Flucht nach Deutschland

Banger Blick in die fremde Heimat: So erleben Afghaninnen aus Bebra und Bad Hersfeld die Situation

Das  Foto zeigt Afghanen an einem Grenzübergang zwischen Pakistan und Afghanistan.
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Auf der Flucht vor den Taliban: Das Foto zeigt Afghanen an einem Grenzübergang zwischen Pakistan und Afghanistan. Vor allem für Frauen und Mädchen ist die Zukunft in dem Land ungewiss.

In Afghanistan haben die Taliban die Macht übernommen. Viele im Kreis Hersfeld-Rotenburg lebende Afghanen blicken besorgt in die Heimat.

Bebra/Bad Hersfeld - Fassungslos blickt die Welt nach Afghanistan. Auch viele bei uns lebende Afghanen bangen um ihre Angehörigen. Wir haben mit zwei Frauen aus Afghanistan gesprochen, die aus Sorge vor Repressalien gegen ihre Familie aber nicht mit Foto und Nachnamen in der Zeitung erscheinen wollen.

Homyra R. ist eine selbstbewusste, moderne junge Frau. Mit Jeans und Kapuzenjacke kommt sie zum Treffen im „be!“ in Bebra. Nur ihr langes schwarzes Haar und die blitzenden dunklen Augen lassen vermuten, dass Homyras Heimat ursprünglich nicht Deutschland ist.

Sie bestellt sich Pfefferminztee und erzählt von einem Leben zwischen zwei Welten: Mit fünf Jahren kommt die heute 26-Jährige im Jahr 2000 mit ihrer Familie nach Weiterode. Auch damals steht Afghanistan unter der Schreckensherrschaft der Taliban. Homyras Mutter stammt aus dem ostafghanischen Dschalalabad, ihr Vater aus Herat im Westen des Landes. Beide haben in Kabul studiert, die Mutter ist Lehrerin, der Vater war Wirtschaftswissenschaftler.

„Mit der Machtübernahme der Taliban musste vor allem meine Mutter alle Rechte aufgeben, sie durfte nicht mehr arbeiten, das war ein harter Schlag“, erzählt Homyra. Weil ein Bruder der Mutter in Deutschland Medizin studiert hat und in Bebra als Arzt arbeitet, kommt die Familie nach Weiterode.

In ihrer Klasse gibt es kaum andere Kinder mit Migrationshintergrund. Afghanistan ist für alle weit weg. Homyra lebt ein deutsches Leben, ist aktiv im Radsport- und Turnverein, die Familie geht Weihnachten in die Kirche. „Ich habe lange meine afghanischen Wurzeln ignoriert“, sagt Homyra heute rückblickend.

Als die Familie im Jahr 2005 abgeschoben werden soll, erlebt sie viel Solidarität. Die Mitschüler von ihr und ihren Geschwistern starten Aktionen gegen die Ausweisung und sammeln Unterschriften. Der Bundestagsabgeordnete (SPD) Michael Roth schaltet sich ein: Die Familie darf schließlich bleiben.

Homyra macht ihr Abitur in Rotenburg, studiert in Heidelberg und macht zurzeit an der renommierten Hertie-School in Berlin ihren Master in Internationalen Beziehungen. „Ich möchte später zum Thema Menschenrechte arbeiten“, sagt sie. Homyra spricht sechs Sprachen und ist eine junge Frau, auf die jedes Land der Welt stolz sein kann. Aber sie sucht auch nach ihren Wurzeln.

Im Jahr 2014 war Homyra zum ersten Mal nach der Ausreise ihrer Eltern wieder in Afghanistan. „Ich wollte herausfinden, woher ich komme und wer ich bin.“ Sie reist allein nach Kabul und kann sich dort relativ frei bewegen. Aber die Angst vor Anschlägen oder gewaltsamen Übergriffen ist ihr ständiger Begleiter. Doch die positiven Eindrücke, auch von der Schönheit des Landes und der Gastfreundschaft der Menschen, überwiegen.

„Die schönste Erfahrung war, dass ich in meiner Muttersprache sprechen konnte“, sagt sie, denn daheim in Weiterode wurden auch Paschtu, die Sprache ihrer Mutter, und Farsi aus der Heimat ihres Vaters gesprochen. Sie trägt in Afghanistan auch erstmals einen Schleier – eine völlig neue Erfahrung – denn ihre Mutter hatte schon ein Kopftuch immer abgelehnt und stets gesagt, ihre Tochter müsse sich nicht verhüllen, wenn sie das nicht möchte.

