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„Neues Jahr finde ich inspirierend“: Interview mit Heilpraktikerin für Psychotherapie

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Von: Laura Hellwig

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Sabine Ludwig.
Sabine Ludwig. © Praxis für Psychotherapie/nh

Wie man Ängsten und Sorgen begegnen und was Neujahr bewirken kann, darüber spricht Sabine Ludwig, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Systemischer Coach im Interview.

Hersfeld-Rotenburg – Mit knallenden Korken haben viele Menschen 2023 begrüßt. Was aus dem vergangenen Jahr bleibt, das sind die Weltkrisen, die auch unseren Alltag fest im Griff haben. Klima-Krise, Krieg in Europa, Energie-Krise und Corona – all das belastet manche Menschen mehr, andere weniger. Wie man Ängsten und Sorgen in dieser Zeit begegnen und was Neujahr bewirken kann, darüber spricht Sabine Ludwig, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Systemischer Coach im Interview.

Frau Ludwig, die Welt hat derzeit mit verschiedenen Krisen zu kämpfen. Das löst bei vielen Menschen Ängste und Sorgen aus. Ist so eine Reaktion normal?

Absolut. Wir sind aktuell von sehr großen Herausforderungen umgeben, wie der Klima-Krise, dem Ukraine-Krieg oder bei manchen sind es auch persönliche existenzielle Nöte. Dass Menschen durch diese externen Faktoren, die auf sie einwirken, Sorgen und Ängste entwickeln, ist ganz natürlich. Bei Ängsten muss jedoch unterschieden werden zwischen pathologischen Ängsten, also Angsterkrankungen und Ängsten, die ohne reale Bedrohung auftreten, und Ängsten, deren Ursache nachvollziehbar ist.

Welche Bedeutung kann der Start in ein neues Jahr für Menschen haben?

Zum einen ist so ein Neustart eine Möglichkeit, Dinge neu zu betrachten, den Fokus neu auszurichten und das Bewusstsein zu haben, dass Dinge wandelbar sind, dass sie nächstes Jahr anders sein können, wenn ich mit einer anderen Ausrichtung, Denk- und Handlungsweise an sie herangehe. Ich schaue jedes Jahr zunächst wertschätzend zurück, mache mir bewusst, was gut gelaufen ist und was nicht, was ich ins neue Jahr mitnehmen kann. Dann denke ich an die Zukunft und frage mich, was für das neue Jahr besonders wichtig ist. Dabei ist weniger mehr. Hier ist es wichtig, nicht alles auf einmal zu wollen und zu planen, sondern sich lieber nur zwei, drei Dinge vorzunehmen, die erreicht werden sollen. Das verschafft eine positive Ausrichtung und wirkt nicht frustrierend, weil eine so lange Liste an Vorsätzen meist nicht in Erfüllung geht.

Wie ernsthaft nehmen sich Menschen Neujahresvorsätze vor?

Wenn der Vorsatz schon im Konjunktiv mit „ich müsste“, oder „ich sollte“ formuliert wird, weiß ich: Das wird nichts. Entweder ich habe ein Vorhaben, dann behandele ich das als Projekt. Dann setze ich mich hin und beschreibe inhaltlich, was ich erreichen möchte, und entwickle Schritte, um das Ziel zu erreichen, die ich dann auch als „to does“ in den Kalender eintrage. Wenn ich aber nur überlege, ich müsste mal mehr Sport machen, aber es gibt dazu keine Umsetzungsstrategie, dann wird nichts passieren. Das weiß ich auch von mir selbst.

Und wie steht es um konkrete, positive Vorsätze, um Sorgen und Ängste in Krisenzeiten wie diesen persönlich zu bewältigen? Kann man sich da etwas vornehmen?

Auf jeden Fall. Für mich ist hier der Aspekt der Selbstwirksamkeit ganz wichtig. Gerade angesichts der globalen Herausforderungen ist es sehr wichtig, nicht in eine ängstliche und hilflose Starre zu verfallen. Das steigert die Bedrohlichkeit der Situation. Jeder kann schauen, was er selbst in der Krise an Positivem beitragen kann. Bei der Klima-Krise zum Beispiel gibt es verschiedene Möglichkeiten sich einzubringen, die kennt jeder. Auch beim Ukraine-Krieg kann mit Spenden oder im Ehrenamt geholfen werden. Indem ich aktiv werde, ins Handeln komme und das tue, was in meiner Macht steht, gibt mir das ein gutes Gefühl, nicht hilflos zu sein, das baut Ängste ab. Man muss zwar auch erkennen und ganz bewusst akzeptieren, dass keiner von uns auf so etwas wie den Krieg in der Ukraine einen wirklichen Einfluss hat, das bedeutet aber nicht, dass ich nicht doch einen Beitrag leisten kann, der hilft.

Was kann man noch tun, um die eigene mentale Gesundheit zu schützen?

