Erste Kreisbeigeordnete sieht Kreis gut aufgestellt

Sozialdezernentin Elke Künholz: Rechtzeitig für Alter vorsorgen

 In unserem ländlich geprägten Kreis muss niemand Angst davor haben, älter zu werden, sagt die Erste Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin Elke Künholz. 

„Bei uns treffen die Menschen im Sozialbereich wirklich auf offenen Ohren“, so Künholz mit Blick auf die örtlichen Beratungs- und Hilfsangebote für ältere und pflegebedürftige Mitbürger in einem Interview zum Abschluss der Pflegeserie unserer Zeitung.

Sie plädiert allerdings auch dafür, dass sich bereits Menschen ab Mitte 50 damit auseinandersetzen sollten, wie sie im Alter leben wollen. Dazu gebe es im Kreis ein gutes Beratungsangebot, auf das man auch stolz sei. Anlaufstellen seien beispielsweise die Seniorenberatung Waldhessen oder auch die Pflegestützpunkte. „Leider werden diese Beratungsmöglichkeiten oft erst genutzt, wenn der Pflegefall eingetreten ist“, beklagte Künholz.

Die Sozialdezernentin räumt ein, dass eine überbordende Bürokratie für viele Betroffene zur Belastung wird. Manchmal müsse man schon einen langen Atem haben. „Auch wir als Amt würden uns freuen, wenn die neuen Bundesgesetze mit weniger Bürokratie verbunden wären“, sagt Künholz, denn darunter litten nicht nur die Bürger, sondern auch die Mitarbeiter der Kreisverwaltung.

Vor dem Hintergrund des auch in unserem Kreis vorhandenen Fachkräftemangels im Bereich der Pflege fordert die SPD-Politikerin, dass das derzeit oft noch schlechte Image der Pflegeberufe verbessert werden müsse und die Mitarbeiter wieder mehr Zeit für die Patienten haben müssen. Große Hoffnungen setzt Künholz in die Digitalisierung als Hilfsmittel für Senioren. So gebe es im Kreis bereits Pilotprojekte, wo ältere Menschen mittels Computer, Hilfsangebote in Anspruch nehmen können.

„Keine Angst vor dem Altwerden“

Vier Wochen lang hat unsere Zeitung intensiv über das Thema Pflege berichtet. Zum Abschluss dieser Frühlings-Serie sprachen wir mit Sozialdezernentin Elke Künholz über die Situation der Pflegeberufe in unserem Kreis. 

Frau Künholz, haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, wie Sie im Alter, möglicherweise sogar als Pflegebedürftige, leben werden? 

Zum Teil. Meine beiden Söhne wohnen weiter weg, so wie das in vielen Familien heutzutage der Fall ist. Da macht man sich schon Gedanken, ob man das eigene Haus auch im Alter mit dem Partner alleine halten und nutzen kann. Ich setze aber darauf, dass bereits vorhandene Netzwerke noch weiter ausgebaut werden. Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten, um auch im Alter eigenständig zu leben.

 

Manchmal schlägt das Schicksal überraschend zu. Glauben Sie, dass die Menschen ausreichend auf eine mögliche Pflegebedürftigkeit vorbereitet sind? 

Ganz klar: Nein! Bei den meisten von uns gibt es bei diesem Thema einen Verdrängungsprozess, weil man ja selbst noch nicht so alt und noch ganz gesund ist. Dabei muss man mit Anfang oder Mitte 50 anfangen, sich mit diesen Fragestellungen auseinanderzusetzen, denn je älter man wird, desto geringer ist die Bereitschaft, das vertraute Umfeld bei Pflegebedürftigkeit zu verlassen. 

Sie plädieren also für eine rechtzeitige Vorsorge. Gibt es bei uns dafür denn genügend Beratungsmöglichkeiten? 

Ja, und da ist unser Kreis auch sehr stolz drauf. Es gibt seit über zehn Jahren die Seniorenberatung Waldhessen, die berät und auch Förderprogramme kennt. Dort bekommt man zuweilen andere Ratschläge als etwa von einem Architekten, etwa zum altersgerechten Hausumbau. Aber man braucht nicht immer den automatischen, sehr teuren Treppenlift. Außerdem ist durch den Pflegestützpunkt eine weitere Beratung durch die Pflegekassen gewährleistet. Dort erfährt man beispielsweise, was die Pflegegrade bedeuten und welche Hilfen einem zustehen. Die Angebote werden auch gut genutzt, aber leider oft erst dann, wenn der Pflegefall bereits eingetreten ist. 

Die Pflege ist zurzeit in aller Munde. Was kann man tun, um diesen Beruf attraktiver zu machen – abgesehen natürlich von einer ordentlichen Bezahlung? 

Die Altenpflege hat immer noch ein schlechtes Image von Aufopferung, Selbstlosigkeit und langen Arbeitszeiten. Das muss sich ändern. Pflege darf auch nicht mehr in Minutentakten gedacht werden. Es muss wieder Zeit für die Bedürfnisse der Patienten, für Gespräche und sozialen Kontakt bleiben. 

Das wünschen sich viele, aber ist das bezahlbar? 

