Montagsinterview mit Anja Staab

Leiterin der Volkshochschule: „Wir suchen händeringend nach Kursleitern“

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Freut sich auf das neue Semester: Anja Staab, Leiterin der Volkshochschule Hersfeld-Rotenburg, hier mit dem neuen Kursprogramm.

Zum Start ins neue Semester spricht die Leiterin der Volkshochschule, Anja Staab, über Konkurrenz aus dem Internet,  den sozialpolitischen Auftrag und die Finanzierung. 

Die Volkshochschule in Deutschland wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Zum Start ins neue Semester am heutigen Montag spricht Anja Staab, Leiterin der VHS Hersfeld-Rotenburg, über Konkurrenz aus dem Internet, ihren sozialpolitischen Auftrag und die Finanzierung der Erwachsenenbildung.

Frau Staab, als sich 1919 die Volkshochschule etablierte, ging es vor allem darum, sozial Benachteiligten die Teilhabe an Bildung und Kultur zu ermöglichen. Warum brauchen wir heute noch eine Volkshochschule?

Vor allem deshalb, weil es auch heute viele Menschen gibt, die mit Schule und Ausbildung nicht die beste Erfahrung gemacht haben. Die Volkshochschule ist bewusst niedrigschwellig angesetzt. Teilnehmer können so erleben, dass Lernen Spaß macht. Sie müssen sich nicht für viel Geld und einen längeren Zeitraum binden. Bei uns kann man Dinge ausprobieren. Hinzu kommt, und das merken die Teilnehmer auch, dass wir nicht daran interessiert sind, mit unseren Angeboten Gewinn zu erzielen – das dürfen wir auch gar nicht.

Wer Kochen lernen möchte, bekommt Tipps von Sternenköchen kostenlos bei Youtube, wer eine Sprache lernen will, kann per Smartphone-App zuhause auf der Couch üben.

Klar, bei Youtube kann ich mir viele Dinge anschauen. Aber ich habe dort keine Qualitätskontrolle, ob derjenige, der mir etwas erklärt, das auch wirklich kann. In der VHS sind sämtliche Kursleiter auf Herz und Nieren geprüft. In vielen Bereichen, wie beim Resilienztraining oder der Rückengymnastik, wären Fehler auch fatal, vor allem bei gesundheitlich angeschlagenen Menschen. Und noch ein Wort zu den Vokabel-Apps aus dem Internet: Sprache kann man nicht alleine auf der Couch lernen. Sprache lebt von echter Kommunikation.

Trotzdem: Wie wollen Sie langfristig gegen Angebote aus dem Internet bestehen, die oft kostenlos sind und keine Terminbindung besteht?

Unser Trumpf ist die Gemeinschaft und der sozialpolitische Auftrag. Die Kursleiter schaffen es, Menschen mitzureißen, Gruppen über mehrere Semester zu etablieren. Das können technische Angebote nicht. Natürlich nehmen auch wir zur Ergänzung Apps mit in die Kurse, allerdings nur die, die auch wirklich zum Lernerfolg beitragen. Gerade ältere Menschen brauchen individuelle Hilfestellungen, man muss sich Zeit nehmen, auf sie eingehen. Private Anbieter können das oft nicht leisten, weil es damit kein Geld zu verdienen gibt.

Aber wird es nicht immer schwieriger, diejenigen zu erreichen, die mit dem „Volk“ gemeint sind?

Das kommt darauf an. Die Zahl der Menschen, die unsere Angebote wahrnehmen, ist recht konstant. Im vergangenen Jahr waren es 4336, im Jahr davor 4483. Der durchschnittliche Teilnehmer ist älter als 40 Jahre und weiblich. Fast 70 Prozent sind Frauen. Natürlich versuchen wir, über Lockangebote auch eine jüngere Klientel anzusprechen, etwa über Tennisangebote und Golf-Schnupperkurse. Allerdings ist die Nachfrage hier auf dem Land nicht zu vergleichen mit der in einer Großstadt wie Kassel. Das scheitert hier oft schon an der Verkehrsverbindung.

