Interview zum Abschied

Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz: Sozialpolitikerin mit Leib und Seele

Elke Künholz, Erste Kreisbeigeordnete des Landkreises Hersfeld-Rotenburg
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Elke Künholz, Erste Kreisbeigeordnete des Landkreises Hersfeld-Rotenburg

Zwölf Jahre lang war Elke Künholz Erste Kreisbeigeordnete beim Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Zum Jahresende geht sie in den Ruhestand.

Frau Künholz, Sind sie eher wehmütig oder erleichtert mit Blick auf den nahenden Ruhestand?

Beides! Ich bin traurig, weil gerade in diesem Jahr und in den folgenden Jahren ganz viele Veränderungen im Sozialbereich über die Bundesgesetzgebung erfolgt sind oder noch anstehen und ich diesen Wandel gerne noch gestaltet hätte. Traurig auch, weil gerade in einem anderen Bereich von mir, im AZV (Abfallwirtschaftszweckverband), viele spannende Sachen passieren, zum Beispiel bei dem Entsorgungszentrum. Erleichtert bin ich, weil ich nach zwölf Jahren Erste Kreisbeigeordnete mit einem sehr umfänglichen, nicht gerade konfliktarmen Dezernatsbereich merke, dass es kräftezehrend ist. Ich möchte gerne noch was von meinem Leben haben.

Was sind die wichtigsten Dinge, die sie während Ihrer Zeit als Erste Kreisbeigeordnete erreicht haben?

Ich hatte im Laufe der letzten zwölf Jahre viele Herausforderungen. Es ging schon los, als ich noch keine sechs Wochen im Amt war und man mir mitteilte, dass im Jugendamt die Haushaltsansätze für das laufende Jahr um 8,5 Millionen Euro überschritten waren. Der Aufbau eines Fach- und Finanzcontrollings im Jugendamt und die Umstrukturierung war eine große Aufgabe. Mit dem Finanzcontrolling ist auch eine Stabilität ins Jugendamt gebracht worden. Neben den inhaltlichen Notwendigkeiten – also welche Hilfe braucht ein Kind, eine Familie, ein Jugendlicher? – haben wir nun auch die Kosten im Blick behalten. Es ist auch schnell klar geworden, dass das für eine Person in der Leitung zu viel ist, sodass wir noch eine Verwaltungsleitung eingesetzt haben. Das Schaffen von stabilen Strukturen, auf die Verlass ist, das ist etwas, worauf ich schon stolz bin.

Welche Erfolge können Sie noch verbuchen?

Ich bin auch stolz auf unser kommunales Jobcenter. Wir sind zwar eines der kleinsten kommunalen Jobcenter in der Bundesrepublik, aber wir haben selbst in der Pandemie noch vermittelt. Das liegt aber auch an der Wirtschaftsstruktur und an den vielen Logistikern bei uns im Landkreis. Auch dort wird hervorragende Arbeit gemacht. Mit Blick auf die Zukunft bereitet mir der Wegfall des Grundsatzes des Forderns und Förderns allerdings wirklich Bauchschmerzen. Ohne fordern können wir oft nicht fördern, wenn die Menschen über einen längeren Zeitraum arbeitslos sind. Manchmal braucht es ein bisschen Druck, damit die Menschen sich bewegen. Bei der Beschäftigungsgesellschaft VIA haben wir über mehrere Jahre mit starken finanziellen Problemen zu tun gehabt. Die VIA ist mittlerweile wieder gut aufgestellt.

Und wie sieht es beim AZV aus?

Der AZV hatte ruhige Zeiten, hatte aber auch turbulente Zeiten. Da habe ich einen Streit übernommen, der seit vielen Jahrzehnten in der Welt ist – mit zwei Müllverbänden in einem Landkreis. Wir haben Vieles versucht, um den Streit beizulegen, und auch da bin ich stolz, dass wir gemeinsam – und das unterstreiche ich jetzt mal – eine neue öffentlich-rechtliche Vereinbarung hinbekommen haben, die für mehr Klarheit sorgt. Da ist der Zug von dem konfrontativen Gleis auf das einvernehmliche Gleis gehoben worden. Mein Ziel, nur noch einen gemeinsamen Abfallverband für den gesamten Kreis zu haben, habe ich allerdings nicht erreicht. Ich würde das nach wie vor für äußerst sinnvoll halten.