Wir gehen bereits jetzt auf eine Überlastung der Sozialsysteme und der Pflegeversicherung zu. Das hat auch mit der demografischen Entwicklung der Gesellschaft zu tun. Deshalb muss das ganze System überarbeitet werden, aber das können wir hier vor Ort natürlich nicht leisten, würden aber gern unsere Erfahrungen dabei einbringen. 

Wir beide gehören zur Generation der Baby-Boomer. Wenn wir in Rente gehen, verschärft sich die Lage noch. Viele behelfen sich jetzt schon – teilweise nicht ganz legal – mit Pflegekräften aus dem Ausland. Ist das der richtige Weg? 

Die globalisierte Welt und offene Grenzen befördern das. Für die vor allem osteuropäischen Hilfskräfte gibt es inzwischen einen gesetzlichen Rahmen, der sie absichert, aber es bleibt natürlich eine Grauzone. Häufig sind diese Pflegekräfte dann rund um die Uhr zuständig, was Arbeitszeiten aushebelt. Wir versuchen, über Netzwerke so gut wie möglich zu helfen und zu qualifizieren. Und wir bilden auch – gemeinsam mit der Diakonie – Altenpflegehelferinnen aus. Dennoch gibt es überall lange Wartelisten, weil es an Personal fehlt. 

Könnten die Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, in diesem Bereich eingesetzt werden? 

Das wird zuweilen schon ausprobiert, und es gibt auch gute Erfahrungen. Aber die Voraussetzung sind vor allem gute Sprachkenntnisse, zumal bei uns viele ältere Menschen noch Dialekt sprechen. Deshalb wird es sicher noch viele Jahre dauern, bevor wir dieses Potenzial einsetzen können. 

Wir haben bislang vor allem über Altenpflege geredet. Wie ist es mit Eltern, die kranke Kinder pflegen. Bekommen sie genug Hilfe vonseiten des Staates? 

Aus Sicht einer alleinerziehenden Mutter mit einem pflegebedürftigen Kind sicher nicht. Aber als Sozialdezernentin sage ich: Ja - wenn man sich Beratung holt und auch einen langen Atem hat, dann treffen bei uns die Menschen im Sozialbereich auch wirklich auf offenen Ohren. Schwieriger ist hingegen oft der Umgang mit den Krankenkassen. 

Viele Betroffene klagen vor allem über die überbordende Bürokratie. Muss hier vereinfacht werden? 

Definitiv ja! Auch wir als Amt würden uns freuen, wenn die neuen Bundesgesetze mit weniger Bürokratie verbunden wären. Denn das ist nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für unsere Mitarbeiter schwierig. 

In unserem Kreis wird seit Langem intensiv über den demografischen Wandel und seine Folgen diskutiert. Mit Blick auf die Pflege: Haben wir hier in Hersfeld-Rotenburg unsere Hausaufgaben gemacht? 

Ja, und zwar auch wirklich gut. Natürlich gibt es auch bei uns oft lange Wartezeiten auf Pflegeplätze - aber das ist ein bundesweites Problem des Personalmangels. Der demografische Wandel macht sich durch eine Veränderung der Familienstrukturen bemerkbar: Oft sind die Kinder eben nicht mehr für die Eltern da, wenn diese Hilfe brauchen. Deshalb ist es die Aufgabe des Landkreises, nachhaltige und lokale Hilfeangebote zu schaffen. So gibt es bei uns ein Pilotprojekt, wo Senioren mit einem Tablet-Computer Hilfe in Anspruch nehmen können und ihnen ein Nachbar beispielsweise etwas vom Einkaufen mitbringt. Diese Systeme können gegen Isolation und Kommunikationsarmut wirken. Das Tablet wird dann zum Bindeglied zur Außenwelt. 

Wo lebt man als pflegebedürftiger Mensch besser: Bei uns auf dem Land oder in der Großstadt? 

In der Großstadt ist natürlich das ärztliche Angebot besser. Aber gerade für Demenzkranke ist es dort auch oft unübersichtlich. Im ländlichen Raum ist die Orientierung für sie leichter. Außerdem ist die Nachbarschaftshilfe hier immer noch ausgeprägter. Ein Problem ist freilich der Öffentliche Personennahverkehr, also die Mobilität. Dafür ist es im ländlichen Raum leichter, Hilfsangebote zu etablieren. Außerdem ist das Vertrauen in den Mitmenschen hier noch ausgeprägter. Man muss also keine Angst haben, hier alt zu werden. Aber das setzt auch die Bereitschaft voraus, Hilfe zu erbitten und auch anzunehmen. 

Zur Person

Elke Künholz (59) stammt aus Aßlar bei Wetzlar. Sie ist gelernte Zahnarzthelferin und studierte später an der Verwaltungsfachhochschule Hessen. Sie war lange bei der Kommunalaufsicht im Main-Taunus Kreis beschäftigt. Seit 2009 ist die SPD-Politikerin Erste Kreisbeigeordnete in Hersfeld Rotenburg. Künholz hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Lebensgefährten in Wehrda.

Rubriklistenbild: © Christophe Gateau/dpa

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