Stalker vor dem Amtsgericht

Plädoyers im Prozess um geplante Entführung in Rotenburg: Freispruch oder Gefängnis

Symbolbild der Justizia mit verbundenen Augen
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Angeklagt ist ein 52-Jähriger, der seit Jahren seiner ehemaligen Partnerin aus Rotenburg nachstellt und nun geplant hatte, sie nach Bulgarien zu verschleppen. Das Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld muss nun ein Strafmaß finden.

Freispruch oder vier Jahre Gefängnis, die höchste Strafe, die ein Amtsgericht verhängen kann? Im Prozess um eine geplante Entführung in Rotenburg wurden die Plädoyers gehalten.

Bad Hersfeld/Rotenburg - Freispruch oder vier Jahre Gefängnis? Zwischen diesen Forderungen von Verteidiger Sascha Marks und Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken muss nun das Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld unter Vorsitz von Richterin Christina Dern ein Strafmaß finden. Angeklagt ist ein 52-Jähriger, der seit Jahren seiner ehemaligen Partnerin aus Rotenburg nachstellt und nun geplant hatte, sie nach Bulgarien zu verschleppen.

Am letzten Verhandlungstag stand dabei auch die Frage im Raum, ob der Angeklagte schuldfähig ist, oder in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden muss. Das verneinte Beate Eusterschulte, ärztliche Direktorin der Klinik für forensische Psychiatrie in Haina, die ihr Gutachten nach Aktenlage und aus ihren Beobachtungen während des Prozesses erstellen musste. Der Angeklagte hatte eine Zusammenarbeit verweigert. Eine Unterbringung nach § 63 sei nicht möglich, weil der Mann sehr wohl in der Lage sei, seine Handlungen bewusst zu steuern. Die Schuldfähigkeit sei nicht beeinträchtigt.

Gutachterin: Schwierige Kindheit und frühe Straffälligkeit, aber schuldfähig

Eusterschulte berichtete von der schwierigen Kindheit und frühen Straffälligkeit des 52-Jährigen, von zahlreichen Suizidversuchen und häufig wechselnden Beziehungen. Sie stellte bei dem Angeklagten eine „akzentuierte Persönlichkeit des dissozialen Typus“ fest, aber keine Persönlichkeitsstörung, die so dominant sei, dass sie das gesamte Leben des Angeklagten bestimme. Die Gefahr, dass er sein Opfer auch weiterhin verfolge, sei groß. Eine Therapie wenig erfolgversprechend, so Eusterschulte.

Akzentuierte Persönlichkeit

Persönlichkeitsakzentuierung ist ein Begriff aus der Psychologie und Psychiatrie. Die Akzentuierung ist eine geringer ausgeprägte Form der Persönlichkeitsstörung. Der Übergang zu einer Störung kann jedoch fließend sein. Unterschieden werden verschiedene Typen von Akzentuierungen beziehungsweise Störungen. Menschen des dissozialen oder antisozialen Typus neigen etwa dazu, gesellschaftliche Regeln zu missachten, kein Mitgefühl zu haben und Gewalt auszuüben.

Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken listete in ihrem Plädoyer noch einmal die neun Straftaten auf, wegen derer der 52-Jährige angeklagt war, darunter Dokumentenfälschung, Diebstahl von Medikamenten, Widerstand gegen Polizeibeamte, Stalking und Bedrohung. Sie warf dem Angeklagten eine „absolute Missachtung der Gesetze“ und eine „enorme kriminelle Energie“ vor. Deshalb sei nur eine Freiheitsstrafe denkbar. Der Haftbefehl solle aufrecht erhalten bleiben.

Verteidiger Sascha Marks war sich lediglich mit der Staatsanwältin einig, dass das Vorbereiten einer Straftat wie in diesem Fall geschehen noch nicht strafbar sei. Der Angeklagte sei in diesem Punkt freizusprechen. Für die anderen Vorwürfe sei eine Geldstrafe angemessen. Das Urteil wird am 16. Dezember verkündet.

Entführung im eigens ausgerüsteten Wohnwagen in die bulgarische Wildnis

Gerade mal einen Tag lang hatte die 43-Jährige aus Rotenburg, die seit drei Jahren Opfer hartnäckiger Nachstellungen ihres ehemaligen Lebensgefährten ist, das Gefühl, der Albtraum könne ein Ende haben. Dann erfuhr sie Ende April, dass der 52-Jährige noch viel Schlimmeres für sie geplant hatte. Er wollte sie entführen und in einem dafür eigens ausgerüsteten Wohnwagen nach Bulgarien verschleppen, wo er mit ihr in der Wildnis leben wollte.

Was das Stalking, die Bedrohungen und die Information über die Pläne des Mannes für seine Mandantin bedeuten, das machte Rechtsanwalt Markus Sittig als Vertreter der Nebenklage in seinem Abschlussplädoyer deutlich. Die Rotenburgerin hatte sich dafür entschieden, nicht nur als Zeugin in dem Prozess um ihren Peiniger vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld auszusagen, sondern auch als Nebenklägerin aufzutreten. Als solche hat sie das Recht, den gesamten Prozess zu verfolgen.

Seine Mandantin leide unter einer postraumatischen Belastungsstörung, unter Angst- und Schlafstörungen, betonte Sittig. Sie habe massive finanzielle Einbußen erlitten, weil sie ihre Arbeitszeit lange auf eine halbe Stelle habe reduzieren müssen. Gleichzeitig musste sie zusätzliche Kosten für die von der Polizei angeraten Sicherungen an ihrem Haus auf sich nehmen (wir berichteten).

Nebenkläger: Mandantin lebe in Sorge vor weiteren Übergriffen

Die telefonische Drohung, ihr Haus anzuzünden, setze ihr so zu, dass sie immer eine Leiter auf dem Balkon aufbewahre, um im Ernstfall aus dem ersten Stock hinunterklettern zu können. Und von dem Beamten, der den Wohnwagen nach der Festnahme des Angeklagten untersucht hatte, habe die Frau vor allem wissen wollen, ob er den Benzinkanister gefunden habe.

Sie habe lange Zeit in jedem Menschen, der ihr auf der Straße begegnete, den Angeklagten gesehen und könne noch immer nicht ohne Angst morgens die Rollos hochziehen, weil sie befürchte, der 52-Jährige stehe davor.

Sittig machte auch deutlich, wie sehr die Verlesung des Urteils aus dem Jahr 2001 aus Würzburg seine Mandantin belaste. Damals war der Angeklagte wegen der Vergewaltigung seiner früheren Ehefrau verurteilt worden. In dem Urteil wurde deren stundenlanges Martyrium ausführlich geschildert.

Der Mann hatte sie unter anderem mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihn oral zu befriedigen und davon Bilder gemacht, die die Polizei bei der Durchsuchung im Frühjahr 2021 noch bei ihm fand. „Für die Nebenklägerin stand Schlimmes im Raum“, betonte ihr Anwalt und wies auf zu erwartende sexuelle Gewalt während der geplanten Entführung hin. Er machte auch deutlich, dass seine Mandantin in Sorge vor weiteren Übergriffen leben müsse und schloss sich der Darstellung von Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken an, für die nur eine Freiheitsstrafe in Frage kam – und zwar von insgesamt vier Jahren. (Christine Zacharias)

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