft im Alheimer Ortsteil Niedergude betreibt.

„Am Abend schaue ich aus der Ferne, dass die Ricke ihr Kitz wiedergefunden und angenommen hat“, sagt Jäger Wilfried Marchewka. Wenn Mutter und Kind wieder vereint auf der Wiese stehen, dann war es schließlich doch noch ein glücklicher Tag für das Rehwild – und für die Jäger und Landwirte.

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