Stadt verzichtet auf rechtliche Schritte

Nach Gerichtsurteil: Zuse-Scheune in Bad Hersfeld wird abgerissen

Das Schicksal der sogenannten „Zuse-Scheune“ ist offenbar besiegelt. Das Fachwerkgebäude soll abgerissen werden.
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Mach’s gut, altes Haus: Das Schicksal der sogenannten „Zuse-Scheune“ ist offenbar besiegelt. Die Stadt will nicht gegen die Abrisserlaubnis vorgehen.

Die Stadt Bad Hersfeld wird keine Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Kassel zum Abriss der „Zuse-Scheune“ einlegen. Das hat der Magistrat am Montag beschlossen.

Bad Hersfeld – Damit ist der Rechtsstreit der Stadt mit dem Investor und Grundstückeigentümer Ingo Sauer beendet, heißt es in einer Mitteilung der Stadt.

Hauptargument für die Magistratsmitglieder sei die Aussicht auf ein weiteres ergebnisoffenes Gerichtsverfahren gewesen, dass die städtebaulich unbefriedigende Situation am Stadtring über Jahre hinaus unverändert lassen würde.

Wie berichtet hatte das Verwaltungsgericht einem Antrag der ISB Projekt GmbH von Ingo Sauer zugestimmt und damit grünes Licht für den Abriss der alten Remise gegeben, in der Computer-Pionier Konrad Zuse den ersten Computer entwickelt hat. (AZ 2 K 2800/17.KS).

Verrammelte Fenster an der Zuse-Scheune in Bad Hersfeld: Ein Bild mit Symbolwert.

„Unstrittig ist, dass der Abbruch des Gebäudes durch den Eigentümer auf eigene Kosten durchgeführt wird. Zur zukünftigen Gestaltung der verbleibenden Fläche werden jetzt Gespräche von Magistrat und Bauverwaltung mit dem Grundstückseigentümer geführt“, teilt die Stadt mit. Einen ersten Informationsaustausch hatte es schon am gestrigen Abend gegeben, in dem der Investor der Stadt sein Entgegenkommen bei der Lösung signalisierte. Ingo Sauer war zeitweise als Gast bei den Beratungen des Magistrats zugegen.

Bürgermeister Thomas Fehling erklärte zu der Entwicklung des Zuse-Gebäudes: „Mit dem Gerichtsurteil war ich verständlicherweise unzufrieden. Aber dies akzeptiere ich natürlich genauso wie die Entscheidung des Magistrates. Unter dem Strich bleibt für mich aber die sehr bittere Enttäuschung, dass durch die Entwicklung der letzten Jahre einem verdienten Einwohner unserer Stadt – Konrad Zuse, einem Pionier mit Weltruhm – hier nun ein angemessenes Andenken verwehrt bleibt.“

Der Zahn der Zeit: Die alte Remise der früheren Tuchfabrik Rehn weist nach vielen Jahren des Leerstands massive Schäden auf, die offenbar irreparabel sind.

Das Gericht hatte in seinem Urteil, das unserer Zeitung vorliegt, einen Streitwert von 25 000 Euro festgelegt und die Stadt als Beklagte verpflichtet, „der Klägerin entsprechend ihres Antrags vom 18. Dezember 2015 eine Baugenehmigung für den Abriss des Gebäudes (...) zu erteilen. Die Kosten des Verfahrens hat die Beklagte – also die Stadt – zu tragen. In der Urteilsbegründung folgte das Verwaltungsgerichts im Wesentlichen der Einschätzung der umfangreichen Gutachten zu dem Gebäude.

Der Gutachter hat errechnet, dass bei Heranziehung aller Bauteile des Gebäudes mit einem Erhalt von lediglich rund 34 Prozent der ursprünglich vorhandenen Bausubstanz gerechnet werden kann. „Eine Sanierung des insgesamt stark baufälligen und in Teilen nach der gutachterlichen Schadensermittlung bereits abgängigen Fachwerkbaus käme daher, selbst wenn eine solche unter Erhaltung einzelner Bauteile des Bestandes möglich ist, ihrem Umfang und Ausmaß nach letztlich einer Neuerrichtung gleich“, heißt es wörtlich in der Urteilsbegründung des Verwaltungsgerichts.

Ingo Sauer von der Firma ISB wollte sich auf Anfrage der Hersfelder Zeitung nicht äußern. Er verwies auf die Vertraulichkeit des Gesprächs im Magistrat. (Kai A. Struthoff)

Die sogenannte „Zuse-Scheune“ gehört zur früheren Tuchfabrik Rehn, die in den 1860er Jahren entstanden ist. Die Firma Rehn bestand bis 1956. Von 1957 bis zur Übersiedlung in das neue Werk im Jahre 1964 hatte Konrad Zuse das Areal zur Unterbringung seiner Computerfertigung gemietet. „Die kaum veränderte und zwischen 1865 und den 1930er Jahren entstandene Baugruppe in der Wehneberger Straße 4 hat äußerlich den Charakter einer mittelgroßen Textilfabrik bewahrt“, heißt es dazu in der Denkmaltopografie des Kreises Hersfeld-Rotenburg. In den Gebäuden der Textilfabrik, wohl aber nicht in der Scheune selbst, „gelangen Zuse die für die Entwicklung des heutigen Personal-Computers entscheidenden Fortschritte“.

Heute weist das Fachwerkgebäude in der Wehneberger Straße 4 bereichsweise erhebliche Schäden auf. Dass die Schäden das vorgefundene Ausmaß annehmen konnten, sei der Tatsache geschuldet, dass das lndustrieareal seit vielen Jahren nicht mehr genutzt wird und eine regelmäßige Bauunterhaltung unterblieb, heißt es in der Urteilsbegründung. Als Schäden werden unter anderem extremer Bewuchs durch echten Hausschwamm, starke Witterungsschäden, Schäden durch holzzerstörende lnsekten, Feuchtigkeitsschäden im Dach und statische Probleme genannt. (kai)

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