Was hätten Sie außerdem noch gerne geschafft, was sich nicht umsetzen ließ?

Ich hätte auch gerne die Beschäftigungsgesellschaft weiter ausgebaut und sie ein bisschen unabhängiger von Maßnahmen des kommunalen Jobcenters aufgestellt, aber das war angesichts der finanziellen Schieflage einfach nicht machbar. Da stand erst mal sanieren und neu strukturieren an vorderster Stelle. Das Weiterentwickeln kommt jetzt. Gerne hätte ich zudem die Prävention im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe soweit ausgebaut, dass nicht so viele Hilfen zur Erziehung notwendig sind. Wir haben sukzessive erweitert im Rahmen dessen, was finanzierbar war, aber ich könnte mir da noch sehr viel mehr vorstellen. Und die Digitalisierung in meinem Dezernatsbereich könnte auch weiter sein. Da sind die Mittel für Digitalisierung immer wieder der Konsolidierung zum Opfer gefallen.

Gibt es einen Bereich, der Ihnen ganz besonders viel Freude gemacht hat?

Mir haben alle Bereich Freude gemacht, weil ich Sozialpolitikerin mit Leib und Seele bin (strahlt über das ganze Gesicht). Aber um mal selbstkritisch zu werden: Ich habe mich wahrscheinlich zu sehr ins operative Geschäft reingehängt. Vielleicht ist es manchmal besser, etwas mehr innere Distanz zu haben.

Die längste Zeit im Amt hatten Sie es mit Landräten von der CDU zu tun. Wie arbeitet man zusammen, wenn man verschiedenen Parteien angehört? Und wie vermittelt man den Mitgliedern der eigenen Partei, dass Kompromisse nötig sind?

Grundsätzlich vertrete ich die Auffassung, dass man immer mit gegenseitiger Achtung respektvoll und mit Zutrauen in das Fachwissen des Gegenübers miteinander umgehen sollte. Und das war während meiner ersten Amtszeit nur sehr bedingt der Fall. In der zweiten Amtszeit, obwohl Dr. Koch und ich ja um das Landratsamt gegeneinander angetreten sind, haben wir innerhalb von kürzester Zeit zu einer respektvollen, wertschätzenden Umgangsform miteinander gefunden. Wir haben uns regelmäßig ausgetauscht – an einem festen Termin in der Woche, aber auch zwischendurch. Jeder war immer auf dem aktuellen Stand dessen, was im jeweils anderen Dezernat los war. Das habe ich als sehr entlastend im Vergleich zu meinen ersten sechs Jahren empfunden. Unser beider Parteien hat das allerdings ab und an doch verwundert. Aber wir haben als Hauptamtliche den Landkreis als Institution nach außen zu vertreten und haben für alle Einwohnerinnen und Einwohner das Bestmögliche zu erreichen – und das unabhängig von Parteien. Parteipolitisch gestritten werden kann im Kreistag, aber nicht im Kreisausschuss.

Und wie sieht die Zusammenarbeit jetzt mit dem Parteifreund aus?

Gut. Unsere gemeinsame Zeit bisher ist zu kurz, um valide Aussagen zu machen. Torsten Warnecke muss sich erst noch in seine neuen Aufgaben einfinden. Er ist nun Leiter einer großen Behörde. Dies bringt viel Verantwortung mit sich und es müssen oftmals schnelle Entscheidungen getroffen werden.

Wie sehr hat es Sie getroffen, dass Sie damals nicht selbst Landrätin geworden sind?

Direkt nach der verlorenen Wahl hat es mich ziemlich getroffen. Aber ich habe schon bald, als das mit dem Klinikum anfing, zu Dr. Koch gesagt: „Ich bin so froh, dass Sie jetzt Landrat sind und nicht ich!“ Wir haben intern oft und lange diskutiert, manchmal auch hart in der Sache. Aber nach außen haben wir immer eine Meinung vertreten und sind uns nicht wechselseitig in den Rücken gefallen. Ich glaube, das war auch für die Menschen im Kreis ein Zeichen, dass wir trotz der vorherigen Konkurrenz zum Wohl des Kreises an einem Strang gezogen haben. Das war schon etwas Besonderes.

