Vereitelte Entführung

Wollte Stalker seine Ex-Freundin aus Rotenburg in die bulgarische Wildnis verschleppen?

Symbolbild der Justizia mit verbundenen Augen
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Die Polizei hat im April 2021 eine Entführung in Rotenburg verhindert. Nun steht der mutmaßliche Täter in Bad Hersfeld vor Gericht.

Abschiedsnachrichten aufs Handy und eine fehlende Motorsäge waren Alarmzeichen, die eine Entführung in Rotenburg verhindert haben. Nun steht ein 52-jähriger Stalker vor Gericht.

Bad Hersfeld/Rotenburg – Eine in Rotenburg geplante Entführung hat die Polizei Ende April dieses Jahres verhindert. Der mutmaßliche Täter, der erst im März vom Amtsgericht Bad Hersfeld wegen Stalkings und Bedrohung seiner damaligen Partnerin, die er dann auch entführen wollte, verurteilt worden war, muss sich jetzt erneut vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Christina Dern verantworten.

Der 52 Jahre alte Mann hatte sich am 28. April von seiner Lebensgefährtin und einem guten Freund mit mehreren WhatsApp-Nachrichten und einem Brief verabschiedet. Er habe Krebs und wolle nach Finnland fahren, um dort in Ruhe und Einsamkeit zu sterben, teilte er mit. Er sei nicht mehr zu erreichen und nehme auch nichts mit. Allerdings, so stellte die in Trittau in Schleswig-Holstein lebende Frau bei einem Gang durch das gemeinsame Haus fest, fehlte die Motorsäge. Das habe sie misstrauisch gemacht, berichtete die Frau dem Gericht.

Sie ging zur Polizei und meldete ihren Freund als vermisst, gab aber auch an, dass sie außer einem Suizid auch einen erweiterten Suizid für möglich halte, nämlich dass der 52-Jährige nicht nur sich selbst, sondern auch seiner ehemaligen Partnerin aus Rotenburg etwas antun wolle. Die Polizei reagierte sofort und brachte die Rotenburgerin in Sicherheit.

52-Jähriger wurde im März 2021 schon einmal verurteilt

Wegen Stalking, Hausfriedensbruch, Bedrohung und versuchter Nötigung war der 52-jährige Angeklagte im März 2021 vom Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Sein Opfer war eine 42-jährige Rotenburgerin, mit der er bis August 2018 liiert war. Der Mann hatte vor Jahren bereits seine Ex-Frau verfolgt und vergewaltigt.

Das erwies sich als richtig, denn wie sich herausstellte, war der Mann mit einem Wohnwagen unterwegs, den er für die Entführung ausgestattet und erst einmal auf dem Campingplatz Seepark in Kirchheim abgestellt hatte. Sein Plan war es wohl, mit der Entführten nach Bulgarien zu fahren und dort in der Wildnis zu leben – deshalb auch die Motorsäge.

Vorbereitet hatte der 52-Jährige, der als Rettungssanitäter gearbeitet hatte, die Entführung sehr sorgfältig und von langer Hand. Seine Lebensgefährtin berichtete, bereits vor etwa eineinhalb Jahren erste Hinweise gefunden zu haben, die sie damals nicht deuten konnte.

Der Angeklagte hatte sich den Standplatz in Kirchheim mit gefälschten Unterlagen erschlichen, die ein berufliches Engagement im Schwalm-Eder-Kreis vortäuschten, wo er früher auch gearbeitet hatte. Touristische Übernachtungen waren im April wegen des Lockdowns nicht möglich. Im Campingwagen fand die Polizei unter anderem Beruhigungsmittel, neu gekaufte Damenkleidung, Sex-Spielzeug und Reizwäsche, Waffen und Werkzeug sowie ein Handbuch über das Überleben in der Wildnis.

Zeugin: Er kam nicht von der Ex-Freundin los

Als perfekten Partner, zumindest im ersten halben Jahr, schilderte die inzwischen von ihm getrennte Lebensgefährtin aus Trittau den 52-jährigen Angeklagten. Er sei empathisch und in vielerlei Hinsicht auf der gleichen Wellenlänge wie sie gewesen. Obwohl beide im Schichtbetrieb inklusive Wochenende arbeiteten – er als Rettungssanitäter und sie in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung – hätten sie viel Zeit miteinander verbracht und viele Rituale gepflegt.

