1. Startseite
  2. Lokales
  3. Rotenburg / Bebra
  4. Bad Hersfeld

Sinti in Bad Hersfeld engagieren sich gegen Ausgrenzung

Erstellt:

Kommentare

Fatima Stieb, Sintizza aus Bad Hersfeld, setzt sich dafür ein, dass Sinti als gleichwertig akzeptiert werden.
Fatima Stieb, Sintizza aus Bad Hersfeld, setzt sich dafür ein, dass Sinti als gleichwertig akzeptiert werden. © Christine Zacharias

Fatima Stieb und Roberto Linke sind Sinti in Bad Hersfeld und engagieren sich für die Rechte der Minderheit.

Bad Hersfeld – Ihr größter Wunsch, so betonen sie im Gespräch mit unserer Zeitung: In der Gemeinschaft leben wie alle anderen auch. Mit der Überzeugung, dass man sich für seine Rechte, beziehungsweise die Rechte seiner Bevölkerungsgruppe, einsetzen muss, ist Fatima Stieb groß geworden. Ihre Großmutter Hildegard Lagrenne gehörte 1982 zu den Gründungsmitgliedern des Verbands der Sinti und Roma.

Roberto Linke, Sinto aus Bad Hersfeld, engagiert sich als Judotrainer und in der Sportjugend.
Roberto Linke, Sinto aus Bad Hersfeld, engagiert sich als Judotrainer und in der Sportjugend. © Christine Zacharias

Sie habe ihre Großmutter oft begleitet, deren Anliegen es gewesen sei, die Menschen über das Leben und die Geschichte der Sinti und Roma aufzuklären. „Es ist eine Herzensangelegenheit, mich ebenfalls im Verband zu engagieren“, betont Fatima Stieb, die seit 20 Jahren in Bad Hersfeld lebt.

„Sehr viele wissen gar nicht, was Sinti und Roma sind“, hat Stieb bei Besuchen in Schulen festgestellt. Diese Erfahrung hat auch Roberto Linke bei Kindern gemacht, der als Judotrainer nicht nur in Bad Hersfeld und in Nentershausen aktiv ist, sondern auch bei der Sportjugend Hessen. Möglicherweise ist das ein Schritt zu mehr Akzeptanz und Normalität im Zusammenleben. „Die Vorbehalte sind in den letzten Jahren geringer geworden, hat jedenfalls Linke festgestellt.

Diskriminierung erleben Sinti häufig bereits in der Schule. Linke erinnert sich an seine Schulzeit. Die ersten Jahre in der Ernst-von-Harnack-Schule seien unproblematisch gewesen. „Da war die ganze Community.“ Schwierig sei es dann auf der KDS geworden, sagt Linke. Obwohl er sich bemüht habe, habe er kaum Anerkennung erhalten. Und als es nach der Förderstufe um die Wahl der Schulform ging, sei er in die Hauptschule eingestuft worden, obwohl seine Noten in Richtung Realschule wiesen. „Sinti-Kinder hören oft ‘das schaffst du sowieso nicht’, sagt Fatima Stieb. Tatsächlich seien sie, davon ist Stieb überzeugt, oft unterfordert, langweilten sich und störten dann.

Die meisten Sinti seien aber in die Friedrich-Fröbel-Schule (für Lernhilfe) geschickt worden. „Wenn man sich nicht gewehrt hat, kam man da hin“, sagt Linke.

Gerne erinnert sich Robert Linke allerdings an die Zeit, als er mit seiner Familie im Wohnwagen auf Reisen war. „Zu unserer Kultur gehört es, auf Reisen zu gehen und dort sein Geld zu verdienen“, erklärt Linke. Es habe dabei allerdings Konflikte mit der Schule gegeben. „Ich war in 22 verschiedenen Schulen“, erinnert sich Linke. Am Reisen schätzte Linke auch die große Gemeinschaft. Es habe immer Treffpunkte gegeben, wo dann alle hingekommen seien, auch entferntere Verwandte. Er bedauert, dass die Tradition des Reisens immer weniger werde. „Die meisten Sinti sind sesshaft geworden und haben eine feste Arbeit“, sagt Roberto Linke.

Ganz anders sieht Fatima Stieb das Reisen. Für sie ist es eine aus der Not geborene Entwicklung. „Sinti und Roma wurden zu Nomaden gemacht. Sie durften nicht sesshaft werden. Niemand wollte sie im Dorf oder in der Stadt haben“, erklärt Stieb. Das Zigeunerleben habe gar nichts Romantisches. Es sei ein Kampf ums Überleben gewesen.

Fatima Stieb ist es ein Anliegen, gegen Vorurteile anzugehen und über die Geschichte der Sinti und Roma, ihre Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten zu informieren. Sie wünscht sich, dass dieses Thema in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen wird.

Mehr Wissen, so hofft sie, könnte zu mehr Akzeptanz verhelfen. „Diskriminierung gibt es überall. Es passiert jeden Tag“, sagt Fatima Stieb. Beim Metzger werde sie oft als Letzte bedient. Und wenn irgendwo etwas gestohlen worden sei, werde sofort ein Sinto verdächtigt. Für Sinti sei es extrem schwierig, eine Wohnung zu finden – da bleibe oft nur die Siedlung am Rande der Stadt oder die Hohe Luft. Selbst bei der Suche nach einem Platz für ein Schulpraktikum hätten Sinti große Probleme.

Viele Sinti hätten keine andere Wahl gehabt, als ohne Schulbildung und -abschluss zurechtzukommen, erkläen Fatima Stieb und Roberto Linke. Folglich hätte Schule lange Zeit keinen hohen Stellenwert in der Sinti-Community gehabt. Zudem hätten viele Eltern Angst davor, ihre Kinder anderen zu überlassen, weil es in der Geschichte Beispiele gebe, dass Kinder den Eltern einfach weggenommen worden seien.

Von Christine Zacharias

Auch interessant

Kommentare