Ein VHS-Programm gibt bestenfalls Aufschluss darüber, was gerade en vogue ist. Als die Volkshochschulen Hersfeld und Rotenburg 1978 erstmals ein gemeinsames Programm auflegten, standen Pilz-Exkursionen, Kurse für Stenografie, Blockflöte und Hessenstickerei hoch im Kurs. All das wird nicht mehr angeboten. Was liegt jetzt im Trend?

Ganz neu im Programm sind Stand-up-Paddling in Kooperation mit den Kanu-Wanderern Hersfeld und Kroatisch. So beliebt, dass wir viel mehr Kurse anbieten könnten, ist Aquajogging, wo gerne mal 50 Leute auf der Warteliste stehen – wobei wir weder genügend Kursleiter, noch ausreichend Zeiten in den Bädern hätten. Ebenfalls gut nachgefragt sind die Bereiche Ernährung und Kochen sowie Kurse rund um die Smartphonenutzung.

Gibt es Kurse, die Auslaufmodelle sind?

Das ist schwierig zu beantworten, da sich Gesellschaft immer wandelt. Hessenstickerei beispielsweise hätten sie noch bis vor zwei Jahren bei uns im Programm gefunden. Bei den Kollegen in der Schwalm wird es das sicherlich auch noch in zehn Jahren geben. Wir stellen generell fest, dass es eine Rückbesinnung auf alte Kulturtechniken gibt, etwa das Brotbacken in den alten Backhäusern. Aber in der Tat gibt es Modeerscheinungen wie etwa Nordic Walking. In einem Semester hatten wir 100 Teilnehmer, jetzt haben wir keinen einzigen Kurs mehr.

Wie ist die Volkshochschule personell aufgestellt?

Alle hauptamtlichen Stellen sind besetzt, wir haben zehn Mitarbeiter und sind damit eine der kleinsten Volkshochschulen in Hessen. Dazu kommen rund 120 Kursleiter, die alle Honorarkräfte sind. Und da liegt auch das Problem. Wir suchen händeringend Kursleitende in vielen Bereichen, finden aber kaum noch welche.

Woran liegt das?

So hart das klingen mag, aber die gute wirtschaftliche Lage hier im Landkreis tut uns als Volkshochschule leider nicht so gut, da ein Großteil der Kursleitenden hauptberuflich woanders beschäftigt ist. Sie sind derzeit voll ausgelastet, leisten viele Überstunden und haben dann mitunter keine Zeit mehr, nach Feierabend noch einen Sprachkurs zu leiten. Als es unserem Landkreis wirtschaftlich schlechter ging, ging es uns in der Beziehung besser.

Wie sieht’s finanziell aus?

Unser Budget ist in Ordnung. Wir bekommen einen Landeszuschuss in Höhe von rund 110 000 Euro jährlich, hinzu kommen unsere eigenen Einnahmen aus Teilnahmeentgelten. Der Rest wird von unserem Träger, dem Landkreis, getragen. Das sind pro Jahr etwa 240 000 Euro.

Wenn Sie zum 100. Geburtstag einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Da sich das Land Hessen in den vergangenen Jahren stückweise immer mehr aus der Finanzierung zurückgezogen hat, würde ich mir wünschen, dass es als Gesetzgeber wieder einen größeren Teil der Kosten übernehmen würde.

Zur Person

Anja Staab (53) stammt gebürtig aus Kassel. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Stieftöchter und lebt in Bad Hersfeld. Seit 2001 ist sie Leiterin der Volkshochschule Hersfeld-Rotenburg, gibt selbst verschiedene Kurse. Anja Staab ist zudem Mitglied im CVJM-Posaunenchor der Evangelischen Kirche und als Turmbläserin sonntags regelmäßig auf der Bad Hersfelder Stadtkirche zu hören.

Quelle: Hersfelder Zeitung

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