„Pandemie ist nicht selbst gemacht“

Montagsinterview mit Adelheid Merle und Peter Artelt vom Gesundheitsamt Hersfeld-Rotenburg über die Corona-Pandemie

Adelheid Merle, Leiterin des Gesundheitsamtes beim Kreis Hersfeld-Rotenburg, und ihr Stellvertreter Peter Artelt  tragen Masken und desinfizieren sich die Hände.
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Maske, Abstand und Hygiene: Adelheid Merle, Leiterin des Gesundheitsamtes beim Kreis Hersfeld-Rotenburg, und ihr Stellvertreter Peter Artelt setzen auf die Impfungen. Sie appellieren aber auch an alle Menschen, weiter die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Seit 15 Monaten grassiert das Coronavirus nun nachgewiesen im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Bei vielen schwindet die Disziplin, und fast alle Hoffnungen ruhen auf den Impfungen.

Hersfeld-Rotenburg – Wir haben mit Adelheid Merle, Leiterin des Gesundheitsamtes beim Landkreis, und ihrem Stellvertreter Peter Artelt gesprochen.

Vor genau einem Jahr, im Mai 2020, schwankte die Inzidenz zwischen unter 1 und 10 – zuletzt lag sie mal bei über 200 , aktuell bei rund 150. Was machen wir verkehrt?

Adelheid Merle: Das ist leider die ganz normale wellenförmige Entwicklung einer Pandemie, wir befinden uns nun mitten in beziehungsweise im Abklingen der dritten Welle, damals standen wir ganz am Anfang. Dabei spielen auch die Mutationen eine große Rolle. Die „Wildform“ des Virus’, mit der wir es Anfang 2020 zu tun hatten, war zwar auch leicht übertragbar, aber nicht so ansteckend wie die aktuell vorherrschende Virusvariante. Das ist auch keine kreisspezifische Entwicklung, man muss das Pandemiegeschehen immer global betrachten. So weit entfernt von anderen Landkreisen hinsichtlich der Inzidenzen sind wir auch gar nicht.

Falsch gemacht haben wir in dem Sinne nichts. Aber natürlich ist mit Blick auf die Hygiene-, Abstands- und Kontaktregeln inzwischen auch eine gewisse Müdigkeit eingetreten, was nur verständlich ist. Der Großteil der Bevölkerung hat ein Jahr lang alles super mitgemacht, vor allem die jungen Leute, aber so langsam wird es für jeden schwierig. Auch wir hoffen, dass im Sommer wieder mehr Normalität einkehrt und die Schulen und Kitas wieder öffnen können.

Welche Rolle spielen die Mutationen im Landkreis konkret?

Merle: Die britische Virusvariante macht inzwischen etwa 90 Prozent der Fälle im Kreis aus und ist für mehr Ansteckungen und schwerere Verläufe verantwortlich. Andere Mutationen, wie die indische, wurden bisher noch nicht nachgewiesen und uns gemeldet. Ein Virus wird immer mutieren, es versucht sich dadurch einen Selektionsvorteil zu verschaffen.

Wo liegen denn besondere Infektionsherde und warum erkranken immer mehr jüngere Menschen?

Merle: Das lässt sich nicht pauschal sagen, aber wir haben hier einerseits viele große Logistikbetriebe, für die viele Menschen arbeiten, die zwischen verschiedenen Landkreisen oder auch Ländern pendeln. Der Kreis hat zudem relativ wenige Einwohner, und wenn irgendwo ein Cluster im zweistelligen Bereich auftritt, reicht das schon aus, um die Inzidenz wieder in die Höhe zu treiben. Hinzukommt die Nähe zu Thüringen, wo seit Monaten hohe Werte zu verzeichnen sind, leider hält sich das Virus nicht an geografische Grenzen. Viele Ansteckungen geschehen darüber hinaus im privaten Umfeld, sogenannte Cluster treten in den Familien auf. Der Mensch ist ein soziales Wesen, jeder möchte sich gerne mal wieder mit der Familie treffen oder jemanden in den Arm nehmen. Das ist völlig normal, dafür habe ich durchaus ein gewisses Verständnis, aber es sollten die bekannten Hygieneregeln eingehalten werden. Kein Verständnis habe ich jedoch, wenn Ansteckungen vorsätzlich provoziert werden. Oder sich zum Beispiel vorsätzlich nicht an Quarantänemaßnahmen gehalten wird, obwohl dies gesetzlich verboten ist.