Trotzdem hat Homyra die Reise zu ihren afghanischen Wurzeln geholfen, ihre „andere Seite, ihre Identität“ zu entdecken. Umso mehr quälen sie nun die Bilder der Machtübernahme durch die Taliban. Sie verfolgt die Nachrichten, „aber viele meiner Fragen werden nicht beantwortet“, sagt Homyra.

Wie kann es sein, dass die Taliban so schnell das Land zurückerobern konnten? „Das Ziel des Krieges, die Taliban zu vertreiben, wurde nicht erreicht, die Taliban wurden nicht besiegt, und damit auch nicht der Terror“, sagt Homyra. Ihre Verwandten in Afghanistan, mit denen sie telefonisch oder per Internet Kontakt hält, sind überrascht, verunsichert, haben Angst. Kaum einer traut sich aus dem Haus. Die Ankündigungen der Taliban, eine Amnestie zu gewähren, Frauen in die Regierung aufzunehmen und ihnen Rechte zu gewähren, sehe man mit Skepsis.

„Alle sind davon überrascht, wir müssen abwarten, was passiert“, sagt Homyra – auch mit Blick auf ihre eigene Zukunft. Eigentlich wollte sie im kommenden Jahr wieder nach Afghanistan reisen, um dort für ein Forschungsprojekt zu recherchieren. Doch all das ist nun ungewiss – wie die Zukunft Afghanistans, der fremden Heimat, die Homyra gerade erst für sich zu entdecken begonnen hatte.

Shirin S. floh 2000 vor den Taliban und lebt nun in Bad Hersfeld

Shirin S. war Lehrerin für Sprachen in Herat, der zweitgrößten Stadt Afghanistans. Ihr Mann war Lokalpolitiker. „Eines Tages wurde er abgeholt, ich weiß bis heute nicht, was mit ihm passiert ist“, erzählt die 61-Jährige. Als Lehrerin durfte sie damals nur im Verborgenen, an einer „Untergrund-Schule“, unterrichten und wurde trotzdem von den Taliban bedroht.

Ihr Sohn sollte in den Armeedienst gezwungen werden. „Das war eine schlimme Situation, deshalb sind wir damals geflohen.“

Das war im Jahr 2000. Auf verschlungenen Wegen und nur mit Hilfe eines Schleppers kam Shirin mit ihrem Sohn schließlich nach Bad Hersfeld. Hier ist sie im IKUZ aktiv und sieht mit Sorge, wie sich mit dem Vormarsch der Taliban die Geschichte in ihrer Heimat Afghanistan zu wiederholen scheint.

„Obwohl die afghanische Regierung korrupt war und Fehler gemacht hat, so hatten die Bürger, vor allem die Frauen, doch immerhin einige Rechte, es gab Meinungs- und Bildungsfreiheit“, sagt sie über die vergangenen 20 Jahre. „Jetzt haben alle nur Angst, keiner vertraut den Versprechen der Taliban“, erzählt Shirin, die Kontakt zu einer Schwester, ihrer Nichte und Freunden in Kabul hält. Alle fürchten sich davor, dass mit den Taliban auch die Scharia, das islamische Strafrecht mit Auspeitschungen, Steinigungen und der Amputation von Gliedmaßen wieder eingeführt wird. Trotzdem glaubt Shirin nicht, dass eine Rückkehr des Militärs, die zurzeit politisch erwogen wird, die Lage ändern wird. „Mit militärischer Macht kann man Afghanistan zwar erobern, aber nicht halten“, zitiert sie eine alte Weisheit, deren Wahrheitsgehalt viele Kriegsherren in den vergangenen Jahrhunderten erfahren haben.

Shirin ist deshalb froh, in Deutschland, in Bad Hersfeld in Sicherheit leben zu können, ihr Sohn hat hier inzwischen geheiratet. Trotzdem bleibt da auch die Sehnsucht nach ihrer Heimat. „Afghanistan ist schön wie ein Bild“, sagt sie mit Wehmut.

Als Lehrerin bedauert sie vor allem, dass nun vermutlich nur noch Koranschulen für Jungen geöffnet sein werden. „Das ist nicht gut für Afghanistan, und es ist auch nicht gut für die ganze Welt“, sagt sie nachdrücklich. Sie erwartet deshalb neue Flüchtlingsströme aus Afghanistan.

„Seit 40 Jahren ist dort jeden Tag Krieg, jeden Tag sind Menschen gestorben.“ Und die Hoffnung auf ein Ende des Tötens und ein besseres Leben, ist in den letzten Tagen in weite Ferne gerückt. (Kai A. Struthoff)

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