Experte für Platt

Werner Henkel im Interview: „Mundart ist meine Muttersprache“

+
Mundart ist in aller Munde: Sie suchen das Mundart-Wort der Region: Werner Henkel (vorn, sitzend), dahinter von links Hildegard Thon, Wilfried Apel und Bernd Löwenberger zusammen mit Henner und Marie. 

Mundart ist ein Teil unserer Heimat, sie gibt uns Identität. Trotzdem stirbt der heimische Dialekt langsam aus.

Deshalb sucht unsere Zeitung in den nächsten Wochen das Mundart-Wort unseres Kreises. Zum Auftakt unserer Leseraktion hat Kai A. Struthoff mit dem Mundart-Experten und pensionierten Lehrer Werner Henkel gesprochen.

Herr Henkel, erklären Sie uns doch zunächst bitte mal den Unterschied zwischen Mundart, Dialekt und Platt?

Ich sehe da keinen großen Unterschied. Beides sind Ur- bzw. Unterformen einer Sprache. Anders ist es beim Plattdeutschen oder beim Bayerischen, die sehe ich eher als eigene Sprachen in größeren Regionen. Mundart haben wir eher hier bei uns - von Dorf zu Dorf. Und die wird mit den älteren Menschen irgendwann aussterben, weil Sprechpartner fehlen.

Wir wollen ja das Mundartwort des Kreises Hersfeld-Rotenburg suchen. Ist das eigentlich möglich, denn irgendwie reden doch alle von Tal zu Tal etwas anders?

Trotzdem gibt es Ausdrücke, die man überall versteht, z.B. im Bereich des Schimpfens, des Sich-Beschwerens. Wenn es allerdings um richtige Unterhaltungen in Mundart geht, dann wird das sicherlich etwas schwieriger, denn da sind die Sprechweisen enger begrenzt.

Wir leben heute in einer sehr mobilen Gesellschaft. Wie war das wohl früher, wenn jemand etwa aus Kirchheim auf den Markt in Rotenburg gekommen ist. Hat man sich trotzdem verstanden?

Das glaube ich ganz bestimmt. Wir haben uns ja bereits 2010 für ein Buchprojekt mit der Mundart in der Region beschäftigt. Ich bin damals mit meiner Cousine unterwegs gewesen. Wir haben an Türen geklingelt und dann sofort unser Platt gesprochen. Die meisten haben auch auf Platt geantwortet - uns also verstanden. Wer das nicht getan hätte, den hätten wir für dieses Mundartbuch allerdings auch nicht interviewt. Wer auf Platt nicht mit Platt reagiert, den kann man dafür eben nicht nehmen.

Wie hat sich denn die Mundart in den Jahren entwickelt?

Einige urtümliche Begriffe aus den eng begrenzten Mundarten haben sich inzwischen schon etwas überholt. Ich benutze noch gern die alten Ausdrücke, weil ich das von meiner Großmutter so gewohnt bin. Zum Beispiel „naechte“ für gestern oder „elaest“ für neulich. Da gucken mich allerdings manche schon komisch an. Wer von Geburt an Mundart spricht, kann sich diese Ausdrücke sicherlich leichter erschließen.

Mundart ist gesprochene Sprache. Kann man die überhaupt verschriftlichen?

Ich habe das immer wieder versucht, um Gedichte und Ausdrücke überhaupt festhalten zu können. Früher war es ja nicht so einfach wie heute, derartige Dinge festzuhalten. Aber eigentlich kann man Mundart nur hören und durch Tonaufnahmen weitergeben. Einen Duden für unsere Mundart kann es nicht geben, selbst ein Wörterbuch wäre vergebliche Liebesmühe.

Woran liegt es, dass immer weniger Menschen Mundart sprechen?

Ich habe den Verdacht, dass bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg viele Lehrer von außerhalb der Region kamen. Die haben die Kinder, die sie unterrichten sollten, nicht verstanden. Damals muss dann wohl auch die Parole aus den Schulen gekommen sein: Wer platt schwatzt, der schreibt falsch. Deshalb wurde dann in vielen Haushalten mit den Kindern plötzlich Hochdeutsch gesprochen. Dabei hat die Rechtschreibung damit nichts zu tun, sonst müssten ja alle Mundartsprecher z.B. in Bayern oder Norddeutschland falsch schreiben.

