Letzte Chance vorm Abgrund

Pärchen aus Rotenburg wegen Einbruchserie verurteilt

Das Amtsgericht in der Dudenstraße in Bad Hersfeld (Symbolbild).
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Das Amtsgericht in der Dudenstraße in Bad Hersfeld (Symbolbild).

Es ist die letzte Chance für einen jungen Rotenburger und seine Freundin. Die beiden mussten sich wegen einer Serie von fünf Einbrüchen in Rotenburg und gewerbsmäßigen Diebstahls vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld verantworten und kamen ganz knapp um einen Gefängnisaufenthalt herum.

Bad Hersfeld – Für Staatsanwältin Tanja Gerbig war die Sache im Vorfeld eigentlich klar. Die Angeklagten hatten, wie sie freimütig gestanden, von Januar 2018 bis Januar 2019 fünf Einbrüche in Rotenburg verübt und dabei vor allem Werkzeug und Arbeitsmaterialien, einmal aber auch sehr teure technische Geräte gestohlen – den Wert bezifferte Gerbig auf insgesamt 35 000 Euro. Auch Bargeld und Bankkarten, mit denen der Angeklagte Geld abhob, waren ihnen in die Hände gefallen.

Die gestohlenen Gegenstände wurden verkauft oder direkt gegen Drogen eingetauscht. In Anbetracht der zahlreichen Vorstrafen des Rotenburgers, 13 insgesamt, wäre das mehr als ausreichend gewesen, den jungen Mann ohne Bewährung in Haft zu schicken.

Er hat jedoch inzwischen eine Kehrtwende vollzogen, von der er nicht nur selbst glaubhaft berichtete, sondern die auch sein Therapeut aus der Klinik, in der der Angeklagte und seine Freundin seit Monaten behandelt werden, bestätigte.

Damit beeindruckten sie sowohl die Staatsanwältin als auch das Gericht. „Diese Konsequenz sehen wir hier nicht so häufig“ erklärte Christina Dern, die Vorsitzende des Schöffengerichts und blieb mit ihrem Urteil (ein Jahr und neun Monate für ihn, und ein Jahr, drei Monate für sie, jeweils auf Bewährung, unter dem Antrag der Staatsanwältin. Die hatte sich ebenfalls für eine Bewährungsstrafe, allerdings von zwei Jahren, als letzte Chance ausgesprochen, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, eine höhere Strafe und damit einen Gefängnisaufenthalt zu beantragen.

Verteidiger Christian Kusche hatte darum gebeten, beim Strafmaß noch etwas Luft zu lassen, weil zumindest eine weitere Anklage noch drohe. Eine Haftstrafe von mehr als zwei Jahren kann aber nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden. Auch Harald Ermel, der die junge Frau verteidigte, bat um eine Bewährungsstrafe.

Ein Gefängnisaufenthalt, da waren sich aber alle Beteiligten einig, würde zum jetzigen Zeitpunkt die mühsam erarbeitete Chance auf ein normales Leben, zerstören.

Haftstrafe auf Bewährung

Das Strafrecht in Deutschland sieht vor, dass die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe (maximal zwei Jahre) ausgesetzt und dem Verurteilten eine Bewährungsfrist bewilligt werden kann. Nach Ablauf dieser Frist wird die Strafe erlassen, wenn der Verurteilte sich nichts mehr hat zu Schulden kommen lassen. Wird er wieder straffällig, muss er in Haft. Bewährung gibt es häufig, wenn jemand erstmals straffällig geworden ist oder vermittelt, seine Chance wirklich nutzen zu wollen. (zac)

Lust auf ein neues Leben

Mit dem Drogenkonsum haben beide Angeklagte schon in jungen Jahren begonnen. Er stammt aus einer Familie mit vielfältigen Suchtproblematiken und hat selbst mit 13 Jahren angefangen, zunächst Alkohol zu trinken. Später stieg er dann auf Marihuana und Amphetamine um. Eine Zeit lang nahm er auch Crystal Meth. Von Anfang an war der Konsum nicht gelegentlich, sondern täglich und exzessiv, berichtete der Angeklagte.

Er habe Einsamkeitsgefühle, sein geringes Selbstwertgefühl und andere Probleme damit ausblenden wollen, sei selten wirklich klar im Kopf gewesen. Trotzdem gelang es ihm, sein Fachabitur zu bestehen und das sogar mit einem Einser-Schnitt. Ein Studium brach er aber wegen seiner Drogenprobleme ab. „Ich war dauernd auf Drogen und habe mich gehen lassen“, räumt er ein.

Fünf bis zehn Gramm Speed habe er pro Tag genommen, dazu ein bis zwei Gramm Crystal (bis vor fünf Jahren) und zwei bis drei Gramm Marihuana.

Das alles war vom Bafög und dann später von Hartz IV nicht zu finanzieren. Der Weg in die Kriminalität war vorgezeichnet.

Seine Lebensgefährtin, die aus einer behüteten Familie stammt, hatte ihre Drogenkarriere mit 15 Jahren begonnen, zunächst mit Kokain, das sie bei ihren älteren Brüdern fand, später dann mit Amphetaminen. Sie verlor ihren Job, weil sie ihren Arbeitgeber bestohlen hatte und befand sich, wie ihr Freund, in einer Abwärtsspirale.

Im vergangenen Sommer war dann der Zeitpunkt, wo beiden klar wurde, dass es so nicht weitergehen kann. Sie gingen zur Suchtberatung in Rotenburg, organisierten eine Entgiftung und sind seit September in stationärer Therapie in einer Suchtklinik. Ihr dortiger Therapeut berichtete dem Gericht von großem Engagement und konsequenter Drogenfreiheit der beiden, die immer wieder auch andere Patienten in der Klinik ermutigten und zum Durchhalten motivierten.

Und weil es alleine mit einem Klinikaufenthalt nicht getan ist, wenn man sich aus der Drogensucht befreien will, haben beide sich bereits um die Nachsorge und Plätze im betreuten Wohnen für die Zeit nach der Entlassung gekümmert, weit genug weg von Rotenburg, um der dortigen Drogenszene zu entgehen. Auch um eine Ausbildung hat sich der junge Mann bei mehreren Firmen beworben.

Beide Angeklagte versicherten, wie sehr sie ihre Taten bereuten und dass sie dafür gerade stehen wollten. „Ich habe Lust auf ein neues Leben, aber Angst, dass sich im Gefängnis nichts für mich ändern wird“, sagte der Rotenburger. Ziel sei es, so versicherte auch seine Freundin, ohne Suchtmittel straffrei zu leben.

Beide Angeklagte erhielten die Auflage, ihre Therapien fortzusetzen und müssen ein Jahr lang mit regelmäßigen Tests nachweisen, dass sie keine Drogen nehmen. Sie müssen zudem die Kosten des Verfahrens tragen und den Schaden in Höhe von 31 000 Euro erstatten. Das Urteil ist rechtskräftig. (Christine Zacharias)

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