Unter den gemeldeten Neuinfizierten sind nun fast immer auch Kinder. Warum gab es anfangs kaum infizierte Kinder oder wurden diese nur nicht explizit gemeldet?

Merle: Melden können wir nur Fälle, die bekannt sind. Inzwischen sind immer öfter ganze Familien betroffen. Die Großeltern sind fast alle geimpft, jetzt infiziert sich eher das Enkelchen. Auch nach der Öffnung der Kitas sind die Fallzahlen gestiegen. Das ist nicht verwunderlich, denn zwei- bis fünfjährige Kinder tragen keine Masken und die britische Mutation des Virus infiziert schneller.

Natürlich wird inzwischen auch mehr getestet, Schnelltests sind fast an jeder Ecke möglich, das war vor einem Jahr noch nicht möglich. Es ist aber Unsinn zu behaupten, dass die Pandemie dadurch selbst gemacht ist. Denn man sieht ganz klar: Von 50 Getesteten im Mai 2021 sind inzwischen mehr positive Befunde zu erwarten als von 50 Getesteten im Mai 2020. Das ist ein ganz normales Pandemiegeschehen, das Virus „durchseucht“ sozusagen die komplette Bevölkerung, da ja niemand vorher damit Kontakt hatte und somit keine Antikörper in der Bevölkerung vorhanden sind.

Wie werden Säuglinge und Kleinkinder denn überhaupt auf das Virus getestet?

Merle: Wie Erwachsene auch. Das Verfahren ist das gleiche und der Abstrich erfolgt ebenfalls durch die Nase oder im Rachen. In der Regel funktioniert das auch gut.

Obwohl viele schon zweimal geimpft sein dürften, infizieren sich aber immer wieder auch über 80-Jährige. Wie kommt das?

Merle: Eine Impfung führt nie dazu, dass Sie sich nicht mehr anstecken können. Sie bietet keinen hundertprozentigen Schutz vor der Infektion. Aber die Corona-Impfung verhindert in bis zu 96 Prozent schwere Verläufe, und das gilt für alle bisher zugelassenen Impfstoffe. Es werden leider auch weiterhin Menschen an Coronainfektionen sterben, aber schwere Erkrankungen bei Senioren lassen deutlich nach. Ältere Menschen haben meist ein schwächeres Immunsystem und bilden dadurch weniger Antikörper. Und es gibt im Übrigen bei allen Impfungen auch Menschen jeden Alters, die nach einer Impfung keine oder nur wenige Antikörper bilden, sogenannte Impfversager.

Impfen ist unsere große Chance, haben Sie im Dezember gesagt. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Impfquote?

Merle: Inzwischen sehr zufrieden. Dass es anfangs schleppend lief und nicht sofort Impfstoff für alle zur Verfügung stand, war zu erwarten, da zeitgleich weltweit mit den Impfungen begonnen wurde und der Impfstoff auch produziert werden muss. Das wird sich nun ändern, wenn die aktuell angekündigten Lieferungen eingehalten werden und zusätzlich zu Impfzentren auch Hausärzte, Fachärzte impfen und bald auch in Betrieben geimpft wird. Es ist ohnehin fast ein Wunder, dass der Impfstoff so schnell verfügbar war. In der Regel dauert so etwas zwei bis drei Jahre. Die Impfung ist das, was uns rettet und uns zu einem baldigen „normalen Leben“ zurückbringt.

Peter Artelt: Das sehe ich auch so. Wir hoffen nun, dass bald beziehungsweise nach den Sommerferien auch Impfstoff für Kinder und Jugendliche zugelassen wird.

Merle: Es gibt inzwischen ja auch vielversprechende andere Ansätze zum Beispiel für eine Schluckimpfung oder Nasenspray.

