Heimische Wirtschaftsexperten sind vorsichtig optimistisch

Konjunkturerwartungen für Hersfeld-Rotenburg: Experten hoffen auf stabile Strukturen

Das Symbolbild zeigt einen Bauarbeiterhelm.
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Die Baubranche ist bisher vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen.

Trotz der Corona-Krise haben führende Wirtschaftsexperten der Region vorsichtig optimistische Konjunkturerwartungen für den Kreis im Jahr 2021.

Hersfeld-Rotenburg - Das gilt allerdings mit klaren Unterschieden bei unterschiedlichen Branchen. Zugleich verweisen sie in einer nicht-repräsentativen Umfrage unserer Zeitung zum Jahresbeginn auf die Unwägbarkeiten mit Blick auf die weitere Entwicklung der Pandemie, wie etwa die mögliche Fortsetzung des Lockdowns und den Erfolg der Impfkampagne.

Grund für die trotzdem eher zuversichtliche Einschätzung der Vertreter von Banken, Handwerk, IHK, Wirtschaftsförderung und Arbeitsagentur ist das vergleichsweise gute Abschneiden der Region im bisherigen Verlauf der Krise. „Unser Landkreis hat eine sehr robuste Wirtschaftsstruktur“, sagt Sparkassen-Vorstandschef Reinhard Faulstich. Für ihn überwiegen zudem die Chancen auf ein „kräftiges Wachstum“ in Deutschland, von dem dann auch die Region profitiere.

Der Chef der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda, Waldemar Dombrowski, rechnet zwar damit, dass der gegenwärtige Lockdown „Bremsspuren“ hinterlassen werde, sich der Landkreis aber weiter als „ziemlich stabil“ erweisen wird.  „Ich bin zuversichtlich, dass sich die Lage im Frühjahr wieder allmählich entspannen wird, sobald der Impfprozess erste positive Auswirkungen zeigt.“ Die Aussicht auf die Rückkehr zu einer neuen Normalität werde bei Konsumenten und Unternehmen Vertrauen schaffen, das sich positiv auf die Konjunkturlage auswirken dürfte, so Dombrowski.

Diese Meinung teilt auch Julia Kossack vom Servicecentrum der IHK im Landkreis. Auch sie geht davon aus, dass sich die regionale Wirtschaft wieder erholen wird, die Auswirkungen der Krise auf einzelne Branchen sieht sie aber differenziert. Handel und Gastronomie seien sehr stark betroffen, die Industrie „kommt vergleichsweise gut durch die Krise“, so Kossack.

Ähnlich differenziert äußert sich Hans-Wilhelm Saal, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Das Baugewerbe schaue „verhalten positiv“ nach vorn, Bäcker, Metzger und Friseure haben Probleme.

Unternehmen, die bisher ohne Kurzarbeit oder finanzielle Unterstützung durch die Krise gekommen sind, „werden sich wahrscheinlich auch in den nächsten Wochen und Monaten behaupten können“, meint der Chef der Wirtschaftsförderung Bernd Rudolph.

Von Arbeitslosigkeit bis Digitalisierung: Das sagen die Experten

Wie wird sich die Konjunktur im Kreis gerade nach der Corona-Krise entwickeln? Das wollte unsere Zeitung von führenden Wirtschaftsexperten der Region wissen. Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Reinhard Faulstich, der Geschäftsführer der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda, Waldemar Dombrowski, die Leiterin des IHK-Servicecentrums Julia Kossack, der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hans-Wilhelm Saal und der Leiter der Wirtschaftsförderung Bernd Rudolph beantworten die wichtigsten Fragen:

Wie wird sich die Konjunktur im Kreis entwickeln?

Alle Experten verweisen darauf, dass unser Kreis dank seiner robusten Wirtschaftsstruktur bislang verhältnismäßig gut durch die Corona-Krise gekommen ist. Allerdings habe die Pandemie die Tendenzen hin zu einer „demokratischen Staatswirtschaft“ erhöht, warnt Reinhard Faulstich, die Krise werde – gestützt durch die Null- und Negativzinspolitik – „sehr großzügig abgefedert“. Dabei dürften aber auch andere wichtige Handlungsfelder wie die Klimawende, corona-bedingte Verhaltensänderungen oder die Digitalisierung nicht aus den Augen verloren werden. Waldemar Dombrowski erinnert daran, „die Region wegen der internationalen Arbeitsteilung nicht isoliert“ zu betrachten. Auch, „was am anderen Ende der Welt geschieht, hat Auswirkungen auf Waldhessen“. Wirtschaftsförderer Bernd Rudolph glaubt, nur wenn die Impfungen auch Erfolg hätten, sei ab „dem IV. Quartal 2021 wieder mit einer gewissen Normalisierung auch für derzeit stark belastete Branchen, zu rechnen“.

