Montagsinterview

„Wir haben auch gelebt“: Autor  Eugen Ruge zu „Bad Hersfeld liest ein Buch“

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Eugen Ruge in seiner Wohnung im Be rliner Bezirk Prenzlauer Berg. 

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ steht im Mittelpunkt der Literaturveranstaltung „Bad Hersfeld liest ein Buch“. Im Montagsinterview spricht Autor Eugen Ruge über den Roman.

Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ steht im Mittelpunkt der Literaturveranstaltung „Bad Hersfeld liest ein Buch“. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Autor über Ost-West-Unterschiede, den Mauerfall und die Spannung vor seinem Besuch in der Kreisstadt.

Herr Ruge, wo und wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Das ist ganz langweilig. Ich war ja schon im Westen, in Krefeld. Dort hat mich ein Freund angerufen, und ich bin mit dem Fahrrad zu ihm gefahren und habe den Mauerfall im Fernsehen angesehen. Aber ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht an Bilder, die man üblicherweise vom Mauerfall kennt, sondern eher an die typische Nachrichtenflaute nach Großereignissen. Die Reporter standen an den Grenzübergängen und warteten darauf, dass die Trabis kommen. Dort war aber zunächst gähnende Leere. Es ist halt so, dass die mediale Welt in gewisser Weise die reale Welt beeinflusst. Denn wenn die Leute im Fernsehen sehen, dass die Reporter da stehen und warten, dann setzen sie sich in die Trabis und fahren auch los. Ich will damit aber nicht sagen, dass die westlichen Medien schuld am Untergang der DDR sind. (lacht)

Wir sind heute heute 30 Jahre weiter. Wie hat sich das Verhältnis von Ossis und Wessis in dieser Zeit entwickelt?

Es ist ja doch so, dass die DDR angeschlossen wurde. Sie wurde von der westlichen Bürokratie und von der westlichen Wirtschaft und vom westlichen System übernommen - auch personell. Natürlich hat das Auswirkungen. Die Leute haben schon das Gefühl, dass es eine Übernahme war. Und das geht so lange gut, so lange alle zufrieden sind. Aber es wird dann zum Problem, wenn nicht alle zufrieden sind. Und ich glaube, die Unzufriedenheit kommt gar nicht so sehr aus der materiellen Ungleichheit, die es auch gibt. Das Hauptproblem ist, glaube ich, dass sich die ehemaligen DDR-Bürger öffentlich nicht angemessen repräsentiert fühlen.

Das meint wohl auch der Spiegel-Autor Alexander Osang, der sich in einem Essay dagegen verwahrt hat, als Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble für die Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen plädiert hat. Osang wollte sich sein im Osten gelebtes Leben nicht „absegnen“ lassen.

Ja, denn ob er will oder nicht, macht Schäuble sich hier zur Instanz, die die Lebensleistung der DDR beurteilt.

Sie sind jetzt im Prenzlauer Berg zuhause, ein Bereich, der sich seit der Wende stark verändert hat.

Hier widerspiegelt der Elite-Wechsel besonders deutlich, oder das, was ich schon gesagt habe über Vereinigung oder Anschluss. Hier sind Leute verdrängt worden. Massiv. Jetzt herrscht hier eine westlich dominierte soziale Homogenität. Und das erlebe ich auch. Die Leute kleiden sich nach denselben Regeln, haben alle den gleichen Habitus. Mit 65 und grauen Haaren wird man hier schon fast als Alien wahrgenommen.

Mit Ihrem neuen Roman „Metropol“ stehen Sie auf der Bestsellerliste. Da kommt Bad Hersfeld um die Ecke und will sich mit Ihrem acht Jahre alten Erstling beschäftigen. Was haben Sie gedacht?

Ich wollte daraus eigentlich nicht mehr lesen. Wenn aber eine Stadt ein Buch liest, ist das eine andere Situation. Wenn ich das Gefühl habe, dass sich Menschen mit meinem Buch intensiver beschäftigen, als das normalerweise üblich ist, mache ich natürlich gerne eine Ausnahme.

Mit welcher Intention haben Sie das Buch damals geschrieben? Ist es ein Stück Vergangenheitsbewältigung?

Das Wort Bewältigung, ich weiß nicht, ob es auf mich passt. Was hatte ich denn zu bewältigen? Ich war nicht schuldig geworden. Ich war kein Opfer, jedenfalls nicht mehr als andere in einem repressiven System. Was hatte ich also zu bewältigen? Ich glaube, ich hatte das Gefühl, etwas richtig stellen zu müssen. So wie Alexander Osang es auch gesagt hat. Ich wollte den Westdeutschen erzählen: Ja, wir haben auch gelebt. Wir waren nicht irgendwelche seltsamen Tiere im Zoo. Wir hatten ein Leben, und dieses Leben war, wie es war. Ohne das zu werten, nicht besser und nicht schlechter. Das war auch eine Art Selbstvergewisserung, und das haben die DDR-Leser auch so empfunden.

In Bad Hersfeld werden sich nicht nur Erwachsene mit Ihrem Roman beschäftigen, sondern auch junge Menschen, die erst lange nach der Wende auf die Welt gekommen sind. Sind Sie gespannt auf deren Sichtweisen?

(lacht) Ja, ängstlich gespannt. Weil ich nicht weiß, was junge Menschen mit diesem Buch anfangen, insbesondere, wenn sie es in der Schule lesen müssen. Vielleicht wird das Buch auch missverstanden, und dann würde ich mich schuldig fühlen oder zumindest dafür verantwortlich. Denn ich hätte schon ganz gerne ein Buch geschrieben, das die Menschen so verstehen, wie ich es meine.

Also denken wir positiv...

Ja, vielleicht passiert auch das Gegenteil und ich bin überrascht, wie gut ich verstanden werde ...

Was wünschen Sie sich für die Zukunft, wenn Sie an die Ost-West-Kategorie denken?

Na ja, ich wünsche mir gar nicht, was die meisten wünschen, nämlich dass die Unterschiede möglichst schnell verwischt werden. Das halte ich gar nicht für nötig. Ich finde, Unterschiede sind nichts Schlimmes. Sie sind interessant, eine schöne Sache. Es geht ja nicht darum, dass alle gleich sind, sondern zum Beispiel darum, dass alle gleiche Chancen haben. Und es geht auch nicht darum, dass die Ostdeutschen so werden wie die Westdeutschen, sondern auch darum, dass wir uns in unserer Unterschiedlichkeit begreifen, respektieren und würdigen. 

Zur Person

Eugen Ruge (65) ist der Sohn des DDR-Historikers Wolfgang Ruge, der von den sowjetischen Machthabern in das sibirische Lager 239 deportiert worden war; seine Mutter ist Russin. Ruge kam im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern nach Ost-Berlin. Nach dem Mathematikstudium wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1986 begann er als Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Drehbuchautor zu arbeiten. 1988 siedelte er in die Bundesrepublik über. 2011 debütierte er als Romanautor mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, für den er den Deutschen Buchpreis erhielt. Eugen Ruge ist Vater von vier Kindern und lebt in Berlin. ks

Quelle: Hersfelder Zeitung

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