Reaktionen zu den Corona-Beschlüssen

Erste leichte Lockerungen: Kritik aus der Gastronomie

Der Verkauf von Lesestoff vor der Hoehlschen Buchhandlung an der Weinstraße in Bad Hersfeld gehört ab Montag vorerst der Vergangenheit an. Dann darf das Geschäft wieder eingeschränkt für den Kundenverkehr geöffnet werden. Auf unserem
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Der Verkauf von Lesestoff vor der Hoehlschen Buchhandlung an der Weinstraße in Bad Hersfeld gehört ab Montag vorerst der Vergangenheit an. Dann darf das Geschäft wieder eingeschränkt für den Kundenverkehr geöffnet werden. Auf unserem

Hessen wagt ab Montag weitere vorsichtige Öffnungsschritte des Corona-Lockdowns. Unter anderem sollen die Beschränkungen bei privaten Kontakten etwas gelockert werden.

Hersfeld-Rotenburg- Unter strengen Vorgaben und mit einem persönlichen Termin darf man wieder in einem Geschäft einkaufen. Für Kinder unter 14 Jahren wird Sport im Freien erleichtert, und auch Besuche in Zoo oder Museum sind wieder möglich. Grundsätzlich wird der Lockdown angesichts weiter hoher Infektionszahlen bis zum 28. März verlängert.

„Worauf wir uns vonseiten der Länder in den langen Verhandlungen mit dem Bund verständigt haben, ist ein Kompromiss“, erklärte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nach einer Sitzung des Corona-Kabinetts. „Denn wir müssen weiterhin vorsichtig sein, um das Erreichte nicht zu gefährden.“

Ab Montag hat jeder Bürger Anspruch auf einen kostenlosen Schnelltest pro Woche – unabhängig von möglichen Covid-19-Symptomen. Der Test ist nach den Worten von Bouffier etwa beim Arzt, in der Apotheke oder im Testzentrum möglich.

Überhaupt nicht zufrieden zeigte sich Holger Reichenauer, Vorsitzender des Kreisverbandes Waldhessen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga): „Das, was da beschlossen wurde, ist eine große Enttäuschung“. Die Perspektive, dass die Außengastronomie – je nach Inzidenz – frühestens ab dem 22. März wieder öffnen dürfe, sei höchstens ein „Mini-Schritt“ und betreffe nur die wenigsten Betriebe. „Nicht jeder hat einen Biergarten. Und was ist, wenn das Wetter nicht mitspielt?“

Grundsätzlich sei die Stimmung in der Branche schlecht. „Alle schütteln mit dem Kopf, sind frustriert. Viele sagen, dass es diese Situation nicht mehr lange durchhalten.“ Hinzu komme, dass die zugesagten Corona-Hilfszahlungen „schleppend bis gar nicht“ ausgezahlt würden. Von der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz am 22. März erhofft sich der Dehoga-Vorsitzende „eine ganz klare Öffnungsperspektive.“ Immerhin hätten die Gastronomen und Hoteliers schon viel Geld investiert, um die Hygienekonzepte umzusetzen.

Viele freuen sich nicht über die neuen Corona-Entscheidungen. Gastronomen und Hoteliers sprechen etwa von einer „großen Enttäuschung“. Die Buchhandlungen hingegen gehören zu den wenigen Gewinnern des politischen Fahrplans. Reaktionen aus dem Landkreis im Überblick.

Buchhandlungen

„Super“, entfährt es Jürgen Bode, Inhaber der Hoehlschen Buchhandlungen in Bad Hersfeld und Bebra, als er darauf angesprochen wird, wie er die politische Entscheidung aufgefasst hat, seine Geschäfte am Montag wieder öffnen zu dürfen. „Wir freuen uns, dass die Kunden endlich wieder zu uns reinkommen dürfen.“ Aktuell bestücken die Beschäftigen die Regale mit dem neuesten Lesestoff. Während des seit dem 17. Dezember geltenden zweiten Lockdowns musste auch Bode seine drei Buchhandlungen schließen. Bücher konnten seitdem lediglich telefonisch vorbestellt und vor der Tür bezahlt und abgeholt werden. Auf bis zu 75 Prozent beziffert Jürgen Bode seine Umsatzeinbußen, die er über die Kurzarbeit seiner Mitarbeiter zu kompensieren versuchte. Natürlich beantragte er auch die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Soforthilfen. Doch Geld habe er da bisher noch nicht gesehen. „Ich gehe nun davon aus, dass ich erst einmal einen neuen Bankkredit aufnehmen muss. Von daher wird es höchste Zeit, dass wir wieder weitermachen dürfen“, sagt Bode.