Allerdings, so erzählte die 46 Jahre alte Frau, sei die ehemalige Partnerin aus Rotenburg ständig präsent gewesen. Ihr Freund habe ihr viel erzählt, unter anderem, dass die gut vernetzte Frau mit vielen Kontakten ihn habe fertigmachen wollen. Die Verurteilung habe der 52-Jährige als ungerecht empfunden und sich als Opfer des von Frauen dominierten Gerichts empfunden.

Die Schilderungen ihres Partners empfand die Frau damals als glaubhaft, obwohl ihr bewusst war, dass sie immer nur eine, nämlich seine Seite hörte. Sie habe den Eindruck gehabt, dass ihr Freund große Hoffnungen auf ein dauerhaftes Glück in die Beziehung mit der Rotenburgerin gesetzt hatte und sehr enttäuscht war, als das Verhältnis auseinanderging.

Lebensgefährtin kannte nicht die Wahrheit über die Vergangenheit ihres Partners

Die Frau berichtete aber auch, dass sie immer öfter das Gefühl gehabt habe, dass er etwas vor ihr verberge und sie ihn zuletzt gar nicht mehr habe erreichen können. Erst jetzt erfuhr die 46-Jährige den wirklichen Grund, warum ihr Partner vor vielen Jahren in Haft gesessen hatte. Er hatte ihr etwas von einer Kindesentführung erzählt, tatsächlich hatte er seine Exfrau, mit der er auch erwachsene Kinder hat, erst verfolgt und dann vergewaltigt.

Dennoch sprach die Frau sehr wertschätzend über ihren ehemaligen Partner, auch wenn sie einräumte, sich heute „total verarscht“ von ihm zu fühlen. Denn er habe sie nicht nur belogen und betrogen – vom Kauf des Wohnwagens erfuhr sie erst durch die Polizei – und sie mit seinem Abschiedsbrief und der erfundenen Krebserkrankung in größte Angst versetzt, sondern auch Knall auf Fall mit den Kosten für ein Haus sitzen lassen, das sie sich alleine nicht leisten konnte.


Der Angeklagte brach während der Aussage seiner ehemaligen Lebensgefährtin laut weinend zusammen und schluchzte auch nach einer Pause immer wieder. Auch diese Partnerin lässt er nicht los, sondern bombardiert sie mit Briefen, wie die Frau berichtete.

52-Jähriger war offenbar auch auf Flucht des geplanten Opfers vorbereitet

Die versuchte Entführung ist nicht die einzige Anklage gegen den 52-Jährigen, die Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken vortrug. Als der Mann am 29. April in Kirchheim festgenommen wurde, habe er sich heftig zur Wehr gesetzt und dabei zwei Polizeibeamte verletzt. Er habe Bescheinigungen gefälscht, um eine Berufstätigkeit beim DRK im Schwalm-Eder-Kreis vorzutäuschen.

Er hatte übrigens für den Fall, dass der entführten Rotenburgerin die Flucht gelänge, Zettel in mehreren Sprachen vorbereitet, in denen er sie als psychisch krank bezeichnete und Zeugen bat, die Frau zu ihm zurückzubringen. Weitere Vorwürfe bezogen sich auf das Nichteinhalten des polizeilich verfügten Kontaktverbots, auf illegale Drohnenaufnahmen vom Haus der Rotenburgerin und wiederholte Anrufe unter einer gefälschten polnischen Telefonnummer.

Außerdem wird dem Angeklagten vorgeworfen, bei seinem Arbeitgeber DRK 50 Tabletten mit dem Beruhigungsmittel Tavor gestohlen und pornografische Bilder von der Vergewaltigung seiner Ex-Frau abgespeichert und aufbewahrt zu haben. Die Verhandlung wird am 3. Dezember fortgesetzt. (Christine Zacharias)

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