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Lohnlücke zwischen Frauen und Männern im Kreis Hersfeld-Rotenburg besonders groß

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Von: Laura Hellwig

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Aufmerksam machen auf Ungerechtigkeit: Die Aktion des VdK zum Equal-Pay-Day in Bad Hersfeld.
Aufmerksam machen auf Ungerechtigkeit: Die Aktion des VdK zum Equal-Pay-Day in Bad Hersfeld. Unser entstand am Internationalen Frauentag am 8. März. © Ute Janßen

Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen (Gender-Pay-Gap) ist im hessenweiten Vergleich im Landkreis Hersfeld-Rotenburg am größten.

Hersfeld-Rotenburg - Hier verdienen Frauen, die in Vollzeit beschäftigt sind, monatlich im Durchschnitt 18,4 Prozent brutto weniger Geld als ihre Vollzeit arbeitenden männlichen Kollegen. Das geht aus der aktuellen, dritten Auflage des Lohnatlasses 2022 des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration hervor. Mit Blick auf die gesamte Republik liegt der Landkreis im Durchschnitt. Auf Bundesebene beträgt die Lohnlücke 18 Prozent.

Der Lohnatlas bildet die Lohnlücken im Landkreis auch ausdifferenziert nach verschiedenen Faktoren ab. In den Blick genommen werden das Qualifikationsniveau, der Berufssektor und das Anforderungsniveau.

Aus den Zahlen geht hervor, dass die Gender-Pay-Gap unter Personen mit einem akademischen Abschluss am größten ist, sowohl in Hersfeld-Rotenburg (28,1 Prozent) als auch in ganz Hessen (24,9 Prozent). Zwischen Männern und Frauen ohne Berufsausbildung ist die Kluft nicht so groß: 8,8 Prozent in Herfeld-Rotenburg und 7,1 Prozent in Hessen.

Bei den Berufssektoren wird unterschieden in Produktions- und MINT-Berufe (zum Beispiel Fertigungs-, Bau- und IT-Berufe), personenbezogene Dienstleistungsberufe (zum Beispiel Gastgewerbe, Gesundheits- und Sozial-Berufe) sowie kaufmännische und wirtschaftliche Dienstleistungsberufe (zum Beispiel Verkehrs- Handels- und Logistik-Berufe). Bei den Produktions- und MINT-Berufen ist die Lohnlücke im Kreis am größten. Sie ist in diesem Berufssektor mehr als viermal so groß wie in Hessen (4,0 Prozent).

Corinna Zehender vom Frauen- und Gleichstellungsbüro des Landkreises vermutet, dass das Gefälle auch abhängig von den verschiedenen Strukturen auf dem Land und in der Stadt ist, dass in ländlichen Regionen stereotype Geschlechterrollen noch präsenter sind. Eine Frau, die wegen Elternzeit auch weniger Berufserfahrung hat, steigt in den Gehaltsstufen weniger schnell auf, als ihre männlichen Kollegen, die genauso lange angestellt sind.

„Umdenken ist angesagt“

Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ist im Landkreis Hersfeld-Rotenburg doppelt so groß wie der landesweite Durchschnitt. Grundsätzlich schließt sich die Lücke in Hessen von Jahr zu Jahr. Seit Erfassen der Entgeltgleichheit zwischen den Geschlechtern in Hessen hat sich die Lücke von 15,9 Prozent in 2012 auf derzeit neun Prozent geschlossen.

Im hessenweiten Vergleich schneidet die kreisfreie Stadt Offenbach am besten ab: Hier gibt es einen Überhang von vier Prozent. Der Frauenanteil bei den sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten liegt laut Hessischem Lohnatlas im Landkreis Hersfeld Rotenburg bei 28 Prozent. Sie verdienen im Monat brutto rund 2.800 Euro. Das sind über 600 Euro weniger als Männer in Vollzeitbeschäftigung (Lohnlücke: 18,4 Prozent).

In Hessen liegt der Anteil an Frauen in Vollzeit um vier Prozentpunkte höher. Auch das Bruttomonatsgehalt der Frauen ist im Hessen-Durchschnitt deutlich höher: rund 3500 Euro. Männer verdienen hier nur rund 350 Euro mehr (Lohnlücke: 9 Prozent).

Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Corinna Zehender, hat versucht, die Zahlen einzuordnen und Gründe für die Kluft zwischen den Gehältern zu finden.

So seien Frauen oft nicht so selbstbewusst, wenn es um das Verhandeln von Gehaltsvorstellungen oder -erhöhungen geht, so Zehender.

„Das fängt schon bei der Erziehung an: Wenn Jungen sich raufen, dann ist das längst nicht so dramatisch, wie wenn Mädchen das tun, überspitzt gesagt“. Mädchen würde früh beigebracht, höflich und zurückhaltend zu sein. Ein anderer Grund könnte überdies die Tatsache sein, dass in Deutschland kaum über Geld und Gehalt gesprochen werde und solche Differenzen zwischen den Gehältern deshalb dann nicht auffallen.

All das seien aber, so Zehender, eher allgemeine Gründe. Wieso ausgerechnet der Landkreis Hersfeld-Rotenburg im hessenweiten Vergleich so schlecht abschneidet, könne sie nicht konkret begründen.

Tarifverträge unterscheiden nicht nach Geschlechtern

Vonseiten der Kreishandwerkerschaft Hersfeld-Rotenburg heißt es zu diesem Thema, die dargestellten Lohnlücken könnten auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden. „Bei unseren Innungsfachbetrieben können wir jedoch nicht feststellen, dass bei tatsächlich gleicher Arbeit ungleich entlohnt wird.

Auch die im Handwerk einschlägigen Tarifverträge unterscheiden nicht zwischen den Geschlechtern, sondern nur nach Leistung und Qualifikation“, so Geschäftsführer Eugen Reinhardt. Die Kreishandwerkerschaft arbeite daran, im Rahmen der Berufsorientierung Mädchen und Jungen gleichermaßen zu ermutigen, berufsbezogene Geschlechterstereotypen zu überwinden.

„Das Handwerk braucht noch mehr Frauen. Daher ist Umdenken angesagt – auch bei Eltern und in der Gesellschaft insgesamt“, so Reinhardt. (Laura Hellwig)

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