Einzelhandel

Jörg Markert, Manager der City Galerie in Bad Hersfeld sagt über die Beschlüsse: „Das ist schon mal eine Alternative und grundsätzlich ein Schritt in die richtige Richtung, weil sonst viele Existenzen von Einzelhändlern auf dem Spiel stehen würden.“ Man müsse aber auch dazu sagen, dass bei einer anderen Impfstrategie und einer flotteren Vorgehensweise mit den Selbsttests längst schon viel mehr möglich wäre. Dass es bald Impfungen bei Fachärzten geben soll, sei begrüßenswert, so Markert. „Hoffentlich gibt es dann auch genügend Impfstoff. Ich sehe aber auch die Gefahr des Einkaufstourismus. Bei uns liegt die Inzidenz aktuell unter 50 und dann dürften unter gewissen Vorgaben die Geschäfte ja wieder öffnen. Wenn dann im benachbarten Thüringen wegen höherer Inzidenzwerte alles noch zu ist, könnte es ja sein, dass die Menschen von dort nach hier zum Einkaufen kommen.“ So könnte eine Dynamik entstehen und eventuell bereits infizierte Personen ins Kreisgebiet kommen, sagt Markert, der auch Mitglied im Stadtmarketingverein ist. Wichtig sei aber erst einmal, dass es jetzt eine Perspektive gibt. „Unverständlich ist aus meiner Sicht, dass man die Gastronomie und Hotellerie wieder außen vor lässt. Das erklärt sich überhaupt nicht. Schon gar nicht mit Blick auf die Außengastronomie.“ Stefan Pruschwitz, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft SEB in Bebra, die auch für das Einkaufszentrum „Das be!“ zuständig ist, hätte sich mehr von den Verhandlungen der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten gewünscht. „Das ist nicht der erhoffte Schritt“, sagt er. Je nach Inzidenz und Größe darf der Einzelhandel ab Montag öffnen – ein Kunde pro zehn beziehungsweise 20 Quadratmeter – oder Shopping nach Termin („Click and Meet“) anbieten. Pruschwitz appelliert: „Ich hoffe, dass sich weiterhin alle an die Regeln halten, damit möglichst schnell auch all die Geschäfte öffnen dürfen, die derzeit unter massiven Einbußen leiden.“

Museen

Auch wenn es ab Montag wieder möglich wäre, bei entsprechender Corona-Inzidenz die Museen zu öffnen, tritt Heringens Bürgermeister Daniel Iliev mit Blick auf das Werra-Kalibergbau-Museum in seiner Stadt auf die Bremse. Ein Öffnungstermin müsse zunächst im Magistrat der Stadt besprochen werden. Und der tagt erst am kommenden Montag zum nächsten Mal. Zudem wolle er dieses Thema grundsätzlich mit seinen Bürgermeisterkollegen besprechen, die auch Museen in ihren Städten und Gemeinden hätten. Da stehe bald schon wieder eine Telefonkonferenz an, die etwas mehr Klarheit bringen solle.

Fahrschulen

Explizit erwähnt werden in den politisch beschlossenen Öffnungsschritten auch die Fahrschulen, die ab Montag bundesweit wieder öffnen dürfen. Die Fahrschulen in Hessen, Bremen und Brandenburg haben jedoch im zweiten Lockdown eine Sonderrolle eingenommen – sie durften, anders als im Frühjahr 2020, weiter unterrichten. „Nach dem ersten Lockdown habe man uns glücklicherweise die Verantwortung überlassen, selbst dafür zu sorgen, dass sich niemand im Auto oder im Theorieunterricht ansteckt. Das finde ich gut“, sagt Aribert Kirch, der Fahrschulen in Alheim, Bebra und Rotenburg betreibt. Seine Fahrschüler müssen etwa seit dem ersten Januar FFP2-Masken tragen, „sonst kommen sie nicht ins Auto“, sagt Kirch, der Vorsitzender der Fahrlehrervereinigung Hessen ist. Ein älterer Fahrlehrer aus der Belegschaft pausiere derzeit, bis er geimpft sei. (Sebastian Schaffner und Mario Reymond)

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