Torsten Warnecke wird neuer Landrat von Hersfeld-Rotenburg

Kommentar: Trocken Brot statt roter Wurst

Kai A. Struthoff
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Kai A. Struthoff

Mit dem deutlichen Wahlsieg von Torsten Warnecke (SPD) über Dr. Michael Koch (CDU) bei der Landratswahl im Kreis Hersfeld-Rotenburg befasst sich der Kommentar von Kai A. Struthoff

Das war deutlich! Torsten Warnecke ist selbst überrascht von diesem klaren Wahlergebnis. Im Wahlkampf hatte er lange Zeit den Eindruck des braven Parteisoldaten gemacht, der sich als Kandidat von seinen Genossen in die Pflicht nehmen lässt. Nun muss er liefern und zeigen, was genau er mit seinem Slogan „gestalten statt verwalten“ meint. Dabei wird er aber am Verwalten nicht vorbei kommen, denn als Landrat ist er Chef einer Behörde, die vor allem Gesetze, Vorgaben und Regeln einhalten und umsetzen muss.

Fraglich ist ohnehin, ob es eine Wahl für Torsten Warnecke oder vielmehr gegen Michael Koch war. Dabei hatte Koch als Landrat vieles richtig gemacht. Die Flüchtlingskrise und die Corona-Pandemie wurden im Rahmen der Möglichkeiten eines Landkreises ordentlich gemanagt. Das Projekt Breitband Nordhessen wurde unter Kochs Aufsicht punktgenau im Zeit- und Kostenrahmen abgeschlossen. Und mit seinem Herzensprojekt „Pakt für den Nachmittag“ hat er sogar einen Akzent gesetzt, den eigentlich auch Sozialdemokraten gut finden sollten.

Mit der Umstrukturierung der Kliniken hat Koch mutig ein Thema angepackt, das viel zu lange ausgesessen wurde – wohlwissend, dass man mit so einem Radikalumbau nur verlieren kann. Und so ist es nun auch gekommen. Denn Michael Koch hätte als Landrat früher erkennen müssen, dass das HKZ für die Menschen in Rotenburg und im Nordkreis viel mehr ist als nur eine Fachklinik, sondern – neben der bereits verlorenen Bundeswehr – ein Stück Identität, auf die man stolz ist. Anstatt nur auf Zahlen zu setzen und sich hinter einem Gutachten zu verschanzen, hätte vor Ort noch mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen. So bleibt bei vielen Wählern im Nordkreis der Eindruck, dass sie mal wieder etwas an Hersfeld abgeben müssen.

Vor allem aber hat es Koch versäumt, die Herzen der Menschen für sich zu gewinnen und zu viel auf nüchternen Sachverstand gesetzt. Als Landrat wirkte er oft unnahbar und zuweilen etwas akademisch von oben herab. Hier ist ihm Torsten Warnecke eindeutig überlegen: Der SPD-Mann mischt überall mit, hat für jeden ein nettes Wort und eine Stracke. Doch statt roter Wurst gibt es künftig nun oft nur trocken Brot, denn ein Landrat kann nicht Everybodys Darling sein.

Es liegt nun an Torsten Warnecke, zu beweisen, dass Rotenburg nicht der Verlierer des Klinikumbaus wird. Dabei wird es nicht reichen, von Wiesbaden und Berlin mehr Geld zu verlangen. An dem Sanierungskonzept selbst wird aber auch ein Landrat Warnecke vermutlich nicht viel ändern, denn die SPD hatte ja die Notwendigkeit des Radikalumbaus erkannt und mitgetragen. Nun muss ein Konzept für die Nachnutzung des HKZ her, und die Perspektiven für den Standort Hersfeld müssen klarer werden.

Eine Herkulesaufgabe für den neuen Landrat – aber nur eine der Herausforderungen. Denn die Bewältigung der noch gar nicht absehbaren Folgen der Corona-Pandemie steht erst noch bevor. Die fetten Jahre der ausgeglichenen Haushalte und der saftigen Förderprogramme dürften gezählt sein. Aber Warnecke ist ein erfahrener Politiker. Nun kann er zeigen, dass er nicht nur gut reden, sondern auch handeln kann. (Kai A. Struthoff)

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