Weihnachtsinterview

Telefonseelsorge ist auch an Weihnachten bereit für Anrufe von Menschen, die reden wollen

Pfarrerin Dagmar Scheer ist seit März Leiterin der Telefonseelsorge in Fulda.
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Pfarrerin Dagmar Scheer ist seit März Leiterin der Telefonseelsorge in Fulda.

Weihnachten im Corona-Lockdown - das ist für einige Menschen eine Herausforderung. Die Telefonseelsorge in Fulda ist für Menschen da, die Gesprächsbedarf haben.

Fulda - Gerade zu Weihnachten rufen besonders viele Menschen bei der Telefonseelsorge an, weil sie einsam sind und Kummer haben. Wir haben mit der Leiterin der Telefonseelsorge in Fulda gesprochen, Pfarrerin Dagmar Scheer.

Frau Scheer, suchen in Corona-Zeiten mehr Menschen die Hilfe der Telefonseelsorge?

Es sind schon mehr Anrufe, und das Thema Corona scheint eigentlich bei allen Gesprächen irgendwie durch. Wir sind uns dieser Situation durchaus bewusst. Unsere 80 ehrenamtlichen Helfer sehen es deshalb gerade jetzt mehr denn je als ihre Aufgabe an, gesprächsbereit für die Nöte der Menschen zu sein.

Haben sich die Sorgen und Nöte durch Corona verändert?

Corona ist wie ein Brennglas, wie ein Finger in der Wunde, und verstärkt die ohnehin bestehenden Probleme. Wir alle spüren doch den Druck. Trotzdem haben wir weiterhin ein sehr breites Spektrum von Anliegen, mit denen wir zu tun haben. Die Anzahl der Gespräche, die sich nur um Corona drehen, liegt bei unter 20 Prozent. Aber die coronabedingten Einschränkungen verstärken die Schwierigkeiten gerade für Menschen mit psychischen Problemen, denen oft die täglichen Betreuungsangebote fehlen.

Wie werden Ihre Mitarbeiter auf diese sensiblen Gespräche vorbereitet?

Unsere ehrenamtlichen Telefonseelsorger bekommen eine mehr als einjährige Ausbildung. Sie sind danach zwar noch keine professionellen Fachkräfte, aber sie haben als Seelsorger und Seelsorgerinnen ein Verständnis dafür, wie man den Menschen mit ihren Anliegen offen begegnen kann und sie im Zeitraum des Telefonates begleitet. Außerdem gibt es eine begleitende Supervision und Fortbildung.

Aber was sagt man jemand, der nicht mehr leben möchte?

Das betrifft zum Glück nur einen geringen Prozentsatz der Anrufe, die hier ankommen. Viele, die aus dem Leben scheiden wollen, suchen sich keine Hilfe. Wer hier anruft, der hat noch Redebedarf. Dann ist es wichtig, den Suizidgedanken klar anzusprechen und auf die Situation einzugehen. Mögliche Perspektiven ergeben sich dann oft aus dem Gespräch.

Dazu bedarf es sicher auch viel Lebenserfahrung?

Lebenserfahrung ist nie verkehrt, aber man muss sich auch trauen, Dinge anzusprechen und beim Namen zu nennen. Wichtig ist vor alllem ein großes, weites Herz zu haben. Denn man weiß nie, was einen erwartet, wenn das Telefon klingelt.

In diesem Jahr dürfte zu Weihnachten die Einsamkeit für viele Menschen ein Problem werden. Wie können sie da helfen?

Normalerweise versuchen wir, mit unseren Anrufenden Kontaktmöglichkeiten zu erarbeiten.. Aber wo soll man jetzt hingehen? Deshalb können wir wie immer nur zuhören und für die Menschen da sein – und wenn es auch nur für den Augenblick ist, den wir miteinander teilen, indem die Menschen nicht einsam sind.

Was kann jeder Einzelne von uns tun, um Angehörigen, Freunden und Nachbarn zu unterstützen?

Wir dürfen gerade jetzt den Blick für andere Menschen nicht verlieren. Vieles ist im Moment leider nicht möglich, aber wir sollten versuchen, das zu tun, was geht: Ein Anruf, eine Karte oder natürlich auch die digitalen Wege der Kommunikation können wir doch nutzen. Wir beklagen alle die momentane Kontaktlosigkeit – aber es gibt ja viele Möglichkeiten, um trotzdem miteinander in Kontakt zu treten.

Es wurde darüber diskutiert, ob man zu Weihnachten den Gottesdienst feiern soll oder ihn nicht doch sicherheitshalber absagt. Wie stehen Sie als Pfarrerin dazu?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Gerade die großen Gemeinden haben einen anderen Zulauf als die kleineren Gemeinden. Dort lässt sich das vielleicht doch noch kontrollieren. Das Problem ist ja nicht nur der Gottesdienst an sich, sondern auch der Weg dorthin oder nach Hause. Ich finde es sehr schwierig, und jeder Gottesdienst, der nicht stattfindet, tut mir weh. Aber wir müssen vernünftig sein.

Wie werden Sie selbst dieses ungewöhnliche Weihnachtsfest feiern?

Unsere jüngste Tochter besteht darauf, dass wir trotzdem alle gemeinsam „Oh, Du fröhliche“ singen, auch wenn der Gottesdienst ausfällt. Ich werde sicher auch die Weihnachtsgeschichte lesen. Mein Mann wird in der Kirche in Fulda präsent sein, obwohl es auch dort keine Gottesdienste gibt, aber die Kirche ist offen. Und später werden wir dann etwas tun, was wir noch nie zu Weihnachten tun konnten: Ein leckeres Essen kochen, in Ruhe zusammensitzen und uns Zeit füreinander nehmen. (Kai A. Struthoff)

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