Eine Konsequenz war aber, dass Sie in den letzten Jahren relativ wenig in der Öffentlichkeit präsent waren. Wollten Sie nicht mehr Öffentlichkeit oder war das politisch nicht opportun?

Der Satz „Klappern gehört zum Handwerk“ trifft nur bedingt auf mich zu. Die letzten zweieinhalb Jahre waren einfach auch davon geprägt, dass viele größere Baustellen da waren, die entweder nicht für die Öffentlichkeit taugten oder die beim Thema Klinikum im Dezernatsbereich von Dr. Koch lagen. Hier war er als Vorsitzender des Aufsichtsrates gegenüber der Presse gefordert. Ich habe in den letzten Jahren aber intern sehr viel umstrukturiert und ich glaube, das ist wichtiger, als jede Woche zweimal in der Zeitung zu sein.

Sie mussten zuletzt auch noch die Aufgabe der Frauenbeauftragten des Kreises übernehmen. In dieser Funktion sind Sie praktisch nicht in Erscheinung getreten, obwohl Sie sich eigentlich immer sehr für die Gleichstellung von Frauen eingesetzt haben. Wieso haben wir da so wenig von Ihnen gehört?

Ganz offen: Wann sollte ich das noch machen? Die Belange der Frauen sind mir nicht weniger wichtig geworden. Im Gegenteil. Die externe Frauenbeauftragte war eine Geschichte, über die ich sehr heftig mit dem Landrat diskutiert habe, weil mir klar war, dass ich die Zeit nicht aufbringen kann. Ich habe die überregionale Gremienarbeit wahrgenommen und versucht, es irgendwie am Laufen zu halten, bis die Stelle im Frauenbüro nachbesetzt war, aber mir war immer klar, dass das nicht so nebenbei mitzumachen ist. Das muss einer Person und einer Stelle zugewiesen sein und dann bleibt für die Dezernentin die politische Rückendeckung, die Unterstützung.

Wie sieht es mit der Zukunft des Frauenbüros aus?

Wir werden jetzt im Januar einen Neustart mit dem Runden Tisch gegen häusliche Gewalt machen. Demnächst soll auch eine Entscheidung über eine neue externe Frauenbeauftragte fallen. Ich habe Landrat Warnecke einen Vorschlag unterbreitet. Und dann müssen Dirk Noll und er noch klären, wer denn die Zuständigkeit für das Frauen- und Gleichstellungsbüro übernehmen wird und ob es vielleicht in Zukunft ausgebaut wird. Mit den bisherigen Landräten war das nicht verhandelbar. Die interne Frauenbeauftragte hat allerdings die ganze Zeit gut weitergearbeitet.

Was wollen Sie an ihrem ersten Tag im Ruhestand tun?

(Wie aus der Pistole geschossen) Schlafen, Ausschlafen. Ich habe keine konkreten Pläne. Ich werde mich zunächst verstärkt unserem 480 Jahre alten Fachwerkhaus widmen, wo die Außenfassade saniert werden muss. Ich habe ein paar alte Möbel, die ich aufarbeiten will und dann wird sich irgendwann eine Tür auftun. Und wenn nicht, weiß ich auch sehr viel mit meiner Zeit anzufangen.

Und was machen Sie mit ihrer Zeit, wenn Sie denn welche haben?

Das gemeinsame Kochen mit Freunden und dann in Ruhe klönen, ist in den letzten Jahren deutlich zu kurz gekommen. Ich habe immer gerne gestrickt, um runterzukommen. Das werde ich auch weiterhin tun. Und dann muss unbedingt etwas für die Fitness getan werden. Da bin ich gar nicht mehr dazugekommen, beziehungsweise konnte mich nicht aufraffen. Ich freue mich auch darauf, mit meinem Partner mehr zu reisen.

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