Interview mit Lee Hyun-Jong

Südkoreanischer Landrat über Wiedervereinigung: „Sind neidisch auf Deutschland“

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Spricht im Interview über die Chancen einer koreanischen Wiedervereinigung, deutsche Intelligenz und Donald Trump: Lee Hyun-Jong, Landrat aus dem südkoreanischen Cheorwon.

Hersfeld-Rotenburg. Stacheldraht, Elektrozäune, Panzer: 8400 Kilometer Luftlinie trennen  Hersfeld-Rotenburg und Cheorwon in Südkorea. Und doch haben sie eine Gemeinsamkeit.

Sie eint die Erfahrung, vor der Haustür eine schier unüberwindbare Grenze zu den eigentlichen Landsleuten zu haben. Aus dieser traurigen Gemeinsamkeit ist eine Freundschaft entstanden. Um diese auszubauen, hat in der vergangenen Woche eine südkoreanische Delegation mit Landrat Lee Hyun-Jong an der Spitze unseren Landkreis besucht. Wir haben uns mit dem 68-Jährigen zu einem Interview getroffen.

Herr Lee, wie groß ist Ihre Hoffnung auf eine koreanische Wiedervereinigung?

Lee: Ich habe große Hoffnungen. Unser neuer Präsident Moon Jae-In versucht auf diplomatischer Ebene, sich Nordkorea anzunähern. Und Nordkorea versucht, mit den USA im Gespräch zu bleiben. US-Präsident Donald Trump und Kim Jong-Un haben zwar eine spezielle Persönlichkeit und sprechen ihre eigene Sprache. Das ist nicht immer einfach. Ich kann mir gut vorstellen, dass Präsident Moon sich viele Sorgen macht und hofft, dass das alles nicht schief läuft. Die mache ich mir auch, erhoffe mir von den Gesprächen aber gute Ergebnisse.

Deutschland ist nun bald schon 30 Jahre wiedervereint. Doch noch immer gibt es hierzulande Diskussionen, ob Ost- und Westdeutschland wirklich schon vereint sind. Wie schaut man in Südkorea auf die deutsche Einigung?

Lee:Wir sind neidisch auf Deutschland, weil die deutsche Wiedervereinigung so reibungslos und friedlich geklappt hat. Wir können von den Deutschen viel lernen. Sie sind die besseren Bürger.

Bessere Bürger? Das müssen Sie erklären.

Lee: Wenn wir Südkoreaner uns die Deutschen vorstellen, dann sehen wir intelligente, rational denkende Menschen, die sehr stark in ihrer Willenskraft sind, sehr präzise und wissenschaftlich denkend. Deshalb hat die Wiedervereinigung Deutschlands so gut funktioniert. In der Beziehung können wir von Deutschland viel lernen.

Hätten wir dieses Interview in der Heimat von Herrn Lee geführt, wäre es jetzt vermutlich beendet. In Südkorea sei es nämlich üblich, nur drei Fragen zu stellen, so die Übersetzerin. Für unsere Zeitung macht Herr Lee aber eine Ausnahme.

Sie waren bereits 2017 zu Gast im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Schon damals hatten Sie Interesse an „einer engeren und vertrauensvollen Zusammenarbeit“ bekundet. Wie ist der Stand der Dinge?

Lee: Viel ist bisher nicht passiert. Doch wir haben uns jetzt in Arbeitsgesprächen intensiv ausgetauscht und viele Dinge herausgearbeitet, die wir jetzt Schritt für Schritt vertiefen wollen. Wir wollen unsere Freundschaft ausbauen.

Zum Beispiel?

Lee: Auf der kulturellen Ebene ist ein musikalischer Austausch zwischen einem Schülerchor aus Cherowon und einem Schülerchor der Obersbergschulen entstanden. Im nächsten Monat reist ein Chor aus Bad Hersfeld nach Cheorwon. Auf der Verwaltungsebene schauen wir, wer wo von wem lernen kann. So haben wir einerseits festgestellt, dass Cheorwon bei der Internetversorgung Hersfeld-Rotenburg weit voraus ist. Andererseits haben wir gelernt, dass wir uns bei der Anzahl der Urlaubstage verbessern könnten. Unsere Mitarbeiter haben nur 20 Tage Urlaub im Jahr, wovon aber im Schnitt nur 15 genommen werden.

Was nehmen Sie - abgesehen von den Souvenir-Tassen mit dem Hersfeld-Rotenburg-Wappen, die Ihnen der Landkreis geschenkt hat – mit aus Deutschland?

Lee: Besonders beeindruckend für mich war, dass sich Landrat Dr. Michael Koch persönlich viel Zeit genommen hat, um uns viele Dinge zu zeigen und zu erklären. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn er uns besucht, möchte ich ihm auch gerne möglichst viel von Cheorwon zeigen. In Erinnerung bleiben wird mir auch, wie schnell sich die Schüler beider Länder trotz sprachlicher Barrieren in dieser Woche angefreundet haben. Wenn alle Erwachsenen so wären wie die Kinder, hätten wir eine bessere Welt. Und nicht so viele Grenzen.

Zur Person: 

Lee Hyun-Jong ist seit fünf Jahren Landrat in Cheorwon. Er ist 68 Jahre alt und gehört der Jayu-Hanguk-Dang an, der konservativen Freiheitspartei Koreas. Bevor er Landrat wurde, war er Beamter in einer Verwaltung, ging mit 60 Jahren in Pension. Im Ruhestand war er vielfach ehrenamtlich engagiert und entschied sich dann, in die Politik zu gehen. Lee – der Nachname steht im Südkoreanischen stets vorn – ist verheiratet und hat zwei Söhne. 

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