Wir sollten darauf achten, auch körperlich gesund zu bleiben. Neben der Ernährung ist die Bewegung ein wesentlicher Baustein. Mental ist einerseits das Finden und tägliche Nutzen von eigenen Ruhepolen elementar. Meditation ist ein gutes Mittel, aber auch ein anderer Ausgleich, der für mich persönlich Ruhe und Entspannung bedeutet, bei dem ich auftanken kann. Das zweite Thema ist, von welchen Menschen ich umgeben bin. Tun sie mir gut oder ziehen sie mich mit stetigem Gejammer oder Streit hinunter? Das Netzwerk aus Freunden und Familie ist für eine mentale Gesundheit sehr wichtig in dieser Zeit. Einen weiteren Punkt möchte ich noch erwähnen: Bitte darauf achten, welche Medien wie oft konsumiert werden. Wer ohnehin mit Ängsten und Sorgen zu kämpfen hat, bei dem triggert die Flut an negativen Informationen diese Problematik noch zusätzlich. Die Einhaltung von strikten Zeiten kann dem entgegenwirken.

Können all solche negativen Nachrichten die Gesundheit auch nachhaltig beeinflussen?

Extrem. Wir nehmen das ja nicht nur über die kognitive, also die Verstandes-Ebene auf, sondern auch unbewusst. Wenn bereits bestehende Ängste zusätzlich noch mit emotionalem, sensationsorientiertem Journalismus gefüttert werden, gerade durch solche eindrucksvollen Bilder, löst das starke Emotionen aus und triggert den Menschen in einem besonderen Maße. Umso wichtiger ist es, in eine Distanz zu gehen und Medien nach seriösen Quellen zu filtern.

Wie kann man Menschen begegnen, die einem die eigenen Ängste und Sorgen absprechen?

Ich finde es dennoch wichtig, die eigenen Ängste klar zu formulieren und daran zu erinnern, dass die Charaktere, Persönlichkeiten und Erfahrungen ja von Mensch zu Mensch verschieden sind. Was dem einen Angst macht, kann für jemand anderen überhaupt nicht bedrohlich wirken. Ich kann hier versuchen, das Gespräch zu suchen und zu fragen, was er oder sie denn in meiner Situation tun würde. Was kann ich aus seiner oder ihrer Sicht machen, damit es mir besser geht?

Was kann man selbst tun, um sich nicht von negativen Nachrichten und Gefühlen hinunterziehen zu lassen?

Es ist wichtig, ein Gefühl für die Frage zu entwickeln, was mir guttut und was nicht. Eine grundsätzlich zuversichtliche Einstellung ist sehr hilfreich. Auch eine radikale Akzeptanz - das zu akzeptieren, was nun einmal real existent ist, auch wenn das manchmal schwerfällt. Uns ging es hier jahrzehntelang sehr gut, aber das ist deshalb nicht selbstverständlich. Bei dieser Fragestellung liegt mir persönlich vor allem das Thema Lösungsorientierung am Herzen. Das ist auch unsere Therapieform hier in der Praxis. Es geht in unserer Therapie immer darum: Was kann ich persönlich tun, um für mich die beste Lösung in der jeweiligen Situation zu finden. Ich bin selbst dafür verantwortlich, dass es mir emotional gut geht. Das kann ich an niemanden abgeben. Jetzt vor einem neuen Jahr, einem Neustart zu stehen, finde ich jedes Mal sehr inspirierend. Ich freue mich auf neue Chancen und Möglichkeiten und mache auch immer Pläne für das kommende Jahr. Diese Freude und der Fokus auf das, was als Nächstes kommt, das gibt mir Kraft.

Mit welchen Anliegen kommen Menschen zu Ihnen?

Wir beschäftigen uns in unserer Praxis meist mit drei Themenbereichen: Einen sehr großen Prozentsatz machen Ängste und Panikattacken aus. Auch Menschen mit Erschöpfungssyndrom und Burnout kommen sehr oft zu uns. Zum Dritten wären hier noch die psychosomatischen Symptome und Beschwerden zu nennen. Oft sind Menschen, die sich vor oder in Veränderungen befinden, sei es durch Trennung, Tod oder andere herausfordernde Situationen, einer großen psychischen Belastung ausgesetzt, die sie nicht immer allein bewältigen können. Wir arbeiten in unserer Praxis vor allem nach der lösungsorientierten Kurzzeittherapie.

Zur Person

Sabine Ludwig (62) ist in Düsseldorf geboren und hat dort Lehramt studiert. Diesen Beruf hat sie jedoch nie ausgeübt, sondern machte ihre ersten beruflichen Erfahrungen in verschiedenen Unternehmen, später auch als Selbstständige. Nach ihrer dann anschießenden Coaching-Ausbildung und Weiterbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie hat sie heute zwei berufliche Standbeine: Einmal die Dienstleistung: Systemisches Coaching für Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen. Zweitens die HP-Praxis für Psychotherapie in Bad Hersfeld, die sie 2003 gemeinsam mit ihrer Kollegin Karen Gerlach gegründet hat. Sabine Ludwig lebt in Bad Hersfeld und verbringt ihre Freizeit gerne in der Natur mit ihren Pferden und ihrem Hund. Sabine Ludwig ist verheiratet und hat keine Kinder. lah

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