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Polina Sorel sammelt Informationen zum Krieg und gibt sie im Internet weiter

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Von: Christine Zacharias

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Polina Sorel mit ihrem Handy in der Hand.
Polina Sorel stammt aus Nikolajew in der Ukraine und ist seit Tagen damit beschäftigt, zum einen Hilfen für Kriegsflüchtlinge zu organisieren, zum anderen korrekte Informationen im Netz zu verbreiten. © Christine Zacharias

Eine Ukrainerin kämpft gegen Falschinformationen im Internet an. Polina Sorel sammelt vertrauenswürdige Nachrichten zum Krieg in der Ukraine und teilt sie auf Facebook.

Bad Hersfeld – Informationen sind ein wertvolles Gut. Das gilt umso mehr, wenn vermeintliche Fakten in unübersehbarer Menge über die Medien und das Internet verbreitet werden und viele davon nicht der Wahrheit entsprechen, sondern propagandistisch eingefärbt sind.

Hier ein wenig zu sortieren und die Menschen aus dem russischen Sprachraum mit richtigen Informationen zu versorgen, das hat sich Polina Sorel aus Bad Hersfeld zur Aufgabe gemacht.

Polina Sorel stammt aus Nikolajew in der Ukraine und lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Dass sie hier gemeinhin als Russin galt, hat die als jüdische Ukrainerin in ihrer Jugend häufig mit Diskriminierung konfrontierte Frau immer ein wenig gestört, aber nicht belastet.

Sie sei mit Russisch als Muttersprache und mit der russischen Kultur aufgewachsen, erzählt sie und sieht in dieser gemeinsamen Erfahrung eine große Nähe zu anderen Menschen aus dem russischen Sprachraum.

Sorel hat sich um die Bewahrung russischer Traditionen und Feste gekümmert und Russisch-Sprachkurse für Kinder gegeben, damit die die Sprache ihrer Vorfahren nicht nur sprechen, sondern auch schreiben können. „Jetzt bin ich Influencer“, sagt Polina Sorel.

Polina Sorel sammelt vertrauenswürdige Informationen

Nicht etwa, weil sie das gerne wollte, sondern weil sie es für nötig hält. Aufgrund ihrer zahlreichen Kontakte zu Menschen aus dem russischen Sprachraum in ganz Europa und eben auch in Russland hat sie festgestellt, dass viele von ihnen sich überwiegend oder gar ausschließlich über russische Staatsmedien informieren.

Dass viele immer noch nicht wissen, dass Krieg herrscht zwischen der Ukraine und Russland, dass ukrainische Städte mit russischen Raketen und Bomben angegriffen werden, und zwar nicht nur militärische Ziele, sondern auch die Zivilbevölkerung.

Die russische Propaganda, die seit Jahren diesen Überfall auf die Ukraine vorbereitet habe, sei so effektiv, dass darüber Familien zerbrächen, hat sie festgestellt. In Deutschland lebende Russen würden mitunter von ihren in Russland lebenden Verwandten als Nazis bezeichnet, wenn sie von dem berichteten, was sie in den deutschen Nachrichten hörten.

Also sammelt Polina Sorel vertrauenswürdige Informationen und veröffentlicht sie kurz und und knapp auf ihrem Facebook-Profil. Von dort werden sie dann weiterverbreitet, hat sie festgestellt. Wieviele Menschen sie tatsächlich erreicht, weiß Sorel nicht, es seien aber mindestens 10 000 sagt sie.

Dass ihre Informationen kurz und gut verständlich sind, ist ihr besonders wichtig. Sie weiß, dass viele Menschen auf der Flucht und in Panik sind und deshalb kaum in der Lage, längere Texte zu lesen oder Nachrichten aufzunehmen. Für sie will sie ein wenig Ordnung ins Chaos bringen.

Das gilt auch für die ungezählten privaten Hilfsaktionen, die überall angelaufen sind. „Viele Menschen fahren einfach mit ihren Autos los in Richtung polnisch-ukrainische Grenze, um Geflüchtete abzuholen,“ weiß Sorel. Auch sie hat kurz mit dem Gedanken gespielt, einfach loszufahren. „Aber ich bin keine gute Autofahrerin.

Sorel macht sich auch Sorgen um die Zukunft Deutschlands

Deshalb ist es sinnvoller, zuhause am Handy zu bleiben.“ So kann sie Helfer und Hilfesuchende zueinander bringen und mitteilen, welche Hilfe wo gebraucht wird.

Bei alledem ist Poina Sorel immer am Rand der Verzweiflung. Seit einer Woche hat sie kaum geschlafen und gegessen. Das Wissen, dass auch ihre Heimatstadt Nikolajew von den Russen angegriffen wird, ist für sie höchst belastend.

Große Sorgen macht Sorel sich auch um das Leben in Deutschland, ihrer neuen Heimat. Sie erinnert an die Aufregung, die vor einigen Jahren, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle aus Syrien entstanden war, als behauptet wurde, ein russisches Mädchen sei von einem Flüchtling vergewaltigt worden.

Das stellte sich später als Erfindung heraus, doch die Wellen der Empörung schlugen hoch. Selbst in Bad Hersfeld wurde demonstriert. Sorel ist überzeugt, dass das ein gezielt gesteuerter Versuch des russischen Staates war, die Zivilgesellschaft in Deutschland zu verunsichern und fürchtet nun weitere Kampagnen.

Denn die Regierenden in Russland wüssten genau, wie Emotionen und Patriotismus angeheizt werden können. Sie versucht weiter, mit sachlichen Informationen dagegen zu halten. (Christine Zacharias)

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