INTERVIEW mit dem Geschäftsführer

Christian Scholz: „Das ‚wortreich‘ in Bad Hersfeld zu schließen, wäre wirtschaftlich unsinnig“

Das Bild zeigt „wortreich“-Geschäftsführer Christian Scholz und seinen Sohn Benedikt (7).
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Drehen am Märchenrad: „wortreich“-Geschäftsführer Christian Scholz und sein Sohn Benedikt (7), der die Ausstellung immer wieder gerne besucht.

Viele Besucher sind begeistert, doch es kommen zu wenige. Das Mitmach-Museum „wortreich“ in Bad Hersfeld schreibt rote Zahlen. Ein Interview mit Geschäftsführer Christian Scholz.

Zu wenig Besucher, hohe Defizite: Das „wortreich“ ist ein Sorgenkind. Jetzt hat auch noch die Corona-Pandemie dazwischengefunkt. Wie ist es um das Mitmachmuseum bestellt?

Wir haben im vergangenen Jahr den Wirtschaftsplan und das vorgegebene Defizit eingehalten. Die Exponate werden von unseren engagierten Mitarbeitern liebevoll gewartet und gepflegt. Das „wortreich“ macht Defizite, aber das machen andere Museen auch. Das ist in der Branche leider generell der Fall. Man muss deshalb den Mehrwert für die Stadt betrachten. Wir haben ähnlich wie die Festspiele viele Besucher, vor allem Schulklassen, von außerhalb, aus umliegenden Landkreisen und Bundesländern, die dann auch noch in die Stadt gehen. Was hat Bad Hersfeld außer dem „wortreich“ ganzjährig als Ausflugs- und Freizeitlocation zu bieten? Das Kommunikationsmuseum ist ein Magnet für Schulklassen und andere Ausflügler und ein Alleinstellungsmerkmal.

Wie hoch ist das Defizit für 2021?

Das steht noch nicht abschließend fest, unter anderem wegen Preissteigerungen bei den Nebenkosten für Heizung und Strom, wo in der Regel Nachzahlungen geleistet werden müssen. Wir haben einen relativ hohen Verbrauch, sodass sich diese Kosten durchaus im Ergebnis bemerkbar machen. Was man aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass wir deutlich unter dem letzten Jahr liegen, als das Defizit 250 000 Euro betrug, was unter anderem an Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten lag. Gerade die computergestützten Exponate müssen regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht werden. Zudem hatten wir ja auch im vergangenen Jahr zeitweise coronabedingt komplett geschlossen. Dieses Jahr war bis Mitte Juni zu, der Sommer war dann allerdings gut besucht. Bis Oktober hatten wir circa 7500 Besucher. Im November und Dezember sind die Besucherzahlen nun mit wieder steigenden Infektionszahlen stark eingebrochen. Schulklassen haben geplante Workshops abgesagt, aber auch Einzelbesucher sind zu Hause geblieben.

Gleichzeitig hat Corona zu neuen Sonderausstellungen geführt, die die Kommunikation mit Maske und neue Begriffe thematisiert haben. Können Sie dem Virus insofern auch etwas Positives abgewinnen?

Die erste Zwangspause ab Mitte 2020 haben wir für eine komplette Grundreinigung genutzt, die so bei laufendem Betrieb nicht möglich gewesen wäre, weil Teile der Ausstellung hätten geschlossen werden müssen. Dann haben die Kolleginnen mit sehr viel Eigeninitiative die genannten Sonderausstellungen initiiert, die großen Anklang gefunden und mediales Interesse ausgelöst haben. Leider ungünstig gelegen war die im Sommer für Herbst geplante Wiederöffnung der Liebesausstellung zum 10-jährigen Jubiläum, die zur Eröffnung das erste Mal gezeigt wurde, nun aber irgendwie wieder in eine Zeit passte, wo persönliche Nähe oft fehlte. Just zur Eröffnung im November gingen die Infektionszahlen dann aber wieder nach oben und die Besucher blieben aus.

Digitale Angebote sind in einem Mitmachmuseum wohl kaum umzusetzen?

