„Wer spaltet, der schwächt“ - Interview mit Stefan Körzell, Mitglied des DGB-Bundesvorstands

Auf Achse: Gewerkschafter Stefan Körzell arbeitet unter der Woche in Berlin und lebt an den Wochenenden in Bad Hersfeld. Foto: nh

Bad Hersfeld. Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Dies hat die HNA zum Anlass genommen und ein Telefoninterview mit dem Bad Hersfelder Stefan Körzell, Mitglied des geschäftsführenden DGB-Bundesvorstands, geführt.

Hallo, wo erwische ich den Bad Hersfelder gerade?

Stefan Körzell: In Tunis am Flughafen. Ich habe Bundespräsident Joachim Gauck auf seinem Staatsbesuch begleitet und Gespräche mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverband geführt. Außerdem habe ich mir einen Betrieb angesehen, der Kabelbäume für die deutsche Automobilindustrie herstellt.

Was hat denn ein Staatsbesuch mit Gewerkschaftsarbeit zu tun? 

Körzell: Hier geht es darum, nach der friedlichen Revolution die Zivilkräfte zu stärken. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften (hier besonders die UGTT) haben in Tunesien eine bedeutende Rolle während des arabischen Frühlings gespielt und für einen friedlichen Verlauf gesorgt. Beide Vorsitzende waren 2014 auch für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Oft werden Tarifverträge nur noch für Mitglieder ausgehandelt. Ist das soziale Gerechtigkeit? 

Körzell: Das spiegelt nur das wider, was im Gesetz steht. Wir handeln mit Arbeitgebern, die in Verbänden organisiert sind, Tarifverträge aus. Die gelten nur für Gewerkschaftsmitglieder. Wenn es für Organisierte mehr gibt, dann ist das eine On-Top-Regelung. Das ist gerechtfertigt und vom Bundesarbeitsgericht bestätigt worden.

Immer mehr Unternehmen verlassen die Tarifbindung. Werden so Gewerkschaften über kurz oder lang nicht überflüssig? 

Körzell: Nein, das glaube ich nicht. Die Bundesregierung hat gerade das Tarifautonomiestärkungsgesetz verabschiedet, um das umzukehren. Unternehmen, die nicht tarifgebunden sind, werden Probleme bekommen, Fachkräfte zu rekrutieren, weil die Menschen zu organisierten Betrieben gehen. Dort werden sie in der Regel besser entlohnt. Auch die tariflichen Leistungen wie Urlaubs-, Weihnachtsgeld und mehr Urlaubstage geben da sicher den Ausschlag.

Aber der 1. Mai ist doch für viele nur noch Anlass zum Radeln und Grillen, oder? 

Körzell: Der 1. Mai ist nach wie vor der Tag, an dem die Gewerkschaften ihre berechtigten Forderungen formulieren. Der 1. Mai hat auch im 125. Jahr seine Berechtigung nicht verloren, weil es noch immer soziale Ungerechtigkeit gibt. Wir müssen weiter eine starke Rolle im Konzert mit Arbeitgebern und Bundesregierung spielen. Denn die Kluft zwischen Arm und Reich wird auch in Deutschland immer größer. Daher sollte man vor dem Grillen die bestehenden Ungerechtigkeiten anprangern.

Viele Gewerkschaftsaktionen versteht heute schon kein Mensch mehr. Bestes Beispiel sind die Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Da betreibt Claus Wesselsky doch reinen Populismus… 

Körzell: Die GDL ist keine DGB-Gewerkschaft. Für den DGB gilt: Ein Betrieb gleich ein Tarifvertrag. Wir kümmern uns um alle Beschäftigten. Diesen Weg verlässt die GDL und spaltet die Belegschaft. Dies ist nicht unser Weg, denn Spaltung bedeutet immer Schwächung.

Wie blickt der ehemalige Betriebsrat der Rotenburger Metallwerke auf seine Heimat und den dort seit Monaten geführten Arbeitskampf bei Amazon in Bad Hersfeld, um einen Tarifvertrag zu erzwingen? 

Körzell: Das schlechte Amazon-Beispiel darf nicht Schule machen. Die Einsicht, den Tarifvertrag des Einzelhandels zur Anwendung zu bringen, sollte beim Weltmarktführer im Online-Handel reifen. Es müssen die richtigen Tarifverträge gelten und nicht die, die man sich aussucht. Ich wünsche der Belegschaft und Verdi viel Erfolg.

Hat man sich als Gewerkschaft mit einem amerikanischen Unternehmen da nicht den falschen Gegner ausgesucht? 

Körzell: Nein. Wir suchen nicht nach Nationalitäten aus. Wer in Deutschland Menschen für sich arbeiten lässt, hat sich an deutsche Gegebenheiten anzupassen und nicht andersherum. Ford in Köln und Saarlouis lässt auch zu hier geltenden Tarifverträgen der Metallindustrie arbeiten. Und Ford ist auch ein US-Unternehmen. Es darf also keine Lex Amazon geben. Wenn das Schule macht, wird das deutsche Sozial- und Tarifvertragsmodell in Frage gestellt und damit auch der soziale Friede.

Was machen Sie heute? 

Körzell: Da spreche ich in Neumünster auf der Kundgebung des DGB und danach wird gefeiert. Dazu gehören Wurst und Bier und weil wir in Schleswig-Holstein sind, vielleicht auch ein Fischbrötchen.

Von Mario Reymond

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