Seit über einem Jahr herrscht Schweigen

Zwischen Angst und Hoffnung: Kreischorleiter Ullrich Meiß über Gesang in der Pandemie

Ein begeisterter Chorleiter, ergriffene Sänger: Das Bild zeigt Stefan Sunkel mit dem aus Frauensingkreis und Männerchor Rohrbach zusammengesetzten Gemischten Chor beim ersten Ludwigsauer Kirchspielgottesdienst im Jahr 2018.
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Ein begeisterter Chorleiter, ergriffene Sänger: Stefan Sunkel mit dem aus Frauensingkreis und Männerchor Rohrbach zusammengesetzten Gemischten Chor beim ersten Ludwigsauer Kirchspielgottesdienst im Jahr 2018.

Stillstand oder genauer gesagt Schweigen herrscht seit über einem Jahr bei den 54 Chören im Sängerkreis Hersfeld, der den ehemaligen Landkreis Bad Hersfeld umfasst.

Bad Hersfeld- Das berichtet Kreischorleiter Ullrich Meiß auf Anfrage unserer Zeitung. Es habe nur wenige Versuche gegeben, unter Einhaltung der Hygiene-Bedingungen Proben abzuhalten, zum Beispiel im Freien im Sommer. Konzerte, Feste, Veranstaltungen – alles wurde abgesagt. „Das ist die größte Zäsur im Chorgesang seit dem Zweiten Weltkrieg“, stellt Ulli Meiß fest. Während des Krieges mussten die Gesangvereine, zumeist Männerchöre, pausieren, doch viele nahmen nach Kriegsende so schnell wie möglich den Probenbetrieb wieder auf.

Bisher habe noch kein Chor coronabedingt aufgegeben, sagt Meiß. Der Sängerkreisvorstand habe noch keine Abmeldung erhalten. Doch die Sorge ist groß, dass viele Chöre nach der langen Zwangspause feststellen, dass sie nicht mehr weitermachen können. Der seit Jahren anhaltende Mitgliederschwund sei ein allgemeiner Trend und zunächst kein coronaspezifisches Problem, erläutert der Chorleiter. Noch könne man nicht beurteilen, wie sich die Pandemie auf die Chöre auswirke.

Die Stimmung in den Chören ist ambivalent, eine Mischung aus Frustration, Angst und Sorge, wie es weitergeht, aber vor allem Hoffnung, berichtet Meiß. Für die Sängerinnen und Sänger ist der Gesangverein nicht nur irgendein Termin in der Woche, die Proben sind ein Treffen mit Freunden, das Erleben von Gemeinschaft, das gute Gefühl, gemeinsam etwas zu erreichen, was einem selbst guttut und anderen Freude macht. Die soziale Leere, die sich infolge der Kontaktbeschränkungen breitmacht, wollen viele Aktive nicht einfach so ist hinzunehmen. Sie wollen wieder anfangen, sobald es möglich ist, auch wenn der Neustart möglicherweise schwer ist. Vielleicht klappt es aber auch besser als erwartet, das werde sich zeigen, wenn wieder gesungen werden dürfe.

Ulli Meiß, Kreischorleiter des Sängerkreises Hersfeld.

Auftritte und Jubiläen sind allerdings für das Jahr 2021 nur vereinzelt in Planung. Zum einen natürlich, weil der Trainingsrückstand groß ist, zum anderen, weil es zurzeit noch einfach zu viele Unwägbarkeiten gibt.

Mit Online-Formaten, virtuellem Singen oder Chorproben als Videokonferenz haben die wenigsten Chöre experimentiert. Das sei technisch zu aufwendig, zu unpersönlich und steril und könne das soziale Miteinander und die direkte Anleitung durch den Chorleiter nicht ersetzen, war die einhellige Meinung der von Kreischorleiter Ulli Meiß befragten Sängerinnen und Sänger.

Ein außergewöhnliches Modell ist jedoch der Obersbergchor: Auch während der Pandemie fand der Gesangs-Einzelunterricht, an dem jede Woche rund 50 Schülerinnen teilnehmen, unter Einhaltung strengster Regelungen durchgehend statt. „Ein Segen für die motivierten Jugendlichen“, sagt Ulli Meiß. Im vergangenen Sommer fanden auch Proben im Freien und auf Abstand statt sowie ein öffentlicher Auftritt aus den Fenstern des Bad Hersfelder Rathauses.

Ungeachtet der augenblicklich niederschmetternden Situation blickt der Sängerkreisvorstand nach vorne. Der zum zweiten Mal verschobene Kreissängertag soll im Herbst nachgeholt werden, ebenso halten die Verantwortlichen an der geplanten Fortbildung am 4. September fest. (red/zac)

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