Wie ist die Auftragslage für Handel, Handwerk und Industrie für 2021?

„Die meisten Unternehmen hier im Landkreis sind solide aufgestellt. In Handwerk und Industrie besteht eine überwiegend auskömmliche, wenn nicht gute bis sehr gute Auftragslage“, sagt Sparkassenchef Faulstich. Etwas Differenzierter sieht das der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hans- Wilhelm Saal: „Laut Aussage des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie und des Zentralverbandes des deutschen Baugewerbes schauen die Bauunternehmen verhalten positiv nach vorne und erwarten für 2021 ein Nullwachstum“, berichtet er. Das Ausbau-Gewerbe laufe positiv. Im Lebensmittelhandwerk hätten Bäcker und Metzger – vor allem jene mit angeschlossenem Catering – oder gastronomische Einrichtungen Probleme. Friseure litten unter Betriebsschließung. Die Kfz-Branche kämpfe neben Corona auch mit der Abgas- und Klimathematik. Im industriellen Sektor sei die Auftragslage noch gut, sagt Julia Kossack von der IHK. Entscheidend werde aber auch die Nachfrage aus dem Ausland sein. „Protektionistische Tendenzen sind für eine Exportnation schlecht.“

Was bedeutet das für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Region?

Arbeitsagenturchef Waldemar Dombrowski geht davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt auch weiterhin im Hessenvergleich „ordentlich behaupten wird“. Der Versandhandel profitiere von der Pandemie, das käme auch Teilen der Lager- und Logistikbranche und Berufskraftfahrern zugute. Er fürchte aber, dass Unternehmen und der „öffentliche Sektor“ wegen der Konsolidierung ihrer Finanzen zukünftig weniger Aufträge vergeben könnten. „Sorgen bereiten uns die Unternehmen aus dem Hotel- und Gaststättenbereich und kleine Einzelhandelsgeschäfte, die momentan verstärkt das Instrument der Kurzarbeit nutzen, um Entlassungen weitestgehend zu vermeiden. Gerade in der Hotel- und Gaststättenbranche werden nach Bewältigung der Pandemie die Personalengpässe wieder sichtbar werden“, warnt Dombrowski.

Wie werden sich die Insolvenzen entwickeln?

„Unternehmen und Soloselbstständige deren Geschäftsmodelle auf dem persönlichen Kontakt mit Ihren Kunden basieren, werden ihre Umsatzrückgänge auf Dauer kaum aus eigener Kraft auffangen können“, fürchtet Wirtschaftsförderer Bernd Rudolph. Diese Gefahr sieht auch Sparkassenchef Faulstich. Er bemerke in vielen Gesprächen mit Unternehmen und Kunden aber auch „ein hohes Verantwortungsbewusstsein mit dem Ziel, sich dem Wandel anzupassen und nicht zum ‘Zombie-Unternehmen’ zu werden.“ Bei den Privatpersonen werde viel davon abhängen, ob Arbeitsplätze in beachtlichem Umfang verloren gehen. Für die Arbeitsagentur verweist Waldemar Dombrowski darauf, dass die Insolvenzantragspflicht erneut – nun bis zum 31. Januar 2021 – ausgesetzt wurde, um die staatlichen Rettungsbemühungen für die Wirtschaft nicht zu konterkarieren. „Im Jahresverlauf gehe ich von einem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen aus, eine Welle sehe ich derzeit nicht.“

Welche anderen wichtigen Wirtschaftsthemen werden 2021 wichtig?

Die Digitalisierung und die Ausbildung werden hier von den Fachleuten an erster Stelle genannt. Gerade für die Attraktivität der dualen Ausbildung müsse daher weiterhin verstärkt geworben werden, mahnt Julia Kossack von der IHK. Sie findet aber auch, dass sich die Region in diesem Gebiet bereits 2020 „vorbildlich engagiert“ habe. Dies beizubehalten stelle das Handwerk auch 2021 wieder vor „große Herausforderungen“, weiß Hans-Wilhelm Saal. Von der Arbeitsagentur berichtet Waldemar Dombrowski, man habe „bereits zahlreiche Ausbildungsstellen für 2021 rekrutiert“ registriere bei anderen aber auch „eine durchaus nachvollziehbare Abwartehaltung“. Wirtschaftsförderer Bernd Rudolph befürchtet, dass wegen der Corona-Pandemie andere Themen nicht die nötige Beachtung erhalten. Ein Beispiel sei die Digitalisierung, die „schlagartig in weiteren Lebensbereichen Einzug gehalten hat und noch höheres Gewicht erhalten wird“. Deshalb gelte es gerade für 2021, „die aus diesen Veränderungen entstehenden Herausforderungen und Möglichkeiten zu erkennen und darauf Antworten zu finden“. (Von Kai A. Struthoff)

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