Kirche und Hilfsorganisationen schlagen Alarm

Im Kreis Hersfeld-Rotenburg fehlt günstiger Wohnraum für sozial Schwache

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Die Idylle trügt: Die Diakonie übt Kritik an den Zuständen im Wassermannseck in Bad Hersfeld. In dem blauen Container wird Bettwäsche und Ausstattung gelagert.

Am 10. September ist Tag der Wohungslosen: Aus diesem Anlass warnen Hilfsorganisationen, dass auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg günstiger Wohnraum für sozial Schwache fehlt. In einer Notunterkunft in Bad Hersfeld wuchert Schimmel.

Neue Wohnungen entstehen im Landkreis vielerorts. Ein Mangel bestehe jedoch nach wie vor an kleinen, günstigen Wohnungen für sozial Schwache. Das sagen die Vertreter des Zweckverbands für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg sowie der Wohnraumhilfe Bad Hersfeld mit Blick auf den heutigen Tag der Wohnungslosen.

Zehn Betten in drei Übergangswohnungen für Wohnungslose

„Es gibt extrem wenige bezahlbare und vom Amt akzeptierte Wohnungen“, so Regina Lang, Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe. Man lande heute schnell im Arbeitslosengeld II, und immer öfter komme es auch vor, dass Rentner, „aus ihrer Wohnung fliegen“ und keinen bezahlbaren, barrierefreien Ersatz fänden. 26 Klienten betreut die Wohnraumhilfe aktuell. Lang hat außerdem festgestellt: „Die Leute, die zu uns kommen, werden jünger. Viele sind erst zwischen 20 und 30 Jahren alt.“ Zehn Betten in drei Übergangswohnungen hält der Verein zwar bereit. Aber: „Wir platzen aus allen Nähten.“

Verschiedene Angebote für Wohnungslose im Kreis 

2179 Kontakte hat die Fachberatungsstelle mit Tagesaufenthalt für Wohnungs- und Obdachlose der Diakonie in Bad Hersfeld seit Januar 2019 verzeichnet, 136 Personen seien regelmäßige Klienten. Davon hätten 43 keinen festen Wohnsitz, berichtet Gundula Pohl, wobei die klassischen „Berber“ auf der Durchreise eher selten geworden seien. Anonym und ungezählt bleiben die Kunden im Café Bilder in Bebra mit Waschgelegenheit und Kleiderkammer. Für von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffene und bedrohte Menschen gibt es im Kreis verschiedene Angebote und Anlaufstellen.

650.000 Wohnungslose deutschlandweit

Im Sinne der Gefahrenabwehr sind auch die Kommunen verpflichtet, eine Notunterkunft vorzuhalten, was jedoch nicht überall der Fall ist. In Bad Hersfeld stehen zusätzlich zu einer Frauenwohnung im sogenannten Wassermannseck gleich 18 Plätze zur Verfügung, die von einigen Bewohnern allerdings als Dauerlösung missbraucht werden. Die Diakonie kritisiert zudem seit Längerem die dortigen Zustände.

Auch die Stadt Bebra hält der Gesetzeslage entsprechend eine Wohnung als Notunterkunft vor, die laut Ordnungsamtsleiter Friedhelm Eyert in unregelmäßigen Abständen genutzt wird. „Wir achten genau darauf, dass die Wohnung nur kurzfristig und von tatsächlich Obdachlosen genutzt wird.“ In Rotenburg wurde 2012 ein Wohncontainer angeschafft, der drei- bis viermal pro Jahr benötigt wird, wie Fachdienstleiter Ulf George berichtet. Nur ganz selten wird die Notwohnung in Heringen nachgefragt, so Fachbereichsleiter Kai Adam.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gibt es in Deutschland circa 650 000 Wohnungslose. 

"Menschenunwürdige Zustände im Wassermannseck"

Sehr deutliche Worte findet Jens Haupt, der Geschäftsführer des Zweckverbands für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg für die Zustände in der Bad Hersfelder Obdachlosenunterkunft Wassermannseck, die etwas versteckt in der Verlängerung der Straße Am Ententeich liegt. „Die Verhältnisse dort sind menschenunwürdig“, sagt Haupt. 

