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Die Geschenke bringt ein Zauberer - Ukrainer feiern Weihnachten im Januar und Dezember

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Von: Kim Hornickel

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Umringt von ukrainischen Weihnachtstraditionen: (von links) Maria, Tatjana, Ruslana und Polina haben ein Buch mit ukrainischen Festtagsessen aufgeschlagen. Polina Sorel trägt das Kostüm des Geschenke bringenden Zauberers.
Umringt von ukrainischen Weihnachtstraditionen: (von links) Maria, Tatjana, Ruslana und Polina haben ein Buch mit ukrainischen Festtagsessen aufgeschlagen. Polina Sorel trägt das Kostüm des Geschenke bringenden Zauberers. © Kim Hornickel

Seit dem Angriff Russlands wandelt sich das Weihnachtsfest der Ukrainer. Sie lösen sich von russischen Traditionen. Was das bedeutet, erklärt die Ukrainerin Polina Sorel aus Bad Hersfeld.

Bad Hersfeld – Heute ist für orthodoxe Ukrainer Weihnachten – zumindest für einen Teil, erklärt Polina Sorel aus Bad Hersfeld, die selbst aus der Ukraine kommt und seit 25 Jahren in Deutschland lebt. „Ein großer Teil feiert aber alternativ am 24./25. Dezember“, sagt sie. Wie es dazu kommen konnte, ist eine lange Geschichte – in der ukrainische Weihnachtstraditionen lange nur im Untergrund gefeiert werden konnten.

Geheimer Glaube

Sorel erklärt: Unter russischer Herrschaft sei der Glaube unterdrückt worden, erst seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 kämen die Traditionen wieder mehr ans Tageslicht – und seit Kriegsbeginn im Jahr 2022 sei sowieso alles anders.

Weil die Ukrainer seit dem Angriffskrieg Russlands noch enger zusammenstehen, sich von Russland abgrenzen wollen, und eigene Traditionen pflegen, kommen auch die Bruchstücke der Weihnachtstraditionen wieder zusammen, erklärt Sorel.

Ein paar Beispiele für ukrainische Weihnachtstraditionen hat die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin schon vor sich auf dem Tisch ausgebreitet.

Spinne und Weizen

Dazu gehört auch ein Gebinde aus Weizenähren, das Sorel hochhält, und ihren Freundinnen zeigt. Die Ukrainerinnen Tatjana, Maria und Ruslana kommen, wie Polina Sorel, aus der ukrainischen Stadt Mykolajiw, im Osten der Ukraine.

Weil religiöse Bräuche in der Ukraine jahrzehntelang nur im Privaten stattfinden konnten, habe jede Familie andere Traditionen gepflegt. Und so sind sich auch ihre Freundinnen unsicher, was es nun mit dem Weizengebinde auf sich hat. „Das ist eine Weihnachtstradition aus dem Westen der Ukraine, dort kennt es jeder. Das ist ‘Diduch’“, erklärt Sorel. Jeder der drei Teile hat eine Bedeutung. „Der mittlere Teil steht für die Zukunft, die anderen für Gegenwart und Vergangenheit.“ Die Weizengarben symbolisierten die Generationen der Familie, die so an Weihnachten zusammenkommen, sagt Sorel. Kinder und Erwachsene binden die Sträuße zu Weihnachten.

Diduch: Die Weizenähren symbolisieren die unterschiedlichen Zeiten.
Diduch: Die Weizenähren symbolisieren die unterschiedlichen Zeiten. © Hornickel, Kim

Doch wann ist denn nun eigentlich Weihnachten in der Ukraine, im Dezember oder im Januar? „Beides“, sagt Polina Sorel und kann auch das erklären, denn: „Weihnachten feiern die Ukrainer eigentlich am 6. und 7. Januar – nach dem gregorianischen Kalender, der ab 1918 gilt.“ Die jüngeren Leute, und die Menschen im Westen der Ukraine, feierten jedoch zu großen Teilen lieber am 24./25. Dezember. „Wie früher, vor der Sowjetunion und nach dem julianischen Kalender,“ sagt Sorel.

Moderne Traditionen knüpfen an religiöse Bräuche von vor 100 Jahren an – vor allem junge Ukrainer nehmen so weiter Abstand zu allem, was sie mit Russland verbindet. „Die einen feiern so, die anderen zu dem anderen Datum“, sagt Sorel. Das entscheide jeder selbst.

Und manche feierten eben auch mit einem Weihnachtsbaum, sagt Sorel. Ihr eigener Baum ist mit bunten Kugeln, und Katzenfiguren behangen und steht neben dem Esstisch. Doch wie passt der geschmückte Baum zum orthodoxen Glauben? „Als die Ukraine in den 1930er Jahren Teil der Sowjetunion war, wurde der Brauch des Weihnachtsbaums eingeführt. Jedoch nicht zu Weihnachten, sondern zu Silvester“, erklärt Sorel.

Die Frauen trinken grünen und schwarzen Tee und sprechen über weitere ukrainische Weihnachtsbräuche. Dann zückt Sorel ihr Handy. Auf einem Bild ist Tochter Marie zu sehen, die eine „Spinne“ bastelt. Das Strohmobile soll wie ein echtes Spinnennetz Böses einfangen und von den Menschen fernhalten. „Wie es damals die Spinnen im Stall bei Jesus getan haben“, sagt Sorel.