Es gibt natürlich auch Überlegungen, virtuelle Rundgänge anzubieten. Aber erleben kann ich die Ausstellung nun mal nur vor Ort. Das ist vielleicht auch ein Problem, das das „wortreich“ hat. Im Vergleich mit anderen Museen ist es schwer, jemandem in ein, zwei Sätzen zu erklären, was das „wortreich“ überhaupt ist. Unter einem Schokoladenmuseum oder einem Eisenbahnmuseum kann sich jeder sofort etwas vorstellen, unter einem Museum für Sprache und Kommunikation nicht. Man muss eigentlich die einzelnen Exponate erklären, wie das Bildermemory, die Sprachenkarte, das Schattenkabinett oder die Festspielbühne. Und die wiederum muss man ausprobieren und erleben, darum geht es. Das macht sicher auch die Vermarktung schwieriger. Da kann ich auch für mich ganz persönlich sprechen. Ich bin Hersfelder, war aber erst 2017 das erste Mal hier und zuvor ebenfalls skeptisch. Nach einer Führung mit Erklärungen dachte ich dann aber sofort: wow! Auch mein Sohn war schon damals mit drei oder vier Jahren total begeistert. Und so geht es vielen: Wer da gewesen ist, ist begeistert.

Aber warum sollte man die Ausstellung ein zweites oder drittes Mal besuchen?

Gerade mit Kindern ist das Erlebnis immer wieder da und vor allem Kinder kommen gerne immer wieder. Aber da geht es anderen Museen ja nicht viel anders, in denen Dauerausstellungen zu sehen sind. Ein weiterer Grund sind unsere Sonderausstellungen. Wir versuchen, zusätzlich zu den eigenen immer auch externe zu bekommen, die thematisch zu uns passen. Das ist in der Regel aber nur über Stiftungen oder Behörden beziehungsweise bei bereits bestehenden Ausstellungen möglich. Alles andere wäre für uns viel zu teuer. Fest gebucht für Ende 2020 war etwa eine Sonderausstellung der Anne-Frank-Stiftung rund um das Thema Diskriminierung, doch auch die musste leider wieder abgesagt werden.

Die UBH hat vor gut einem Jahr ein komplett neues Konzept gefordert und vorgeschlagen, das Museum zum Tagungszentrum umzubauen. Ist das eine Option?

Nein. Auf jeden Fall nicht in den nächsten fünf Jahren. Die Fördermittel sind auf 15 Jahre gebunden. Für jeden Tag, den wir früher schließen würden, müssten wir Fördermittel für das „wortreich“ und das Gebäude zurückzahlen. Und diese Kosten wären wesentlich höher als das Defizit. Das wäre wirtschaftlich unsinnig. Was in fünf Jahren ist, muss dann die Politik entscheiden. Wollte man aus dem Museum ein Tagungszentrum machen, stellt sich zunächst die Frage nach der Umsetzung. Wie stark könnte ich die Tagungsräume überhaupt vermieten? Mit der Stadthalle und der Schilde-Halle hat die Stadt bereits Immobilien, die auch für Tagungen vermietet werden. Hinzukommen die Tagungsräume in den Hotels. Ich sehe diese Option zumindest aktuell nicht.

Der Bürgermeister hat angekündigt, dass das „wortreich“ ebenso wie die Stadthalle und die Schilde-Halle wieder proaktiver vermarktet werden sollen. Wann und wie soll das geschehen?

Was wollen Sie momentan vermarkten? Das Geld, das wir dafür ausgeben, verpufft – zum Beispiel, wenn ich jetzt Zeitungsanzeigen schalte und dann kommt der nächste Lockdown. In der Schilde-Hale sind gerade erst sämtliche Weihnachtsfeiern abgesagt worden. Wir müssen abwarten, bis die Pandemie vorüber ist. Wir versuchen gezielt, bestimmte Zielgruppen zu erreichen, arbeiten mit Kooperationspartnern zusammen und auch der Aufsichtsrat ist sehr bemüht, das „wortreich“ wieder stärker zu vermarkten. Aber momentan ist es einfach schwierig, konkret zu planen, siehe Liebesausstellung. Manche Gespräche sind ebenfalls aufgrund der Pandemie ins Stocken geraten.

