Montagsinterview

Vorsitzender Ingo Klee über 70 Jahre Wirtschaftsjunioren

„Netzwerken für den Erfolg“ – Die Wirtschaftsjunioren des Kreises werden am 3. November 70 Jahre alt. Mit dem amtierenden Vorsitzenden, Ingo Klee aus Bad Hersfeld, sprach Kai A. Struthoff.

Hersfeld-Rotenburg

Ingo Klee, Vorsitzender Wirtschaftsjunioren, Bad Hersfeld
Haben die Wirtschaftsjunioren trotz der Corona-Krise Grund zum Feiern?
Ja, durchaus, denn unser Verband ist zugleich einer der ältesten in Hessen. Wir fördern jetzt seit 70 Jahren erfolgreich den Austausch und die Entwicklung junger Unternehmer und Führungskräfte vor Ort. Von Anfang an mit unserem Partner der IHK. Das ist schon Grund zum Feiern.
Unser Kreis scheint bislang ganz gut durch die Corona-Krise gekommen zu sein. Sehen das die Wirtschaftsjunioren auch so?
Die Stärke des Wirtschaftsstandorts Hersfeld-Rotenburg resultiert aus einem guten Branchenmix. Gerade Logistiker wie Amazon und die Baubranche haben in den vergangenen Monaten eine gute bis sehr gute Auslastung gemeldet. Ungeachtet dessen ist ein Teil der regionalen Wirtschaft immer noch stark betroffen – manche Branchen leiden überproportional, zum Beispiel die Veranstaltungswirtschaft, Gastronomie und Reisedienstleister.
Mit welchen Problemen haben die Firmen hier zu kämpfen?
Der lokale Einzelhandel hatte leider auch schon vor der Pandemie mit sinkenden Kundenzahlen zu kämpfen. Der Großteil der Unternehmen hier beklagt Umsatzrückgänge. Um das zu kompensieren, mussten neue Unternehmensfelder erschlossen werden. Ein Umdenken hat auch in der Region stattgefunden. Das hat dazu geführt, dass auch hier bei uns viel digitalisiert wurde und die Arbeit im Homeoffice zugenommen hat. Für viele alt-eingesessene Unternehmen war das anfangs undenkbar. Manche Jobs können aber nicht von zu Hause aus durchgeführt werden, beispielsweise der Maschinenbau. Die Krise hat auch einen positiven Wandel bewirkt, denn die Digitalisierung spart Kosten, aber anderseits bleiben eben bei vielen die Umsätze aus.
Funktioniert denn die Heimarbeit bei uns tatsächlich: Stichwort schnelles Internet?
Die Initiative Breitband Nordhessen hat in vielen Dörfern und Städten deutliche Verbesserungen der Übertragungsgeschwindigkeiten gebracht. Es ist noch nicht alles optimal, aber immerhin ist jetzt Homeoffice vielerorts überhaupt möglich. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber wir appellieren an die Politik, dass das schnelle Internet weiter ausgebaut wird, denn das ist die Zukunft. Ein Industriegebiet mit weniger als 8 Mbit/s Internetgeschwindigkeit nahe einer aufstrebenden Gemeinde, Funklöcher aufgrund fehlender Funkmasten etwa in Friedewald-Motzfeld, Ronshausen-Machtlos und Hohenroda-Ransbach – das darf nicht sein.
Gibt es weitere politische Forderungen von den jungen Wirtschaftsvertretern?
Wir wollen den Standort Deutschland weiterentwickeln, vor allem auch eher ländliche Regionen wie hier in Hersfeld-Rotenburg. Unsere Wettbewerbsfähigkeit muss erhalten bleiben. Außerdem ist es uns wichtig, Konzepte zu finden, um Beruf und Familie zu vereinen. Auch Unternehmensgründungen und die Nachfolgeregelung in Firmen muss gesichert werden.
Viele Firmen suchen Nachfolger für die ausscheidenden Chefs. Wie kann man es attraktiver machen für junge Leute, eine Firmennachfolge anzutreten?
Auch dabei spielt eine moderne Infrastruktur eine ganz wichtige Rolle, um Unternehmen effektiver und transparenter zu gestalten, um für nachfolgende Generationen die Unternehmensfolge zu sichern. Damit macht man Unternehmen auch attraktiver für potenzielle Nachfolger. Die ausscheidenden Chefs müssen dann aber auch loslassen wollen, um jungen Leuten die Firmennachfolge zu überlassen.
Ein Problem ist der Fachkräfte und Azubi-Mangel. Als Wirtschaftsjunioren sind Sie vom Alter her ja dicht dran an der relevanten Gruppe. Welche Konzepte haben Sie?
In diesem Bereich sind wir bundesweit sogar sehr aktiv. Wir haben verschiedene Kampagnen, um junge Leute in Betriebe zu holen und ihnen Lust auf eine Ausbildung zu machen. Ich nenne nur „Jugend stärken, Zukunft gestalten“, das „Ausbildungs-Ass“ „Ein Tag Azubi“ oder „Schüler als Bosse“, oder „Jugend gründet“, um Jugendliche ins Berufsleben zu integrieren und bei der Ausbildungsplatzsuche zu unterstützen. All das könnte aber noch viel besser funktionieren, dazu müssten aber auch die Schulen und Institutionen vor Ort neue Ideen und Strukturen zulassen.
Wie ist es denn mit dem Nachwuchs bei den Wirtschaftsjunioren bestellt?
Nachwuchssorgen haben uns in der Vergangenheit schwer beschäftigt. Dennoch hatten wir in diesem Jahr trotz Corona einen starken Zuwachs an Mitgliedern – auch dank guter Öffentlichkeitsarbeit. Dadurch sind wir bekannter geworden. Wir haben auch immer mehr Frauen, die bei uns, auch in Führungspositionen, mitarbeiten und eigene Projekte realisieren.
Warum lohnt es sich, bei den Wirtschaftsjunioren mitzumachen?
Weil wir ein belastbares Netzwerk sind. Weil wir das Unternehmertum in der Region fördern wollen, und weil man sich bei uns durch Fortbildungen, Kurse und Trainings auch persönlich weiterentwickeln kann. Bei uns kann man sich deutschland- und auch weltweit vernetzen, denn international heißt unser Verband JCI, das steht für Junior Chamber International.

