Gefährliche Gefühlswelt in der Tennishalle

Viel Beifall für die Komödie „Extrawurst“ bei den Bad Hersfelder Festspielen

Geraten nicht nur verbal aneinander: Erol Oturan (Parbet Chugh, Mitte) und Matthias Scholz (Dirk Hoener). Melanie Pfaff (Laura Puscheck) versucht zu schlichten.
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Geraten nicht nur verbal aneinander: Erol Oturan (Parbet Chugh, Mitte) und Matthias Scholz (Dirk Hoener). Melanie Pfaff (Laura Puscheck) versucht zu schlichten.

Einen Theaterabend voller Gefühle haben am Sonntagabend etwa 150 Zuschauer bei der „Extrawurst“-Premiere am Außenspielort der Bad Hersfelder Festspiele in der Tennishalle auf der Unterau erlebt.

Bad Hersfeld – Zwar erinnert das Bühnenbild mit bunten Lichterketten eher an eine Strandbar auf Mallorca, dagegen überzeugen die fünf Akteure auf der Bühne durch punktgenau getimte Pointen mit exakt gesetzten Sprachpausen, um auf den verdienten Zwischenapplaus – fast wie nach erfolgreichen Ballwechseln bei einem Tennis-Match – zu kommen. Und dieser ließ nicht auf sich warten. Inszeniert hat das unterhaltsame Stück Bettina Wilts.

Die einzelnen Punkte der Tagesordnung während der Mitgliederversammlung des Tennisvereins TuS Eichhof 09 sind im Schnelldurchgang abgearbeitet. Doch unter Sonstiges schlummert noch ein brisantes Thema, das für mächtig Wirbel sorgen wird. Die Anschaffung eines neuen Grills für das Vereinsfest. Das ruft Melanie Pfaff (Laura Puscheck) auf den Plan. Sie erinnert daran, dass ihr Doppelpartner Erol Oturan (Parbet Chugh) Moslem ist. Und Moslems dürften ja kein Schweinefleisch essen. Es wäre also eine nette Geste, wenn zwei Grills angeschafft würden, damit für Erol und seine Familie die Rindswürstchen (Sucuk) getrennt von den anderen Schweinefleisch-Bratwürsten zubereitet werden können.

Ein gut gemeinter Vorschlag, der die Stimmung kippen lässt. Denn von nun an geht es um viel mehr als um einen Grill. Es geht um Gefühle und ganz besonders um Glauben und Religion. Und natürlich um den bald nicht mehr vorhandenen Respekt vor dem jeweils anderen.

Plötzlich kehren die Protagonisten ihr Innerstes nach Außen – vergreifen sich oft in der Wortwahl und heizen mit unterschwelligen Beleidigungen und unbedacht ausgesprochenen Floskeln die ohnehin schon hitzige Stimmung weiter an.

Die Gefühle eines jeden Einzelnen werden dem Publikum lautstark von der Bühne mitgeteilt – den Zuschauern, die als Vereinsmitglieder mittendrin sind im Stück. Sie werden mit einbezogen und sollen sogar Partei ergreifen. Entweder für den Logistiker Matthias Scholz (Dirk Hoener), der glaubt den vermeintlich politisch korrekten Deutschen zu geben und sich dabei verbal immer wieder nach Rechtsaußen verirrt oder für den türkischstämmigen Erol mit deutschem Pass.

So fordert Matthias für die deutschen Vereinsmitglieder einen großen Grill. Die Türkenwürste dagegen dürften auf einem separaten, kleinen und alten Rost zubereitet werden. Oturan, der Moslem und beste Tennisspieler im Verein, möchte zunächst gar keinen eigenen Grill und somit auch gar keine „Extrawurst“ gebraten bekommen. Doch nach all den Anfeindungen besteht er auf einen zweiten Grill, ebenso groß und leistungsstark wie der der deutschen Vereinsmitglieder.

Die heile Vereinswelt, wie sie sich Vorsitzender Dr. Heribert Bräsemann mit Blick auf das erfolgreiche Mixed-Doppel Melanie und Erol, die schon bald um den Landestitel spielen können, ist längst zerstört. Und die Protagonisten gänzlich entzweit.

