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Pläne für neue Gas-Pipeline: Skepsis bei Anrainern im Kreis Hersfeld-Rotenburg

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In sechs Metern Tiefe unterquert die Midal-Gasleitung die Straße von Eiterfeld nach Arzell. Wegen der Wartungsarbeiten muss sie freigelegt und neu eingebettet werden.
Blick unter die Erde: In sechs Metern Tiefe unterquert die bestehende Midal-Gasleitung die Straße von Eiterfeld nach Arzell. Wegen Wartungsarbeiten musste sie einst freigelegt und neu eingebettet werden. © Hartmut Zimmermann

Die Firma Gascade plant den Bau einer zweiten Erdgashochdruckleitung. Der „Midal-Loop“ soll entlang der bestehenden Midal-Pipeline verlaufen, die auch Hersfeld-Rotenburg kreuzt.

Hersfeld-Rotenburg - „Die Maßnahmen dienen der Deckung des zusätzlichen Kapazitätsbedarfs für neue, geplante LNG-Anlagen (Liquid-Natural-Gas = Flüssiggas) in Stade und Brunsbüttel, um diese LNG-Mengen zu den Verbrauchsschwerpunkten in Süddeutschland zu transportieren“, erklärt Gascade-Sprecherin Nicola Regensburger. Vorsorglich seien deshalb auch Trassenabschnitte im Landkreis Hersfeld Rotenburg untersucht worden, welche jedoch nach derzeitigen Erkenntnissen nicht weiter verfolgt werden, erklärt die Gascade-Sprecherin auf Anfrage unserer Zeitung.

Der Ortsvorsteher von Kathus, Michael Barth (FWG), und der Diplom-Agraringenieur Carsten Mawick, der den Hermannshof bei Bad Hersfeld bewirtschaftet, befürchten indes mit Verweis auf den Netzentwicklungsplan Gas 2020-2030 (NEP), dass möglicherweise eine weitere Energietrasse das bereits stark belastete Kreisgebiet tangieren könnte. Mawick war am Hermannshof auf Arbeiter bei Voruntersuchungen aufmerksam geworden. „Solche Planungen hängt man nicht an die große Glocke“, sagt Mawick, zumal entlang der bestehenden Trasse ein Schutzstreifen besteht, in dem weitere Pipelines gebaut werden dürften.

Allerdings wurde auch ihm auf Anfrage beim zuständigen Planungsbüro Lange in Moers mitgeteilt, dass Gascade beschlossen habe, den Südabschnitt des geplanten Midal-Loops nicht weiterzuverfolgen. Mawick, der seit Jahren gegen den ungebremsten Ausbau von Leitungstrassen in der Region kämpft, bleibt dennoch skeptisch. „Es wäre fahrlässig zu glauben, dass die Gasleitung damit vom Tisch ist“, dafür seien derartige Leitungsrechte viel zu wertvoll.

Tatsächlich wäre der Bau einer Parallelleitung relativ unproblematisch. „Anhand der Erfahrungen der letzten Jahre ist bei erdverlegten Gasleitungen, welche parallel zu bestehenden Leitungen verlegt werden, von einem ‘normalen’ Genehmigungsprozess auszugehen“, meint Gascade-Sprecherin Nicola Regensburger.

Landrat Torsten Warnecke liegen bisher keinerlei Informationen über eine neue Gasleitung im Kreis vor. Der Landkreis wolle sich auch nicht an Spekulationen beteiligen, teilt er mit.

Midal: Eine Leitung quer durch Deutschland

Die Midal (Mitte-Deutschland Anbindungs-Leitung) ist eine 679 Kilometer lange Erdgas-Pipeline, die aufgeteilt in eine Mitte-Nord- und eine Mitte-Süd-Trasse von der Nordsee nach Südwestdeutschland verläuft. Sie wurde 1993 in Betrieb genommen. Im Kreisgebiet tangiert sie unter anderen die Stadt Bad Hersfeld und die Gemeinde Ludwigsau. Sie verläuft weiter zur Verdichterstation in Reckrod bei Eiterfeld. Betreiber ist die Firma Gascade mit Sitz in Kassel. (kai)

Der Ukraine-Krieg und die deshalb stark steigenden Energiepreise führen dazu, dass sich die Bundesrepublik aus der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen befreiten muss. Deshalb sind neue Flüssiggas-Terminals an der Nord- und Ostseeküste geplant. Um dieses Gas im Land zu verteilen, ist auch der Ausbau des Gasleitungsnetzes nötig. Wie im Fall der großen Stromtrassen könnte davon auch der Kreis Hersfeld-Rotenburg betroffen sein.

