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Mapping: Die Stiftsruine gerät bei „Notre Dame“ in Bewegung

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Von: Christine Zacharias

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So sieht ein Entwurf für das Mapping aus, das dann dreidimensional auf die Mauern der Stiftsruine projiziert und in Bewegung gebracht wird.
So sieht ein Entwurf für das Mapping aus, das dann dreidimensional auf die Mauern der Stiftsruine projiziert und in Bewegung gebracht wird. © Frischvergiftung/NH

Maximilian Pfisterer und Sheidan Zeinalov sorgen dafür, dass sich die Stiftsruine während des Stücks in das Innere des Königspalastes oder Notre Dame selbst verwandelt. Diesen Wandel, bewegte Stadtpläne und schwebende Buchstaben ermöglicht das Mapping.

Bad Hersfeld – Ganz besondere optische Erlebnisse bieten sich den Besuchern der Festspiele in diesem Jahr bei der Uraufführung von „Notre Dame“ nach dem Roman von Victor Hugo. Erstmals wird dabei in der Stiftsruine die digitale Mapping-Technik eingesetzt.

Damit werden nicht nur Bilder, zum Beispiel die Fassade von Notre Dame in Paris, eine Landkarte oder das Innere des Königspalastes auf die Mauern der Stiftsruine projiziert, sondern auch in Bewegung gebracht. Die Zuschauer erleben mit, wie die Kirche in Flammen steht, wie die Glocken sich bewegen, wie Steine aus der Fassade herabstürzen.

Pfisterer und Zeinalov waren schnell begeistert von dem Projekt

Entwickelt haben die Projektionen Maximilian Pfisterer und Sheidan Zeinalov vom Designstudio „Frischvergiftung“ in Stuttgart. Sie arbeiten schon länger bei Theaterprojekten mit Christine Bossert, der künstlerischen Betriebsdirektorin der Bad Hersfelder Festspiele zusammen. Als Bossert ihnen von dem Projekt „Notre Dame“ erzählte und Bilder zeigte, seien sie gleich sehr interessiert gewesen, sagt Maximilian Pfisterer. Die Faszination wuchs, nachdem sie das Stück gelesen, mit Joern Hinkel, dem Bühnenbildner Jens Kilian und dem technischen Leiter Dietmar Wolf gesprochen und die Stiftsruine vor Ort in Augenschein genommen hatten.

Dann ging es ans Ideensammeln, um die geeigneten Szenen und Zeitpunkte für die Projektionen festzulegen. Sehr schnell war man sich einig, mit dem Mapping erst im zweiten Teil zu beginnen, unter anderem, weil es da dann richtig dunkel ist und die Effekte wirken können. „Wir können ja keine Dunkelheit produzieren“, erklärt Pfisterer. Schwarz sei die unbeleuchtete Wand. Alles andere kontrastiere zu diesem Schwarz. „Je stärker der Kontrast ist, desto toller ist die Wirkung.“ Außerdem habe es sich auch dramaturgisch angeboten, um nach der Pause noch eine Steigerung zu haben.

Maximilian Pfisterer (links) und Sheidan Zeinalov von Frischvergiftung haben das Mapping für „Notre Dame“ entworfen. Sie waren zur Premiere in Bad Hersfeld. Begleitet wurden sie von Pfisterers Kindern.
Maximilian Pfisterer (links) und Sheidan Zeinalov von Frischvergiftung haben das Mapping für „Notre Dame“ entworfen. Sie waren zur Premiere in Bad Hersfeld. Begleitet wurden sie von Pfisterers Kindern. © Pfisterer/NH

Und so erscheint der Stadtplan von Paris als leuchtend rotes Netz auf den Mauern der Stiftsruine, während der Priester Claude Frollo (Richy Müller) verzweifelt durch die Straßen und Gassen irrt. Die glatten Sandsteinmauern ändern den Baustil und erhalten gotische Elemente, man blickt auf ein Wirrwarr von Treppen und Mauern und mittendrin die großen Glocken. Anleihen haben die beiden Designer dafür bei dem Künstler M.C. Escher, einem Meister der Darstellung an sich unmöglicher Konstruktionen, und architektonischen Paten genommen.

Acht bis zehn Computer liefen gleichzeitig, um die Projektionen zu erzeugen

„Wir haben uns erst einmal dem Look angenähert und Einzelbilder, so genannte Style-Frames, entworfen“, erklärt Pfisterer. Erst nachdem die von allen Beteiligten gut geheißen wurden, wurde animiert. Dazu muss erst ein 3D-Modell des Gebäudes entwickelt werden, um darauf die Szenen projizieren zu können. Bei einer Animation in dieser Größenordnung seien dafür 60 Bilder pro Sekunde nötig, also 1800 Frames für ein 30-Sekunden-Video.

Berechnet wird das alles von Computern. Ein Computer benötige für diese 1800 Frames 30 Stunden. Bei Frischvergiftung liefen deshalb acht bis zehn Computer über Nacht, um die Projektionen zu erzeugen. „Da ist der Stromzähler rotiert“, sagt Pfisterer. Die Wärme, die bei solchen Großaufgaben entstehe, werde im Winter genutzt, um das Büro zu heizen.

Neben der Technik spielt die Perspektive eine wichtige Rolle

Wichtig sei zudem, so erläutert Pfisterer, alles so zu entwerfen, dass nicht nur die Personen, die an einem zentralen Punkt im Zuschauerraum sitzen, die Effekte sehen und genießen könnten, sondern auch die, die an den Seiten sitzen. Und dabei müsse zudem berücksichtigt werden, dass auch die Beamer an den Seiten stehen. Also sei es nötig, jedes einzelne Bild so zu verzerren, dass es hinterher bei der Projektion für das Publikum so aussieht, wie es aussehen soll. „Um das zu konstruieren, muss man stark um die Ecke denken“, sagt Pfisterer. Die Anschaffung der Beamer wurde durch die Unterstützung des Fördervereins „Freunde der Bad Hersfelder Festspiele“ ermöglicht.

Das Ergebnis ihrer Arbeit haben Maximilian Pfisterer und Sheidan Zeinalov bei der Premiere in Augenschein genommen und für gut befunden. Auch seinen Kindern, sechs und acht Jahre alt, habe es gut gefallen, so Pfisterer. Mehr Anerkennung geht nicht. (Christine Zacharias)

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