Ich hoffe natürlich, dass diejenigen, die die Schilde-Halle vor Corona schätzen gelernt haben, wie die Tattoo-Messe, dann auch wiederkommen. Die Schilde-Halle ist eine im bundesweiten Vergleich gute Eventlocation mit vergleichsweise moderatem Preis, die von großen Firmen gut angenommen wird. Sie hat Flair und wir haben hier kurze Wege, was zum Beispiel bei der Sondernutzung der Außenflächen ein Vorteil ist. Der Kunde muss sich deshalb nicht selbst mit der Verwaltung in Verbindung setzen, das klären wir mit den uns bekannten Kollegen.

Erhoffen Sie sich diesbezüglich positive Effekte durch den Hotelneubau schräg gegenüber?

Definitiv. Zum Einen, was die Übernachtungskapazitäten gerade bei Großveranstaltungen angeht. Zum Anderen ist die direkte Nähe für Kunden interessant. Eine bessere Location in Verbindung mit Messen in der Schilde-Halle gibt es nicht. Für uns wäre es wichtig.

Könnten mit den neuen Nachbarn wie Summacom, GLS, Verifone etc. nicht auch das leer stehende Konrads wieder geöffnet werden, etwa als Kantine?

Es gibt für das Konrads in der Tat Gespräche und Verhandlungen. Aber solange die Unterschrift für den Mietvertrag nicht vorliegt, kann ich nichts Konkretes dazu sagen. Dabei geht es in erster Linie um Eventcatering, aber eventuell auch um eine Kantine, vorausgesetzt, dass sich so ein Betrieb lohnt.

Im Sommer hat das „wortreich“ trotz aller Widrigkeiten zehnten Geburtstag gefeiert. Was wünschen Sie sich für den elften?

Dass wir wieder die Besucherzahlen wie vor der Pandemie haben, alle Exponate wieder öffnen und auch wieder Workshops anbieten können. Die fehlen natürlich auch den Kolleginnen, deren Berufung es ist, Wissen zu vermitteln.

Viele Besucher mögen vor allem die Mitmachstationen. Welches ist Ihr Lieblingsexponat?

Die Sprachenkarte, bei der es fremde Sprachen zu erkennen gilt. Da kommen Erinnerungen an Urlaube, Freunde oder Verwandte aus dem Ausland hoch. (Das Interview führte Nadine Meier-Maaz)

Was ist das „wortreich“?

Im mitten im Schilde-Park gelegenen „wortreich“ als Wissens- und Erlebniswelt für Sprache und Kommunikation erwarten die Besucher auf über 1200 Quadratmetern Ausstellungsfläche mehr als 90 Mitmachexponate. Im Museum werden zudem Teamevents, Tagungen und Seminare angeboten. Das „wortreich“ wurde 2011 mit Fördermitteln eröffnet, und schon im Sommer 2012 trennte sich die Stadt von der Bremer Betreiberfirma Petri & Tiemann, um den Betrieb selbst zu übernehmen. P&T stand unter anderem in der Kritik, weil die Besucher-Prognose, die für das erste Jahr von 120 000 Besuchern ausging und 100 000 in den Folgejahren, nicht eintraf. (nm)

Zur Person: Geschäftsführer Christian Scholz

Christian Scholz (40) ist gebürtiger Bad Hersfelder und lebt auch seit jeher in der Kreisstadt. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Seit 2016 ist der Diplom-Ökonom bei der Stadt Bad Hersfeld beschäftigt. Zuvor war er kaufmännischer Leiter bei einer Eisenbahngesellschaft und in dieser Funktion oft und viel unterwegs, weshalb er sich schließlich um einem neuen Job am Heimatort bemühte.

Scholz ist unter anderem Betriebsleiter für den ÖPNV/Stadtbus, Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsbetriebe und des „wortreichs“. In die Geschäftsführung des Museums stieg er 2018 ein, nachdem der Bürgermeister von diesem Posten zurückgetreten war. Seit 1. Januar 2020 ist er auch für das operative Geschäft zuständig. Seine Freizeit verbringt der 40-Jährige am liebsten mit seiner Familie.

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