Mädchen wird Jahresende möglicherweise nicht mehr erleben

Nach unerkannter Masern-Infektion: Aliana (4) kämpft um ihr Leben

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Mama Mirella Kunzmann spricht mit ihrer kranken Tochter Aliana. Früher war Aliana ein fröhliches Kind, mittlerweile kann sie nicht mehr sprechen und muss ernährt werden.

Bad Hersfeld. Die vierjährige Aliana wird sterben. „Der Verfall ist erschreckend rasant. Das Kind wird das Jahresende möglicherweise nicht mehr erleben“, sagt der Bad Hersfelder Kinderarzt Georg J. Witte, der das kleine Mädchen betreut. Die Ursache für die unheilbare Krankheit, an der Aliana leidet: Masern.

„Aliana war ein fröhliches Kind“, sagt ihre Mutter Mirella Kunzmann mit Tränen in den Augen. Das Mädchen sprang viel herum und lachte. Doch mit vier Jahren nickt Aliana plötzlich häufiger beim Essen mit dem Kopf weg, Sekundenschlaf nennt es ihre Mutter. Dann wird das Mädchen vergesslich und fällt immer öfter hin. Die Diagnose: die chronische Maserngehirnentzündung SSPE. Die Krankheit ist eine Spätfolge einer Maserninfektion und verläuft immer tödlich.

In einem von 150 bis 300 Fällen besteht nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland bei Säuglingen das Risiko, dass nach Masern später diese tödliche Spätkomplikation auftritt.

Mittlerweile kann Aliana weder stehen noch sitzen, sie spricht nicht mehr und wird über eine Sonde ernährt. „Wir wussten nicht, dass Masern so gefährlich sein können“, sagt Kunzmann. Hätte sie selbst Masern gehabt oder wäre geimpft gewesen, wäre ihrer Tochter wohl nichts passiert. Doch die 27-Jährige ist durchs Raster gefallen, als in den 70er und 80er Jahren zum Teil nur unzureichend geimpft wurde – oder aber gar nicht, weil die Masern-Infektionen deutlich zurückgegangen waren.

Nur Mütter mit Antikörpern können ihren Kindern den sogenannten Nestschutz mitgeben, der das Neugeborene in den ersten Monaten schützt. Geimpft werden Kinder in der Regel ab dem elften Lebensmonat (sie Hintergrund unten). Aliana hatte offenbar unbemerkt mit drei Monaten die Masern bekommen. Ihre Eltern haben nun die Facebook-Seite „SSPE-ALIANA kämpft um ihr Leben“ eröffnet, um aufzuklären und Betroffenen zu helfen.

Der Kinderärzteverband fordert Frauen mit Kinderwunsch auf, frühzeitig ihren Impfschutz zu kontrollieren. „Wer nicht zweimal gegen Masern geimpft wurde, sollte dies dringend nachholen“, sagt Verbandssprecher Ulrich Fegeler. Gefordert seien vor allem auch Frauenärzte, die ihre Patientinnen frühzeitig aufklären und den Impfstatus testen sollten. Denn während der Schwangerschaft ist es nicht mehr möglich zu impfen, da es sich bei Masern um einen sogenannten Lebendimpfstoff handelt.

Auch Mutter Mirella Kunzmann fordert alle auf, sich und die Kinder impfen zu lassen. „Ich kann nicht verstehen, dass es Frauen gibt, die sich gegen eine Impfung entscheiden, denn sie gefährden nicht nur ihre, sondern auch unsere Kinder.“

Hintergrund:  Ansteckung auch über mehrere Meter Entfernung

Masern sind eine sehr ansteckende Krankheit und zählen in Deutschland zu den meldepflichtigen Infektionen. Die Viren werden nur von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen übertragen, zum Beispiel beim Husten oder Sprechen. Fast jeder Kontakt führt zu einer Ansteckung, wenn ein Mensch nicht gegen Masern geimpft ist – sogar auf mehrere Meter Entfernung. Einige Fakten:

SYMPTOME: Schon fünf Tage vor dem typischen roten Hautausschlag sind Infizierte ansteckend. Nach grippeähnlichen Anzeichen wie hohem Fieber, Husten und Schnupfen folgt Tage später der Ausschlag und das Fieber steigt erneut. Nach vier Tagen verschwindet der Ausschlag.

KOMPLIKATIONEN: Masern schwächen das Immunsystem; Bronchitis, Mittelohr- oder Lungenentzündungen können die Folge sein. Etwa einer von 1000 Erkrankten erleidet eine Gehirnentzündung. Daran sterben bis zu 20 Prozent der Betroffenen. Bei fast einem Drittel bleiben schwere Folgeschäden wie geistige Behinderung oder Lähmungen zurück.

THERAPIE: Eine Therapie gegen Masern gibt es nicht. Möglich ist nur eine Behandlung der Krankheitsanzeichen wie Fieber. Antibiotika sind gegen Viren-Erkrankungen wirkungslos.

IMPFUNG: Der Impfstoff wird aus abgeschwächten Masernviren hergestellt. Säuglinge sollten mit 11 bis 14 Monaten erstmals geimpft werden. Das kann auch früher sein, wenn das Kind in eine Kita gehen soll. Die Zweitimpfung kann vier Wochen nach der ersten erfolgen und sollte im Alter von 15 bis 23 Monaten verabreicht werden. Erwachsene mit unklarem Impfstatus sollten sich impfen lassen. (dpa)

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