Der Netzentwicklungsplan Gas der Bundesnetzagentur sieht für den Zeitraum 2020 bis 2030 insgesamt 175 Maßnahmen mit einem Investitionsvolumen von 7,83 Milliarden Euro vor, erklärt Nicola Regensburger, Sprecherin der Firma Gascade in Kassel. Die Gascade Gastransport GmbH betreibt ein deutschlandweites Gasfernleitungsnetz mit einer Länge von 3 237 Kilometern. Mit 679 Kilometern Länge auf der Nord-Süd-Achse ist dabei die Midal-Trasse (Mitte-Deutschland-Anbindungsleitung) eine der transportstärksten Erdgasleitungen des deutschen Fernleitungssystems. Die seit 1993 in Betrieb befindliche Midal-Leitung verläuft von Bunde und Rysum nach Rehden in Niedersachsen, von dort über Bielefeld (NRW) bis nach Reckrod bei Eiterfeld in Hessen. Von dort geht es weiter bis ins 210 Kilometer entfernte Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz.

Auf ihrem Weg tangiert die Midal-Leitung auch mehrere Gemeinden im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Deshalb werden hier die Ausbau-Pläne besonders genau beobachtet. Nach Auskunft der Gascade soll die neue Leitung allerdings nicht in Hersfeld-Rotenburg, sondern in den Landkreisen Kassel und Schwalm-Eder verlaufen.

Es handele sich dabei laut Gascade um einen Trassenabschnitt zwischen der bestehenden Midal-Absperrstation Zierenberg und der bestehenden Absperrstation Rengshausen mit etwa 48 Kilometern Länge. Nur vorsorglich seien auch Trassenabschnitte weiter südlich im Landkreis Hersfeld-Rotenburg untersucht worden, welche jedoch nach derzeitigen Erkenntnissen nicht weiter verfolgt werden. „Die Gascade Gastransport GmbH lässt durch beauftragte Planungsbüros derzeit Machbarkeitsstudien erstellen, in denen der vorhandene Raum parallel zur Midal untersucht wird als Vorbereitung für die weitere Planung“, berichtet Gascade-Sprecherin Regensburger.

Eben deshalb beobachtet Landwirt Carsten Mawick vom Hermannhof die Pipelineplanung aufmerksam. „Das Recht zum Bau einer zweiten Parallelleitung zur Midal-Trasse ist nicht Gold wert, das ist Platin“, verdeutlicht Mawick, weshalb er einen weiteren Ausbau auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg für möglich hält. Natürlich erkennt auch Mawick die Notwendigkeit des Flüssiggastransports an, für ihn als Landwirt wäre eine weitere Trasse wegen der damit verbundenen Einschränkungen aber „eine Katastrophe“.

Skeptisch sieht auch der Ortsvorsteher von Kathus, Michael Barth (FWG) die Planungen, der gerade für eine Erdverkabelung der neuen Tennet-Stromtrasse im Solztal kämpft. Das „Bündelungsgebot“ führe dazu, dass immer neue Leitungen dorthin kommen, wo es schon welche gibt, fürchtet Barth.

Davon weiß auch Wilfried Hagemann, Bürgermeister von Ludwigsau, ein Lied zu singen. Seine Gemeinde kämpft seit Jahren mit Tennet um den Verlauf der 380-KV-Leitung. „Natürlich brauchen wir Alternativen zum russischen Gas“, sagt Hagemann, dabei müssten aber auch die Belange von Mensch und Natur berücksichtigt werden. Auch er werde den Gastrassenausbau deshalb genau beobachten. „Da sollten wir dranbleiben.“ (Kai A. Struthoff)

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