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Vergewaltigung gestanden: 44-Jähriger zu Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt

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Von: Nadine Meier-Maaz

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Amtsgericht Bad Hersfeld
Das Amtsgericht in Bad Hersfeld. © Carolin Eberth

Wegen Vergewaltigung hat das Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld einen 44-Jährigen aus dem nördlichen Kreisgebiet zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Ins Gefängnis muss der bisher nicht Vorbestrafte aber nicht. Die Freiheitsstrafe wird über einen Zeitraum von drei Jahren zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem hat er innerhalb eines Jahres zehn Beratungsgespräche bei Pro Familia oder einer anderen Beratungsstelle nachzuweisen.

Auf weitere Auflagen verzichtete das Gericht unter Vorsitz von Richterin Christina Dern unter anderem, weil der 44-Jährige bereits 5000 Euro an das Opfer gezahlt hat.

Nachdem er beim Prozessauftakt noch geschwiegen hatte (wir berichteten), zeigte sich der 44-Jährige nun geständig und räumte die Vorwürfe der Anklage über seinen Verteidiger ein. Er gab zu, am 17. Oktober 2020 gegen 4 Uhr eine langjährige Freundin der Familie im Schlaf überrascht zu haben und erst mit mindestens einem Finger in sie eingedrungen zu sein und sie dann noch an die Brust gefasst zu haben, bevor er nach einem zweiten Nein der irritierten und erschrockenen Frau schließlich ganz von ihr abließ.

Der Tat vorausgegangen war ein gemeinsamer Spieleabend im Haus des Mannes und seiner Familie, nach dem sich die Geschädigte nicht mehr fahrtüchtig gefühlt und deshalb das Angebot angenommen hatte, auf der Couch im Wohnzimmer zu übernachten. Mit im Haus war unter anderem die Ehefrau des Angeklagten, die von dem Geschehen aber offenbar nichts mitbekommen hatte.

Die Geschädigte, die die Tat etwas später bei der Polizei angezeigt hatte, trat im Prozess als Nebenklägerin auf.

Das Gericht wertete die Vergewaltigung als besonders schweren Fall, da es bei einem Eindringen in den Körper keinen Unterschied mache, ob dies mit dem Penis, einem Finger oder Gegenständen geschehe. Zudem habe der 44-Jährige die Arg- und Wehrlosigkeit der schlafenden Frau ausgenutzt.

Aufgrund des vorausgegangenen Alkoholkonsums ging es gleichzeitig von einer verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten aus, der inzwischen mehrere hundert Kilometer weit weggezogen sei und sich wünschte, „die Zeit zurückdrehen zu können“. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht.

Revision oder Berufung sind noch möglich

Gegen das Urteil können alle Parteien – ob Staatswaltschaft, Nebenklage und Verteidigung – innerhalb einer Woche noch die Rechtsmittel Revision oder Berufung einlegen. Beide sind geeignet, ein ergangenes Urteil anzufechten und führen dazu, dass die Strafe vorerst nicht vollstreckt wird. Bei der Revision stehen mögliche Rechtsfehler im Fokus. Der sofortige Rechtsmittelverzicht noch im Saal war in diesem Fall nicht möglich, da es vorab ein Rechtsgespräch (Absprache) gab.

„Das Schmuddeltyp-Argument zieht nicht“

Mit der zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe, zu der das Schöffengericht jetzt einen 44-Jährigen wegen Vergewaltigung verurteilt hat, blieben Richterin Christina Dern und ihre beiden Schöffen unter den Anträgen von Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken und der Nebenklagevertreterin. Beide hatten sich in ihren Plädoyers zwar ebenfalls für eine zweijährige Freiheitsstrafe ausgesprochen – allerdings ohne Bewährung.

Zugunsten des Angeklagten wertete Meeuw-Wilken, nach deren Einschätzung eine Strafe unter zwei Jahren die Tat bagatellisieren würde, dass dieser nach dem Nein der Frau tatsächlich von ihr abgelassen hatte, dass er bisher nicht vorbestraft ist und sich nun doch geständig zeigte. Allerdings habe es sich wohl eher um ein Zweckgeständnis als um ehrliche Reue gehandelt, kritisierte sie die späte Einlassung, die der Geschädigten mehrere Aussagen und ein langes Verfahren nicht erspart hätte. Trotz Alkoholisierung hielt sie den 44-Jährigen, der laut Zeugenaussagen schon des Öfteren Respekt gegenüber Frauen habe vermissen lassen, zudem noch für den „Herr seiner Sinne“.

Die Nebenklagevertreterin schloss sich den Ausführungen der Staatsanwältin im Groben an und betonte, dass ihre Mandantin sich zunächst als Lügnerin habe hinstellen lassen müssen, die sich möglicherweise für eine Affäre ihres Freundes mit der Ehefrau des Angeklagten habe rächen wollen, von der sie allerdings erst im Nachhinein erfahren habe. Trotz diverser Gerüchte im Dorf und kursierender Sex-Videos habe sie als Vertrauensperson vor der Tat immer zu dem Angeklagten und seiner Familie gestanden, um dann enttäuscht zu werden. Das lange Verfahren sei sehr belastend für ihre Mandantin gewesen, so die Anwältin. Die Geschädigte selbst war am letzten Verhandlungstag nicht persönlich anwesend.

Dass sie den 44-Jährigen erst nach längerer Überlegung angezeigt hatte, begründete ihre Anwältin damit, dass dieser Frauen schon öfter respektlos zu nahe getreten sei und so etwas nie wieder passieren sollte. Dabei habe sie das Geschehen nie dramatisiert oder ihren Bekannten mehr belastet als nötig, was auch Meeuw-Wilken so empfand. Neben dem jetzigen Geständnis hätten Anrufe und Sprachnachrichten aus der besagten Nacht ihre Schilderungen untermauert.

Sehr überrascht von den Anträgen der beiden Parteien auf der anderen Seite des Gerichtssaals zeigte sich der Verteidiger des Angeklagten, Artak Gaspar, der ein Jahr und neun Monate ohne Bewährung für angemessen hielt. Schließlich hätten sich alle Beteiligten im Rechtsgespräch am ersten Verhandlungstag darauf geeinigt, dass im Falle eines Geständnisses eine Bewährungsstrafe in Frage komme, was so auch protokolliert worden sei (wir berichteten). Davon abgesehen sei die Beweislast weder „erdrückend“ gewesen, noch könne man seinem Mandanten vorwerfen, ihn das Geständnis vortragen zu lassen. Zu seinen Gunsten wertete er zudem unter anderem dessen günstige Sozialprognose.

Dass allein das „Schmuddeltyp-Argument“ für eine ungünstige Prognose nicht zieht, sah denn auch Richterin Dern so. Sie äußerte in der Urteilsbegründung vielmehr Kritik daran, dass bei blöden Sprüchen gegenüber Frauen oder mehr immer noch zu selten jemand eingreife. „Das ist ein gesellschaftliches Problem und ein Unding. “ (Nadine Meier-Maaz)

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