Mitunter herrscht Unmut über die Kontaktnachverfolgung und die Quarantäneregeln. Wie erklärt sich die unterschiedlich lange Nachverfolgungsdauer bei positiven Befunden?

Merle: Das ist individuell verschieden und muss von Fall zu Fall entschieden werden. Es kommt zum Beispiel darauf an, ob jemand Symptome hat oder nicht. Hat jemand einen positiven PCR-Test, aber keinerlei Symptome, wird in der Regel zwei Tage zurückverfolgt. Hat derjenige aber Kopfschmerzen, Durchfall oder andere Symptome und das schon seit Längerem, wird weiter zurückverfolgt, etwa bis zum Beginn der Symptome und auch Tage davor. Eine Rolle spielen außerdem das Umfeld und die Tätigkeit des Betroffenen sowie die Laborbefunde, die darüber Auskunft geben, wie ansteckend jemand ist. Dass es für manche willkürlich erscheint, liegt eben daran, dass es keine pauschal gültige Regel gibt, oft ergibt sich das auch erst im Laufe der Ermittlungen. Auch für uns wäre es anders einfacher. Artelt: Mitunter kann so eine Ermittlung übrigens bis zu zwei Stunden dauern, das ist nicht zu unterschätzen.

Sie werden bei der Kontaktnachverfolgung weiterhin von der Bundeswehr unterstützt?

Merle: Ja, seit Ende März 2021 unterstützt die Bundeswehr, und anders würde es auch nicht funktionieren. Wir haben schlicht zu wenig Personal im Gesundheitsamt, uns fehlt die Manpower. So ist derzeit zum Beispiel nur ein Drittel der ärztlichen Stellen besetzt. Die Bundeswehr ist richtig gut und hat bisher einen super Job gemacht. Die Soldaten und Soldatinnen haben sich schnell in unsere Programme eingearbeitet und sind für uns derzeit Gold wert. Aktuell sind zehn Soldaten und Soldatinnen für uns im Einsatz, in Vollzeit und auch am Wochenende. Der Einsatz ist erst mal für weitere sechs Wochen gesichert, wir hoffen natürlich, dass die Zahlen bis dahin sinken werden.

Auch der Landkreis spricht sich für den vermehrten Einsatz der Luca-App aus. Die Erfahrungen mit der Corona-Warn-App waren indes eher schlecht…

Artelt: Der große Vorteil der Luca-App ist, dass sie mit unserem System gekoppelt ist, es eine Schnittstelle gibt. Das ist bei der Corona-Warn-App nicht der Fall. Sie ermöglicht uns so die schnelle und sichere Nachverfolgung von Kontakten und erspart uns einige Arbeit. Wo möglich, sollten wir diese digitalen Möglichkeiten nutzen. Damit entfällt dann auch die Zettelwirtschaft aus Gastronomie und Einzelhandel, mit der man im Zweifelsfall ohnehin nicht eingrenzen konnte, wer wann wo neben wem gesessen hat. » (Nadine Maaz)

Zu den Personen

Adelheid Merle (59 Jahre) lebt in Friedlos. Sie hat in Göttingen und Heidelberg Medizin studiert und war danach unter anderem am Herz-Kreislauf-Zentrum (HKZ) in Rotenburg beschäftigt. Bereits von 2010 bis 2016 war sie beim Landkreis tätig, seit April 2019 ist sie zurück im Gesundheitsamt. Sie absolvierte die Weiterbildung zur Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen. Im März 2020 übernahm sie die Leitung des Fachdienstes Gesundheit.

Peter Artelt (65 Jahre) wohnt in Rotenburg, er hat in Gießen Medizin studiert und seinen Facharzt für Urologie in Fulda, Gießen und Bad Wildungen und am Klinikum in Bad Hersfeld gemacht. Danach war er acht Jahre in der Urologie (onkologische Reha) in Bad Wildungen tätig. Im Juli 2016 wechselte er ins Gesundheitsamt des Landkreises nach Bad Hersfeld. (nm)

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