Zur Person

Ingo Klee (31) wurde in Bad Hersfeld geboren und hat an der Konrad Duden Schule die Mittlere Reife erlangt. Nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und einer Fortbildung zum Handelsfachwirt hat Klee zunächst bei einem regionalen Genossenschaftsverband gearbeitet. Inzwischen ist er im Vertrieb des mittelständischen Telekommunikationsunternehmens Ostertag DeTeWe in Frankfurt beschäftigt. Klee lebt in Frankfurt, er ist ledig und hat keine Kinder. Seit vier Jahren bei den Wirtschaftsjunioren in Hersfeld-Rotenburg und auch in Frankfurt aktiv.

„Die junge Stimme der regionalen Wirtschaft“

Die Wirtschaftsjunioren Hersfeld-Rotenburg wurden am 3. November 1950 gegründet. Die derzeit 85 Mitglieder sind Unternehmer, Selbstständige, Freiberufler und Führungs- und Führungsnachwuchskräfte aus allen Bereichen der Wirtschaft und bilden ein belastbares Netzwerk. Sie sind ehrenamtlich tätig und unterstützen sich gegenseitig durchs Netzwerken. Man trifft sich bei einem monatlichen Stammtisch und anderen Veranstaltungen. Die Wirtschaftsjunioren verstehen sich als Stimme der jungen Wirtschaft. Der Kreisverband ist Mitglied bei den Wirtschaftsjunioren Deutschland, die mit mehr als 10 000 Mitgliedern den größten deutschen Verband von Unternehmern und Führungskräften unter 40 Jahren bilden. Ältere Fördermitglieder sind ebenfalls zugelassen. » Infos und Kontakt: wj-hef-rof.de

(Von Kai A. Struthoff)

Rubriklistenbild: © Ingo Klee

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