Marie und Kirill, basteln „die Spinne“ zur Weihnachtszeit.
Marie und Kirill, basteln „die Spinne“ zur Weihnachtszeit. © privat

Magische Wesen

Sorels Gäste haben auch eine Überraschung für die Gastgeberin mitgebracht. Tatjana Parkhomenko packt ihre Gitarre aus. „Nach dem Weihnachtstag im Januar oder Dezember gehen wir von Haus zu Haus und singen“, übersetzt Sorel die Erklärungen der 46-Jährigen. Das soll den Hausbesitzern Glück und Segen bringen. „Ähnlich unseren Sternsingern in Deutschland“, sagt Sorel.

Dann stimmen die Musikerinnen Lieder über Engel und das Jesuskind an – schwungvoll, rasant und mit glockenklarer Stimme. Als die Sängerinnen absetzen, sagt Sorel: „Bei den Hausbesuchen werfen die Kinder Weizenkörner und bekommen kleine Geschenke.“

Also bringen in der Ukraine Nachbarn, Eltern und Verwandte die Geschenke? „Genau“, sagt Polina Sorel. Aber ein magisches Wesen braucht es trotzdem. „Zu Silvester kam immer Väterchen Frost.“ Weil auch der „Weihnachtsmann in blauem Kostüm“ eine russische Tradition ist, sind die Menschen in der Ukraine kreativ geworden. Seitdem übernimmt der Nikolaus den Geschenke-Transport und steckt die Pakete unter die Kopfkissen. „Oder es kommt ein Zauberer an Silvester“, sagt Sorel. Der hat praktischerweise auch einen blauen Mantel und trägt dazu eine gelbe Mütze und einen gelben Schal. Das ist auch Tatjana, Maria und Ruslana neu. „Die Traditionen verändern und verbinden sich und werden für unsere Kinder vielleicht mal ganz normal sein“, sagt Polina Sorel abschließend.

Videos und weitere Bilder der ukrainischen Sängerinnen gibt es auf Instagram, unter hersfelder_zeitung.

Kerzenreste und Dosen für den guten Zweck

Um den Menschen in der Ukraine in den kalten Wintertagen zu helfen, sammeln Polina Sorel und die Freie Evangelische Gemeinde Bad Hersfeld Kerzen und leere Konservendosen. Für die Herstellung sogenannter Kriegskerzen rollen freiwillige Helfer Karton zusammen, stecken die Rollen in die Metalldosen und gießen Paraffin oder Wachs darüber. Über der kleinen Flamme kann dann etwas zu Essen erwärmt oder gekocht werden, erklärt Polina Sorel, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Die Kerzen in Dosen würden außerdem ein wenig heizen und Licht spenden.

In Zeiten, in denen Russland gezielt die Versorgungsleitungen und die Infrastruktur in der Ukraine angreift, seien diese Hilfen für die Menschen dort unerlässlich um zu überleben. Wer Kerzen, Kerzenreste, Paraffin oder saubere Blechdosen sammeln möchte, kann diese entweder bei Polina Sorel abgeben, Kontakt: polina.sorel@googlemail.com, oder vor der Tür der Kleiderkammer im Vlämenweg 21 in Bad Hersfeld abstellen. Bei größeren Mengen bittet Sorel um Voranmeldung an ihre E-Mail. Auch freiwillige Helfer, die die Kerzen herstellen möchten, sind eingeladen, sich zu melden

Gezielte Hilfe nötig

Mit ihrer privat gegründeten Hilfsinitiative will Polina Sorel Menschen in der Ukraine gezielt helfen. „Ich habe vor zwei Monaten angefangen, Pakete in die Ukraine zu schicken, die den Leuten bei Blackouts (wenn Strom, Heizung und Wasser ausfallen) helfen können.“ Seit den Angriffen Russlands auf die Strom- und Heizinfrastruktur würden besonders leistungsstarke Powerbanks und Thermokleidung benötigt. „Die Leute dort haben schon warme Kleidung, aber das hilft nichts, wenn über Tage die Heizung ausfällt“, sagt Sorel. Sie fragt deshalb Familien in der Ukraine an, was sie benötigen und kauft gezielt ein. Mit Spenden von Bekannten und Freunden konnte sie außerdem Generatoren in die Ukraine schicken. Beim Transport helfen ihr Fahrer, die die Hilfsgüter zu den Familien bringen. „Aber auch die kosten Geld“, sagt Sorel.

Ob ihre Hilfe am richtigen Ort ankommt, das verfolgt sie online und steht auch mit den Menschen in Kontakt. Sorel überprüft den Erhalt der Hilfsgüter.

Wer sich an dem privaten Hilfsprojekt von Polina Sorel beteiligen möchte, der kann sich per Mail mit ihr in Verbindung setzen und gezielt für eine hilfsbedürftige Familie einkaufen. „Abgelegt Sachen sind dagegen oft nicht geeignet“, sagt Sorel. Die Thermokleidung muss neuwertig und die Powerbank leistungsstark sein. Das erfüllten Secondhand-Sachen meist nicht, erklärt die ehrenamtliche Helferin.

Der Kontakt zu Polina Sorel ist unter polina.sorel@googlemail.com möglich.

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