Auslastung der Kommunen nahezu 100 Prozent

Krippenplätze im Kreis Hersfeld-Rotenburg sind knapp

Krippengruppe Weiterode, vl Leiterin Doris Janßen, Erzieherin Nadine Jeppe und Berufspraktikantin Tessa Leise, Foto: Clemens Herwig
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Kein Platz für mehr Spielkameraden: die grippegeschwächte Krippengruppe der Kita Rappelkiste mit von links Kitaleiterin Doris Janßen, Erzieherin Nadine Jeppe und Berufspraktikantin Tessa Leise.

Die Kommunen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg sind bei der Kinderbetreuung ausgelastet, besonders Krippenplätze sind knapp. 

Und das, obwohl häufig nicht einmal die Hälfte der Eltern von Kindern unter drei Jahren einen Betreuungsplatz in Anspruch nimmt. Städte wie Rotenburg und Bebra rechnen allerdings damit, dass bald Versorgungsquoten von bis zu 60 Prozent gefragt sind. Viele Kommunen planen daher Erweiterungen und Neubauten – und suchen entsprechend Personal.

„Unsere Einrichtungen sind zum Bersten gefüllt“, sagt Heringens Bürgermeister Daniel Iliev. In der Kleinstadt gibt es acht kommunale Einrichtungen sowie die kirchliche Kita in Kleinensee, insgesamt stehen für Kinder im Krippenalter etwa 60 Plätze zur Verfügung. 134 Kinder in Heringen sind unter drei Jahren alt, es gibt Nachrückerlisten mit Wartezeiten bis zu einem halben Jahr. Wunschplätze können nicht mehr bedient werden.

Städte rechnen bereits mit Bedarf von 100 Prozent

Ähnlich ist die Situation in Bebra, im Schnitt warten 20 bis 30 Eltern und ihre Kinder auf einen Krippen- oder Kitaplatz, heißt es aus dem Rathaus. Für die Kommunen ist die Betreuungsplanung für die Krippen eine Herausforderung, weil es keine Richtlinie zur Inanspruchnahme gibt: „Wir arbeiten mit Erfahrungswerten, Trends und den Einwohnerdaten“, sagt Uli Rathmann vom Fachbereich Generationen. Bei einer Elternbefragung vor vier Jahren in Bebra gaben 45 Prozent an, ihre Kinder zur Betreuung geben zu wollen. „Bei Kitaplätzen gibt es bereits eine Nachfrage von 100 Prozent. Dahin wird die Entwicklung auch bei den Krippenplätzen gehen“, sagt Rathmann.

Diese Einschätzung teilt auch Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald: „Bei der Krippe hat sich die Wahrnehmung und Selbstverständlichkeit des Angebots grundlegend geändert.“ Kopfzerbrechen bereitet dem Rathauschef weniger die Schaffung von Betreuungsplätzen – Rotenburg plant einen fünfgruppigen Neubau in Braach und will die Kita „Dreikäsehoch“ modernisieren – sondern die Personalfrage: Der Markt sei jetzt schon umkämpft.

Trend geht zur Krippenbetreuung

Ein Babyboom für die Auslastung der Kommunen scheidet als Grund aus: Die Geburtenzahlen sind seit 2016 auf einem ähnlichen Stand, jährlich werden knapp 1000 Kinder im Kreis geboren, heißt es aus dem Landratsamt. „Eltern haben einen größeren Bedarf an Krippenplätzen“, vermutet Dirk Langheld, stellvertretender Fachdienstleiter der Kinder- und Jugendhilfe. „Eine Möglichkeit dafür könnte die verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.“ 

Den Trend zur Krippenbetreuung können auch Erzieherinnen bestätigen: „Ein Kind in die Krippe zu geben, hat sein Stigma verloren“, sagt Nadine Jeppe von der Weiteröder Kita Rappelkiste. Mittlerweile laute die Frage wohl eher: „Wie, du bist immer noch mit deinem Kind zu Hause?“. In der Krippe ist derzeit kein Platz frei, für die Kita läuft zudem eine Sondergenehmigung zur Überbelegung. In der Bebraer Kernstadt fehlen rechnerisch rund 70 Betreuungsplätze für Kinder vor dem Schuleintritt, die in den Ortsteilen ausgeglichen werden. Einige Eltern warten auf ihre Wunscheinrichtung, verteilt werden letztendlich etwa 40 Kinder, so die Schätzung im Rathaus. 

