Immer den Schalk im Nacken

Max Raabe bot in Bad Hersfeld Schellack-Klang im Surround-Sound

+
Beachtliche Klangkulisse: Max Raabe begeisterte am Samstagabend in der Bad Hersfelder Stadthalle mit seiner einzigartigen Stimme und bekannten Lieder aus vergangenen Tagen das Publikum. Das Palastorchester sorgte in vielfältiger Weise für satten Sound. 

Max Raabe begeisterte am Samstagabend in der Bad Hersfelder Stadthalle mit seiner einzigartigen Stimme und bekannten Lieder aus vergangenen Tagen das Publikum.

Mit einem getragenen, nur mit leiser Gitarre begleitet, fast a cappella intonierten „Donna Maria“ als dritte Zugabe entlassen Max Raabe und die Mitglieder seines Palast Orchesters die Besucher am Samstagabend aus der ausverkauften Bad Hersfelder Stadthalle auf den Nachhauseweg.

Zuvor war die erste, per Standing Ovations geforderte Zugabe „Dort tanzt Lulu“ sehr zur Freude der Gäste fast zur Gymnastikübung für das Orchester ausgeartet, und ohne den kleinen, grünen Kaktus hätte der Show etwas Wesentliches gefehlt.

Mehr als zwei Stunden haben Max Raabe und das von ihm gegründete Orchester ihre Zuhörer in die 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entführt, mit Liedern, Songs und Evergreens, die dem überwiegend nicht mehr ganz jungen Publikum meist bekannt waren. „Der perfekte Moment ... wird heut verpennt“ heißt das Programm, wie die im Jahr 2017 aufgenommene CD, mit dem der Bariton mit vollem Terminkalender derzeit durch die Lande zieht. Raabe erweist sich während des gesamten Abends als absoluter Minimalist bezüglich Gestik und Mimik. Wenn er nicht gerade moderiert oder singt, lehnt er scheinbar unbeteiligt an dem in der Mitte der Bühne stehenden Flügel im Halbdunkel. Nur Positur und Blickrichtung wechseln dann und wann.

Hinter dem Mikrofon steht er immer auf der gleichen Position, nicht ein einziges Mal wiegt er sich im Swing der Melodie, die Arme des elegant-korrekt gekleideten Künstlers hängen arbeitslos seitlich herab. Nur Ring-, Mittel- und Zeigefinger – besonders der linken Hand – reiben sich kontinuierlich am Daumen, bilden hin und wieder so etwas wie eine Faust. Die hochglanzpolierten Lackschuhe stehen gelangweilt auf dem Bühnenboden, klopfen nie im Takt. Nach jedem Lied folgt Applaus, zum Beginn eher artig, im Laufe des Abends mit immer mehr Begeisterung, aber kein einziges „Dankeschön“ an seine Gäste kommt dem Künstler über die Lippen, dafür müssen angedeutete oder immerhin kleine Verbeugungen ausreichen.

Dabei sitzt Raabe, egal ob er nun süffisant und pointenreich moderiert, oder äußerst gekonnt und virtuos seine Songs vorträgt, offenbar ständig der Schalk im Nacken. Und das gilt auch für das Orchester. Es sind die ungezählten Kleinigkeiten, die der Show neben dem Großen und Ganzen ihren besonderen Reiz verleihen und die Gäste immer wieder zum Schmunzeln, Lachen oder Applaudieren bringen. So wird „Kein Schwein ruft mich an“, zunächst im Original, dann als Wiener Walzer, als russischer Kasatschok oder im Peking-Oper-Sound bis hin zum Broadway-Show-Song dargeboten.

Das Palastorchester glänzt mit ungeheurer Vielfalt, mal mit dem vollen Sound einer Bigband, mal schmeichelnd wie ein Sinfonieorchester, mal wild, schnell und heftig, mal getragen und ganz leise, mal aufbrausend lustig, mal nachdenklich traurig. Zwischendurch überzeugen alle Mitglieder mit beachtenswerten Soli und bei „Salome“ streicheln die Musiker sanft Ohr, Herz und Seele. In jedem Fall bringen sie den blechernen Klang alter Schellack-Platten in hörenswert-angenehmstem, vollem Sound in den Saal.

Bei all dem wird aber auch klar, der gesamte Auftritt ist durchchoreografiert bis ins allerletzte noch so kleine Detail. Hier bleibt kein Ton, keine Bewegung, kein Schritt dem Zufall überlassen und das gilt auch für die ausgeklügelte exakte und niemals aufdringliche Lichtregie. lö

Quelle: Hersfelder Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.