ANDERER OKTOBER Mit dem Fischwagen in Bad Hersfeld

Schaustellerfamilie Nier kommt seit 58 Jahren zum Lullusfest

Seit 58 Jahren beim Lullusfest: Sylvia Nier ist mit ihren Kindern Mike und Jil mit der Fischbunde „Früchte des Meeres“ auf dem Bad Hersfelder Marktplatz vertreten.
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Seit 58 Jahren beim Lullusfest: Sylvia Nier ist mit ihren Kindern Mike und Jil mit dem Fischwagen „Früchte des Meeres“ auf dem Bad Hersfelder Marktplatz vertreten.

Die Schaustellerfamilie Nier kommt seit 58 Jahren zum Lullusfest. Auch im Anderen Oktober sind sie mit ihrem Fischwagen „Früchte des Meeres“ in Bad Hersfeld.

Bad Hersfeld – Schausteller sein, das ist nicht nur einfach ein Job. Das ist eine Lebensform mit Tradition, eine Überzeugung. Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie über das Land kam und nach und nach alle Volksfeste und Großveranstaltungen abgesagt wurden, war das für die Schausteller nicht nur existenzbedrohend. Für sie brach auch ein Großteil ihres Lebens, ihrer Kontakte und Beziehungen weg, erzählt Sylvia Nier, die auf dem Marktplatz eine Fischbude betreibt und deren Familie seit 58 Jahren zum Lullusfest kommt.

Umso glücklicher sind die Niers, dass sie in diesem Jahr wieder in Bad Hersfeld sein können, auch wenn der Andere Oktober kein Lullusfest ist und alles in sehr viel kleinerem Rahmen stattfindet.

Wieder unterwegs zu sein, Kollegen zu treffen und auch alte Bekannte aus Bad Hersfeld, das ist für Sylvia Nier ein beglückendes, befreiendes Gefühl. Auch ihr Mann Bernd ließ es sich nicht nehmen, sich für einen Nachmittag aus der Reha-Klinik, beurlauben zu lassen, um beim Schaustellergottesdienst am 10. Oktober dabei sein zu können.

Tochter Jil fühlt sich ebenfalls ganz besonders mit dem Lullusfest verbunden. Sie wurde im Jahr 2002 hier getauft während des traditionellen Gottesdienstes auf dem Autoscooter, die erste ökumenische Taufe von Schaustellerpfarrer Volker Drewes und seinem katholischen Kollegen, erzählt die inzwischen 18-Jährige stolz. Denn auch ein katholisches Mädchen erhielt an diesem Tag geistlichen Segen.

Jil fühlte sich, wie ihre Mutter, durch die Pandemie aus ihrem Leben gerissen, konnte keine Freundinnen mehr treffen und auch der Weg in die Selbstständigkeit war ihr erst mal versperrt. „Wie hätte sie ein Geschäft abzahlen sollen, wenn alle Feste, Märkte und Messen abgesagt werden?“, sagt Mutter Sylvia. Sie selbst hat noch eine völlig unbenutzte Bude in Form eines Weinfasses zu Hause in Kassel in der Halle stehen. Ende 2019 angeschafft und noch nie zum Einsatz gekommen. „Bezahlt werden musste das trotzdem“, sagt sie.

Für Sohn Mike, der normalerweise mit einem eigenen Laufgeschäft unterwegs ist, und Tochter Jil war es nie eine Frage, die Familientradition weiterzuführen und Schausteller zu werden. Sowohl die Familie Nier als auch Sylvia Niers Herkunftsfamilie seien seit fünf, sechs Generationen auf Festen und Messen unterwegs, um die Menschen zu unterhalten oder Hunger und Durst zu stillen. Vielleicht fünf Prozent der Schaustellerkinder entschieden sich dafür, etwas ganz Anderes zu machen, schätzt Nier. Die meisten übernähmen das Geschäft von den Eltern oder machten sich mit einem Eigenen selbstständig.

Finanziell haben die Niers die Corona-Pandemie mithilfe staatlicher Unterstützung – Soforthilfe, November- und Dezemberhilfe 2020 sowie Betriebserhaltungskosten im Frühjahr 2021 – und der eigenen Rücklagen, die eigentlich für die Rente gedacht waren, einigermaßen überstanden. Doch die finanziellen Sorgen in Verbindung mit dem verordneten Stillstand, das habe ihnen allen sehr zugesetzt und ihren Mann krank gemacht, erzählt Nier.

Dankbar ist sie für die Fürsorge und Gesprächsbereitschaft von Pfarrer Volker Drewes, der die Familie sogar zuhause besucht hat. Er hat nicht nur Tochter Jil getauft, sondern Eltern und Schwiegereltern beerdigt, erzählt Sylvia Nier. „Ich bin froh, dass sie die Corona-Zeit nicht miterleben mussten.“

Nun hofft sie, dass in diesem Jahr Weihnachtsmärkte stattfinden dürfen. In Kassel sind die Niers mit Glühwein, Mandeln und einem Riesenrad dabei. (Christine Zacharias)

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