Als Lösung bleibt nur der Ausbau

Eine Dauerlösung ist eine Überbelegung nicht, gerade für Krippen: „Kinder unter zwei Jahren haben einen unheimlichen Pflegebedarf“, sagt Doris Janßen, Kitaleiterin in Weiterode. Eine Erzieherin sei praktisch ununterbrochen im Wickelbad, Gruppen mit mehr als zwölf Plätzen seien nur mit Kindern ab zwei Jahren möglich, die bereits „eine gewisse Selbstständigkeit mitbringen“. 

Für Bebra bleibe nur der Ausbau der verfügbaren Betreuungsplätze, zu dem die Stadt auch verpflichtet ist, sagt Stefan Knoche, seit März Bürgermeister. Im Zuge der geplanten Stadtentwicklung könne an der Grundschule im Göttinger Bogen etwa ein Familienzentrum mit Betreuungsplätzen entstehen. 

Viele Kommunen kommen zum gleichen Ergebnis. Derzeit gibt es laut Landratsamt 1045 Krippenplätze im Kreis – in den kommenden Jahren sollen 168 Plätze hinzukommen. In Ronshausen nimmt der geplante Ausbau der Kindertagesstätte Regenbogen mit rund 500 000 Euro knapp die Hälfte der geplanten Investitionen für 2020 ein. Auch Alheim, Bad Hersfeld, Friedewald, Hauneck, Haunetal, Niederaula, Philippsthal, Rotenburg und Wildeck planen Neubauten oder Erweiterungen. Die Gemeinde Ludwigsau hat in Friedlos gerade ihre Kindertagesstätte modernisiert. 

Konkurrenz bei der Personalsuche

Heringen will mittel- bis langfristig vor allem im Krippenbereich neue Kapazitäten schaffen – doch das ist auch eine Frage des Geldes, so Bürgermeister Daniel Iliev. Größter Faktor sind nicht die Bau-, sondern die Personalkosten: Heringen habe derzeit laufende Ausgaben von 2,1 Millionen Euro. Ronshausens Bürgermeister Becker rechnet nach dem Ausbau mit einem Anstieg der Personalkosten um 300 000 Euro – derzeit zahlt die Gemeinde jährlich eine halbe Million Euro. 

Zudem müssen die Stellen besetzt werden. Während Kommunen wie Bebra und Hauneck zuversichtlich sind, Betreuer zu finden, sehen einige Bürgermeister ein wachsendes Problem: „Die Konkurrenzsituation ist da“, sagt Markus Becker. Wenn viele Kommunen gleichzeitig auf der Suche sind, komme es bereits darauf an, wie viele Wochenstunden jeweils angeboten werden könnten. „Wir haben jetzt schon einen umkämpften Arbeitsmarkt mit Wechseln von einer Kommune zum Nachbarn“, sagt auch Rotenburgs Rathauschef Christian Grunwald.

Hintergrund: Ein Kind, mehrere Plätze

Die maximale Größe und Zusammensetzung der Gruppen in der Kindertagesbetreuung sind gesetzlich geregelt. Grundsätzlich gilt: maximal 25 Kinder pro Gruppe, bei Kinder unter drei Jahren und mit erhöhtem Betreuungsbedarf wird die Gruppengröße kleiner. In reinen Krippengruppen dürfen nicht mehr als 12 Kinder betreut werden. Das Jugendamt kann bei Ausnahmesituationen einer befristeten Überbelegung zustimmen, die maximal zwei Kinder umfasst.

Hintergrund: Lange Ausbildung für Erzieherinnen

Die Ausbildung für staatlich geprüfte Erzieherinnen und Erzieher ist zeitintensiv und setzt die Mittlere Reife oder einen vergleichbaren Abschluss voraus. Nach zwei Jahren Unterricht in einer Fachschule sind die Auszubildenden zunächst Sozialassistenten, nach weiteren zwei Jahren Erzieher. Es folgt ein vergütetes Anerkennungsjahr mit Abschlussprüfung. Entsprechende Fachschulen in der Region gibt es beispielsweise in Philippsthal-Heimboldshausen, Hünfeld, Marburg und Kassel. 

Seit Kurzem gibt es zudem auch in Hessen die Möglichkeit einer dreijährigen und bezahlten praxisintegrierten Ausbildung (Pia) nach Abschluss der Sozialassistenz oder einer gleichwertigen Qualifikation.

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