Lässt die Verwendung von Mundart womöglich auch einen Rückschluss auf den Bildungsgrad eines Menschen zu?

Nein, das glauben vielleicht manche, aber das stimmt nicht. Es ist ja heute sogar chic, wenn man Mundart spricht.

Ist es nicht ein Widerspruch, dass Bands wie BAP oder die Rodgau Monotones mit Mundart Erfolge feiern und Dialekte auch im Kabarett populär sind, aber in der Öffentlichkeit nur wenig Mundart gesprochen wird?

Das liegt wohl an der Art der Mundart. Kölsch etwa wird in weiten Regionen verstanden, unsere Mundarten hier hingegen sind eng begrenzt, deshalb ist es schwieriger, den Menschen etwas so zu vermitteln.

Sie waren ja früher Lehrer. Wären Sie dafür, Mundart wieder als Schulfach einzuführen?

Ich habe das selbst gemacht. Schon in den 1980er Jahren gab es an der Gesamtschule Schenklengsfeld Mundart-Kurse, für die sich auch eine ganze Menge Kinder gemeldet haben. Aber es ist eigentlich ziemlich sinnlos. Ich habe mit den Schülern grundsätzlich platt gesprochen, aber sie haben mir immer nur hochdeutsch geantwortet. Das lag aber vielleicht auch daran, dass die Kinder nicht wussten, mit wem sie etwa zu Hause platt reden sollten.

Sie haben sich zeitlebens sehr intensiv mit dem Thema Mundart beschäftigt, Sie haben Bücher darüber gemacht und treten mit Mundart-Programm auf. Was reizt Sie ganz persönlich so daran?

Nun, ich bin so aufgewachsen und spreche schon immer mit allen Mundart. Das ist meine Muttersprache. Das Hochdeutsche brauchte ich z.B. für meinen Beruf. Aber sonst gucke ich sehr genau, in welchem Alter die Menschen sind, denen ich begegne. Und die spreche ich dann auf Mundart an. Manche antworten dann hochdeutsch, wer aber Mundart kann, der geht sofort darauf ein.

Herr Henkel, was meinen Sie, wird es in 20 Jahren noch Mundart geben?

Nein, das glaube ich nicht. Es werden vermutlich einige überlieferte Ausdrücke überleben - das ist ja auch der Sinn unserer gemeinsamen Mundart-Aktion - aber aktiv sprechen werden es dann wohl nur noch ganz wenige.

Die Hersfelder Zeitung und die HNA Rotenburg-Bebra suchen das Mundartwort des Kreises Hersfeld-Rotenburg. Dazu brauchen wir die Hilfe unserer Leser! Welche Mundart-Wörter des heimischen Dialekts Ihres Ortes, Ihrer Region liegen Ihnen besonders am Herzen. Welche Ausdrücke benutzen Sie in Ihrer Familie, die vielleicht schon von den Eltern und Großeltern überliefert wurden? 

Schicken Sie uns Ihre Lieblings-Mundartwörter (bitte pro Leser nur maximal drei Wörter oder Ausdrücke) mit einer kurzen Erklärung, was das Wort bedeutet und warum es Ihnen besonders am Herzen liegt. Bitte vergessen Sie nicht Ihren Namen, Alter, Beruf und Ihren Wohnort. Wenn Sie möchten, können Sie uns auch gern ein Porträtfoto (Handyfoto in hoher Auflösung reicht) schicken. In loser Folge veröffentlichen wir Ihre Lieblingsmundart-Wörter (siehe Beispiel links). Aus allen Einsendungen wählt unsere Experten-Jury mit Hildegard Thon (Weiterode), Werner Henkel (Schenklengsfeld), Wilfried Apel (Mecklar) und Bernd Löwenberger (Kirchheim) das Mundartwort des Kreises Hersfeld-Rotenburg aus. 

Senden Sie Ihr Lieblingsmundart-Wort am besten per E-Mail an redaktion@hersfelder-zeitung.de oder rotenburg@hna.de; Stichwort: Mundart oder per Post an unsere Redaktion, Benno-Schilde-Platz 2, 36251 Bad Hersfeld.

Quelle: Hersfelder Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.