Das spielstarke Team wird am Ende minutenlang mit stehenden Ovationen bedacht und stimmt fast schon enthusiastisch mit dem Publikum in ein lautstarkes „Eichhof null neun“ ein. (Mario Reymond)

„Perfektes Ensemble – authentisches Ambiente“: Interview mit den „Extrawurst“-Autoren

Die „Extrawurst“-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob – sie schrieben auch Drehbücher für „Pastewka“ und „Stromberg“ – haben nach der Premiere mit Mario Reymond gesprochen.

Wie hat Ihnen die Aufführung gefallen?

Jacobs: Eine wunderbar schnelle, tiefe Inszenierung, die auch den doppelten Boden des Stücks gut berücksichtigt und Luft zum Atmen gelassen hat. Und trotzdem konnten die Leute viel lachen. Das hat mir sehr gefallen. Auch das Ambiente in der Tennishalle, das ist authentisch.

Netenjakob: Die Authentizität ist hier viel mehr gegeben als in einem Theater. Das war eine fantastische Entscheidung der Regie. Das Ensemble war durchgängig hervorragend. Es ist ja schwierig, Pointen schon bei einer Premiere perfekt zu setzen, dass der Lacher auch kommt. Es war, wie man sich das als Autor wünscht: toll.

Woher haben Sie denn die Einblicke in die türkische Kultur?

Netenjakob: (Anm.: ist mit einer Türkin verheiratet) Deswegen hat der Dietmar, der die Grundidee hatte, mich als Co-Autor gefragt, weil ich ja tatsächlich mehr Zeit mit Türken als mit Deutschen verbringe. Viele Sätze der türkischen Person im Stück stammen aus meinem persönlichen Umfeld. So ist das dann eingeflossen.

Geht etwas von der Bühne auch auf Sie zurück, Frau Dogan-Netenjakob?

Hülya Dogan-Netenjakob: Wenn ich überhaupt einen Input für dieses Stück gegeben haben sollte, bin ich sehr stolz darauf.

Wie viel Familie steckt in „Extrawurst“?

Dogan-Netenjakob: Natürlich sprechen wir in unserer türkischen Familie, in unserer türkischen Community auch über Dinge, wie wir sie auf der Bühne erlebt haben. Heute diskutiert man so. Man stellt alles infrage.

Warum gibt es heutzutage derart viele Missverständnisse?

Jacobs: Jeder ist heute in seiner Meinung festgetackert und es wird immer extremer. Dann zerlegen sich auch bald eine Demokratie, ein Land und eine Gesellschaft. In diesem Tennisklub kann man das ganz gut exemplarisch zeigen. Das ist ja auch ein Tick alte Bundesrepublik.

Ist das Stück ein Plädoyer dafür, dass man auch mal politisch unkorrekt sein darf?

Jacobs: Ich glaube, politisch unkorrekt ist möglich. Es ist aber eher ein Plädoyer dafür, auch einmal Meinungen, die uns nicht gefallen, stehenzulassen und sie nicht bis zum Letzten durchzukämmen. Wir müssen als Gesellschaft in der Lage sein, Meinungen auszuhalten, auch wenn sie uns selber nicht gefallen.

Sie beide haben ja auch Drehbücher für „Stromberg“ und „Pastewka“ geschrieben. Wer von Ihnen ist denn der Bernd und wer der Bastian?

Netenjakob: Wir sind beide eher Pastewka als Stromberg – vom Inneren her.

Jakobs: Ja, mehr Pastewka. Wir sind hoffentlich nicht so sehr zum Fremdschämen wie Bernd Stromberg.

Netenjakob: Bastian Pastewka ist ja auch zum Fremdschämen, aber auf eine sympathische Art. Wir lieben beide Christoph (Anm.: Stromberg-Darsteller Christoph Maria Herbst). Er ist ja privat auch ganz anders. Wegen Stromberg wird er ja immer als Arschloch vorgestellt. Er ist aber in Wirklichkeit ein sehr warmherziger Mensch. Insofern identifizieren wir uns da eher mit der Privatperson. Und in Bastians Fall ist der Unterschied gar nicht so groß. Er ist ja eigentlich genau so wie seine Serienfigur.

Viel umjubelte „Extrawurst“

Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“
Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald
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Beste Unterhaltung bot das Ensemble bei der Komödien-Premiere „Extrawurst“ © Steffen Sennewald

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