ZWISCHEN DEN ZEILEN

Multikulti auf der Baustelle und absurde Vergleiche

Christine Zacharias, Autor
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Christine Zacharias, Autor

In unserer Wochenkolumne „Zwischen den Zeilen“ befasst sich Christine Zacharias mit Frust und Freundlichkeit auf Baustellen sowie mit unterirdischen Facebook-Kommentaren.

Kaum fertig, schon kaputt. Diesen Frust so mancher Bauherren gibt es jetzt auch im Landratsamt. Dort gab es nämlich im Neubau einen kapitalen Wasserschaden, und zwar genau in dem Teil, der bereits fertig war und in dem schon gearbeitet wurde. Also mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder ihre Kisten packen und in ein Übergangsquartier umziehen, während die Räume getrocknet und neu hergerichtet wurden.

Vielleicht lag es ja auch daran, dass er sie nicht gefunden hat, dass der neue Landrat Torsten Warnecke seine Mitarbeiter nicht ordentlich begrüßte. Dem Vernehmen nach soll es durchaus Frust bei den Mitarbeitern gegeben haben, dass ihr neuer Chef bei Terminen an den verschiedenen Standorten der Verwaltung noch nicht einmal bei den Amtsleiter reinschneite und „Hallo!“ sagte. Dabei ist Warnecke ein freundlicher und durchaus kommunikativer Mensch. Aber plötzlich Chef von so vielen Menschen mit Erwartungen und Befindlichkeiten zu sein, daran muss man sich erst gewöhnen. Übermäßige Herzlichkeit waren die Mitarbeiter im Landratsamt aber ohnehin nicht gewohnt. Schließlich ist auch ihr letzter Chef nach der verlorenen Wahl zum Ende seiner Amtszeit einfach gegangen – ohne ein Abschiedswort.

Kommunikation allein über die Sprache – das wird zumindest auf den Baustellen im Landkreis schwierig. Denn immer mehr Baufirmen und Handarbeiter sind darauf angewiesen, ihre Teams mit Menschen aus anderen Ländern zu verstärken, um überhaupt arbeitsfähig bleiben zu können. Auf der Baustelle für die Wohn- und Pflegeeinrichtung in Obergeis sind Menschen aus halb Europa beschäftigt, hat Bürgermeister Walter Glänzer jetzt festgestellt. Auch in vielen anderen Bereichen, zum Beispiel in der Pflege oder in der Gastronomie geht kaum noch etwas ohne Unterstützung durch ausländische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nun ist es an uns, den Menschen, die den Laden am Laufen halten, freundlich zu begegnen und sie nicht durch Vorurteile und Feindseligkeit zu verschrecken. Unsere Gesellschaft wird schon seit Jahrzehnten immer bunter und vielfältiger – das bietet auch Chancen und neue Möglichkeiten. Ein freundliches Lächeln hat jedenfalls noch niemandem geschadet. Und Sprüche wie „Deutschland den Deutschen“ führen, falls sie umgesetzt würden, in eine Katastrophe, die wir uns gar nicht vorstellen wollen.

Diskutieren ist eine feine Sache. Meinungen austauschen, anderen zuhören, sich vielleicht auch überzeugen lassen. Das Niveau, auf dem einige Leute auf Facebook unseren Artikel über die Einführung von Bändchen für Geimpfte und Genesene beim Einkaufen diskutieren, ist allerdings unterirdisch. Ob die 2 G-Regel für Geschäfte Sinn macht – darüber lässt sich streiten. Aber sie wurde eingeführt, und nun ist es Sache der betroffenen Einzelhändler, damit irgendwie umzugehen. Ein Bändchen ums Handgelenk, das freiwillig getragen werden kann, könnte da eine Erleichterung für Kunden und Händler sein.

Wie man auf Vergleiche mit dem Judenstern kommen kann, ist völlig absurd. Beides ist absolut nicht vergleichbar, und wer etwas anderes behauptet, hat erstens keine Ahnung und beleidigt zweitens alle Menschen jüdischen Glaubens, die von den Nationalsozialisten verfolgt, drangsaliert und ermordet wurden, aber auch alle, die versuchen, durch diese Pandemie zu steuern – nicht immer glücklich und durchaus oft kritikwürdig, aber doch weit entfernt von einer Diktatur.

Ich empfehle: Erst Hirn einschalten, dann losmeckern. Und Vergleiche mit dem Nationalsozialismus funktionieren ohnehin nur selten. (Christine Zacharias)

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