Jens Haupt

Schon seit 2017 bemühen sich Haupt und seine Mitarbeiter darum, gemeinsam mit der Stadt eine bessere Lösung zu finden. Allerdings fehle es an Rückmeldungen ebenso wie an konkreten Maßnahmen. Vier Aspekte habe man etwa in einem Brief an den Magistrat im Sommer 2018 hervorgehoben, die aus Sicht der Diakonie besonders problematisch seien. Dazu zählten die hygienischen Zustände und mangelnder Brandschutz, zudem fehle eine Küche beziehungsweise Kochgelegenheit und soziale Betreuung. Der Erste Stadtrat sei auf erneute Einladung zwar einmal kurz zu einem Treffen des Runden Tischs Wohnungslosigkeit gekommen, gehört habe man aber auch seitdem nichts, berichten Haupt und seine Kollegin Gundula Pohl. 

Starker Schimmelbefall im Wassermannseck

Der starke Schimmelbefall sei auch der Grund, warum die Diakonie seit einigen Monaten keinen Mitarbeiter mehr ins Wassersmannseck mitschicke, zu groß sei die Gefahr gesundheitliche Schäden davonzutragen. Brandgefahr sehen Haupt und Pohl vor allem durch unsachgemäß genutzte Heizlüfter, die angeschafft worden seien, weil es keine Heizung gibt. „Diese werden als Grill missbraucht, aufs Bett gestellt oder laufen im Dauerbetrieb“, berichtet Pohl. Passiert sei bisher zwar noch nichts. Aber: „Wir wollen verhindern, dass etwas pasiert“, so Haupt. Das Schlimmste, was der Stadt passieren könne, sei, dass in der Unterkunft jemand zu Schaden komme. Ein weiteres Problem sei, dass das Wassermannseck von einigen Bewohnern dauerhaft genutzt werde, was zu Konkurrenzverhalten führe, wenn jemand neu zugewiesen werde. 

Der Schimmelbefall im Wassermannseck.

Eines macht der Geschäftsführer und Pfarrer allerdings auch deutlich: „Wir wollen niemanden beschuldigen, sondern konstruktiv mitarbeiten.“ Dem Pressesprecher der Stadt, Meik Ebert, ist die Kritik bekannt. „Die Zustände sind nicht optimal“, so Ebert. Dass es nicht in jedem Fall eine Rückmeldung gebe, bedeute jedoch nicht, dass sich in der Verwaltung niemand kümmere. Allerdings sei es mitunter schwierig, Veränderungen umzusetzen, etwa weil sich die Bewohner gegenüber den Mitarbeitern aggressiv verhielten. Ebert betont zudem: „Es handelt sich gemäß des gesetzlichen Auftrags um eine Notunterkunft, nicht um ein betreutes Wohnheim.“ Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes seien keine Sozialarbeiter. 

Zweimal in der Woche sehe ein Hausmeister nach dem Rechten und erledige kleinere Reinigungs- und Reparaturarbeiten. 10.000 bis 11.000 Euro gibt die Stadt laut Ebert pro Jahr für „Sanierungen im gegebenen Rahmen“ aus. In Kürze sollen beispielsweise Wasserfilter erneuert werden. Sowohl das Gebäude als auch das Grundstück gehören der Stadt – eine Alternative soll der Stadtpolitik im Oktober vorgelegt werden, sodass sich eventuell mittelfristig eine andere Lösung abzeichne. Für die Polizei ist das Wassermannseck kein besonderer Einsatzort. Zwar sei es in den vergangenen Jahren sporadisch aus unterschiedlichen Gründen zu polizeilichen Maßnahmen gekommen, eine signifikante Steigerung ist laut Sprecher Stephan Müller aber nicht zu verzeichnen

Am Mittwoch Fest am Lullusbrunnen

Unter dem Motto „Ein Dach für alle in Bad Hersfeld“ laden die Wohnraumhilfe Bad Hersfeld und die Fachberatungsstelle für Wohnungslose und Obdachlose des Zweckverbands für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg am Mittwoch, 11. September, von 11 bis 16 Uhr zu einem informativen Fest am Lullusbrunnen ein. Interessierte haben die Gelegenheit, sich rund um das Thema zu informieren, unter anderem wird in einem Zelt der Film „Draußen“ gezeigt. Die Aktion soll außerdem dazu dienen, Barrieren, Vorurteile und Ängste abzubauen.

Quelle: Hersfelder Zeitung

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