Lieber nutzen statt versetzen

Landesamt für Denkmalpflege will die Zuse-Scheune erhalten

Für die einen ein Schandfleck, für die anderen ein erhaltenswertes Kulturdenkmal: Die Zuse-Scheune (Fachwerk) an der Wehneberger Straße/Knottengasse in Bad Hersfeld. Um den Abriss beziehungsweise den Erhalt wird seit Jahren gerungen.
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Für die einen ein Schandfleck, für die anderen ein erhaltenswertes Kulturdenkmal: Die Zuse-Scheune (Fachwerk) an der Wehneberger Straße/Knottengasse in Bad Hersfeld. Um den Abriss beziehungsweise den Erhalt wird seit Jahren gerungen.

Das Landesamt für Denkmalpflege hat nun seine Beweggründe für den Widerspruch gegen den Abriss die Zuse-Scheune erläutert.

Bad Hersfeld – Nachdem bekannt wurde, dass der Abriss der Zuse-Scheune in Bad Hersfeld mit dem Eingreifen des Landesamts für Denkmalpflege Hessen doch noch nicht beschlossene Sache ist, haben die Denkmalschützer auf Anfrage unserer Zeitung nun ihre Beweggründe für den Widerspruch erläutert.

Um den Erhalt beziehungsweise den Abriss der Zuse-Scheune ringen die Stadt und die ISB Projekt GmbH von Ingo Sauer schon seit Jahren. Im März hatte das Verwaltungsgericht in Kassel schließlich einem Antrag der GmbH zugestimmt und grünes Licht für den Abriss der alten Remise gegeben, in der Computer-Pionier Konrad Zuse einst seine ersten Rechner gefertigt haben soll. Die Stadt verzichtete anschließend auf Widerspruch, nicht aber das Landesamt für Denkmalpflege, das für das Land Hessen die Zulassung zur Berufung beantragt hat (wir berichteten kurz).

Auch das Landesamt für Denkmalpflege sei bereits seit vielen Jahren um den Erhalt des Gebäudes bemüht, es stehe als Denkmalfachbehörde jedoch weniger im Fokus als die zuständigen Genehmigungsbehörden vor Ort, erklärt Dr. Katrin Bek, die für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Der Denkmalwert des Gebäudes ergibt sich aus der regionalen und überregionalen Wirtschaftsgeschichte, zu der die Phasen der Tuchfabrikation und die Nutzung durch das Unternehmen Zuse gehörten. Städtebaulich relevant markiert die Remise den Stadteingang gegenüber dem ehemaligen Frauentor“, so Bek mit Blick auf die Zweifel, dass Zuse tatsächlich in der alten Remise gewirkt hat.

Zwar geht das dem Gerichtsurteil zugrunde liegende Gutachten davon aus, dass eine Sanierung einem Neubau gleichkäme – dennoch sei die Scheune aus Sicht des Denkmalschutzes erhaltenswert. „Das Gebäude weist eine für die frühindustrielle Zeit typische Gestaltung und Holzkonstruktion mit Backsteinausfachungen auf. Die ehemalige Fabriknutzung ist durch die für die Mitte des 19. Jahrhundert typische Bauform und -konstruktion in Fachwerk mit Backstein erkennbar. Es handelt sich um eines der ältesten, zu diesem Zweck errichteten Fabrikgebäude in Bad Hersfeld“, heißt es dazu unter anderem. Das Gebäude stelle den letzten baulichen Rest einer großen Tuchfabrik und einen frühen Vertreter der Fabrikarchitektur noch in der regionalen Tradition des Fachwerkbaus dar. Als frühere Tuchfabrik und früher Standort der IT-Technologie des mittleren 20. Jahrhunderts sei die Scheune ein bedeutendes Zeugnis der regionalen und überregionalen Wirtschaftsgeschichte.

Eine Translozierung – also eine Versetzung des Gebäudes/der Wiederaufbau an anderer Stelle – komme indes nicht in Frage. „Der Denkmalwert ist untrennbar an die Geschichte von Bad Hersfeld und die wirtschaftlichen Entwicklung der Region gebunden“, begründet das Landesamt dies. Um den langfristigen Erhalt zu sichern, bedürfe es gleichwohl einer angemessenen Nutzung. Da im Inneren des Gebäudes keine historisch relevante Ausstattung mehr vorhanden ist, sei eine Vielzahl von privaten, öffentlichen oder wirtschaftlichen Nutzungen denkbar. Konkreter äußern sich die Denkmalpfleger noch nicht.

Bis das Gericht über die Zulassung der Berufung entschieden hat, wird die Stadt keine Abrissgenehmigung erteilen. Man geht davon aus, dass dies bis zum Sommer dauern kann. Sollte die Berufung zugelassen werden, droht ein weiteres langwieriges Gerichtsverfahren. red/nm

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