Eigentlich wollte er nie nackt auftreten ...

Festspiele: Wie ein guter Tsunami - Riccardo Greco spielt in "Hair"

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Isst mehr Eis in Bad Hersfeld als jemals zuvor: Riccardo Greco, der Darsteller des Berger im Musical „Hair“ .

Bad Hersfeld. Riccardo Greco hatte sich auf einen „entspannten Hippie-Sommer“ gefreut, doch mit „Hair“- Choreographin Melissa King war diese Erwartung nicht zu erfüllen. 

Gute zwei Stunden rennen und tanzen Riccardo Greco und seine Kollegen über die Bühne der Stiftsruine, haben dabei kaum eine Pause und ebenso wenig Zeit zum Durchatmen.

„Dreimal sehe ich während der Show Sternchen“, beschreibt Greco, der den Hippie-Boss Berger spielt, die Anstrengung und erzählt davon, wie er zum ersten Mal in seiner Karriere einen Applaus einfordern musste. Denn nachdem er während des Songs „I got Life“ die Stufen der Publikumstribüne erklimmen und direkt ein hohes C singen muss, ist es zu anstrengend, ohne Verschnaufpause gleich in den nächsten Titel überzugehen. Auch die Wege in der Stiftsruine seien unglaublich weit. Pro Aufführung kommen da um die 20 000 Schritte zusammen, hat er an seiner Sportuhr abgelesen, so viel schafft Greco sonst nur an Tagen, an denen er morgens laufen geht. „Das trainiert natürlich die Kondition, aber die braucht man auch. Sonst hätten wir die Doppel-Show am vergangenen Sonntag nicht geschafft. Das ist wie ein Tsunami – aber ein guter.“

Und es gibt noch mehr Dinge, die ihm zunächst schwierig erschienen: Er wollte in „Hair“ eigentlich lieber den Claude spielen, und Open Air war aufgrund von allerlei Horror-Geschichten der Kollegen auch nicht auf seinem Plan. Und sich auf der Bühne nackt ausziehen, erst recht nicht. Doch jetzt sagt der Schauspieler, Berger sei genau der „coole Anführer“, den er immer spielen wollte, jemanden, dem man gerne folgt. Und Open Air? Am liebsten würde er nichts anderes mehr spielen – auch wenn es in Bad Hersfeld ab und zu schon sehr warm sei. Vor allem, wenn er im Astronautenanzug über die Bühne läuft, da bewege er sich dann so wenig wie möglich.

Die Nacktszene war da schon etwas komplizierter, denn er wollte sich „nie auf der Bühne ausziehen, aber hier, in Hair, da macht das Sinn“. Das hat er sich vorher aber genau erklären lassen, akzeptiert es jetzt und kann sich komplett dahinter stellen. Dadurch, dass die Bewegungen innerhalb der Nacktszene unchoreographiert sind, sei das echt, komplett ohne gezwungene Künstlichkeit sagt er. Grecos goldene Regel in diesem Moment: Nicht ins Publikum schauen! Denn manche Zuschauer würden sich wegen der Nacktheit erschrecken, andere sich schämen – das nähme das Gefühl des Protestes und darum ginge es ja. „Man steht komplett schutzlos auf der Bühne und sagt damit: Ich bin nackt, ich tue euch nicht weh.“

Während die Figur des Berger eine sehr dominante ist, ist der Musical-Star privat eher schüchtern. Wie bekommt er es also hin, auf der Bühne so ein intimes Stück zu spielen? Greco lacht und sagt, er hätte gar keine Wahl gehabt: Gleich am ersten Tag wurde „Walking in Space“ geprobt, dabei liegen alle Schauspieler auf einem Haufen, für Schüchternheit ist da kein Platz. Doch das gesamte Ensemble sei sehr wohlwollend und sehr eng zusammen, sodass Greco keine Zeit hatte, Mauern aufzubauen. „Am Ende jedes Probentages rieche ich nach zwanzig verschieden Menschen“, gibt der Schauspieler zu, lacht wieder und macht mit den Geständnissen gleich weiter: „Ich weiß ehrlich nicht, wie viele Menschen ich pro Show küsse, das ist nicht gesetzt. Jemand kommt, küsst mich und es geht weiter“. 

Riccardo Greco (30) ist der Sohn eines Sizilianers und einer Polin, aber deutscher Staatsbürger mit aktuellem Wohnsitz im österreichischen Linz. Dort ist er seit 2014 Teil des festen Musicalensembles und spielte dort Tommy in „The Who’s Tommy“, Hedwig in „Hedwig and the angry Inch“ und Sam in „Ghost - Nachricht von Sam“. Den Sam spielte er auch dieses Jahr in Berlin. Während er also die letzte Saison und diesen Sommer gut beschäftigt war, wird es nicht weniger. Im nächsten Jahr wird er zwischen Linz und Hamburg pendeln. (red/ds)

Von Dorit Schönholtz

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