Bauhütte Gießen kauft „Geburtsstätte“ des Computers

Überraschende Wende: Bad Hersfelder Zuse-Scheune soll saniert werden

Die Zuse-Scheune von oben: Das Foto entstand vom Balkon einer Wohnung in den Zuse-Höfen und zeigt die zentrale Lage, aber auch den baufälligen Zustand vor allem der Giebelseite des alten Gebäudes.
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Die Zuse-Scheune von oben: Das Foto entstand vom Balkon einer Wohnung in den Zuse-Höfen und zeigt die zentrale Lage, aber auch den baufälligen Zustand vor allem der Giebelseite des alten Gebäudes.

Der Architekt Björn Trieschmann von der Bauhütte Gießen hat die Bad Hersfelder Zuse-Scheune erworben und will sie sanieren.

Bad Hersfeld – Überraschende Wende im Ringen um die Zukunft der maroden Zuse-Scheune in Bad Hersfeld: Der Architekt Björn Trieschmann von der Bauhütte Gießen hat das alte Gebäude von Investor Ingo Sauer für einen „mittleren fünfstelligen Betrag“ erworben.

Der auf die Sanierung von denkmalgeschützten Baudenkmälern spezialisierte Architekt will die alte Remise fachgerecht sanieren und danach gewerblich und museal nutzen.

Trieschmann, der aus Heringen stammt, verfolgt das „Drama um die Zuse-Scheune“ seit Jahren und hatte bereits vor geraumer Zeit mit Ingo Sauer über einen möglichen Verkauf verhandelt. Sein Büro „studioaw“ hat neben Neubauten die Denkmalpflege und das energetische Bauen als Schwerpunkte. Das Team umfasst mehrere Architekten der Denkmalpflege und verfügt über Kontakte zu Handwerkern, die Erfahrung mit Lehmdämmung, Fachwerk und Restaurationen haben.

Björn Trieschmann (43)

Trieschmann arbeitet eng mit der Landesdenkmalpflege zusammen, auf deren Unterstützung er auch bei der Sanierung der Zuse-Scheune setzt und verweist auf Referenzobjekte in ganz Hessen, wie die Mountain Lodge in Oberursel oder die Alte Molkerei in Alsfeld. Anders als in dem der Abrisserlaubnis des Verwaltungsgerichts in Kassel zugrunde liegenden Gutachten, hält Trieschmann eine Sanierung für möglich. Allerdings ist das kein billiges Unterfangen: Bis zu 4000 Euro pro Quadratmeter könnten bei dem insgesamt 500 Quadratmeter großen Gebäude anfallen. Dank guter Kontakte und eigenen Handwerkern geht Trieschmann von einer deutlich niedrigen Summe für eine „Sanierung auf elegante Art“ aus. So denkt er über eine Glas-Außenwand nach, die die völlig kaputte Giebelfassade zu den benachbarten Zuse-Höfen ersetzen könnte. Rund acht Monate veranschlagt Trieschmann für die Sanierung.

Danach denkt er an eine teilgewerbliche Nutzung des Obergeschosses sowie einen musealen Teil im Untergeschoss, der an den Vater des Computers Konrad Zuse erinnern soll (siehe Hintergrund). Hier hofft er auf eine Zusammenarbeit mit dem „wortreich“.

Tuchfabrik Rehn war „Wiege“ des Computers

Die sogenannte Zuse-Scheune ist Teil der früheren Textilfabrik Rehn, deren Hauptgebäude für den Bau der Zuse-Höfe abgerissen wurden. Die Firma Rehn bestand bis 1956, ab 1957 hatte Computerpionier Konrad Zuse die Fabrik zur Unterbringung seiner Computerfertigung gemietet. Im weitesten Sinne wurde also in der Zuse-Scheune der Computer entwickelt, was das Gebäude, das zwischen 1865 und 1930 entstanden ist, gewissermaßen zur Wiege des Computers macht.

Neue Hoffnung für altes Haus

Zwei Bewohnerinnen der Wohnungen in den Zuse-Höfen sind die ersten, die von der Hersfelder Zeitung beim Fototermin vom Verkauf der Zuse-Scheune und den Plänen des neuen Besitzers erfahren. Sie freuen sich, dass der jetzige „Schandfleck“ nun hoffentlich saniert und sinnvoll genutzt wird.

Auf den ersten Blick scheint das Unterfangen hoffnungslos. Die Giebelseite der alten Remise ist mit Plastikplanen abgehängt, die Scheiben sind zerborsten, von den Fensterläden blättert die Farbe, in den Balken steckt der Pilz. Trotzdem ist der neue Besitzer optimistisch, dass die Sanierung gelingt: „Klar, das Gebäude ist in einem üblen Zustand, aber wenn es saniert wird, dann wird der Anblick auch für die Anwohner ganz nett“, verspricht Architekt Björn Trieschmann.

Er arbeitet mit Handwerkern zusammen, die sich auf alte Baudenkmäler spezialisiert haben. „Weichholzfachwerk kann man gut sanieren, das ist nicht so dramatisch“, sagt Trieschmann zuversichtlich. Von der Bauweise sei die Zuse-Scheune eigentlich nichts besonders, sondern ein „billiger Zweckbau“ aus damaliger Zeit. Trieschmann sagt: „Ich habe ein Herz für alte Baudenkmäler“. Ihm geht es um dem „Symbolwert des Gebäudes“ als Wirkungsstätte von Computer-Pionier Konrad Zuse und als Geburtsstätte des Computers.

In den Räumlichkeiten der einstigen Tuchfabrik Rehn in Bad Hersfeld hatte die vom Hünfelder Erfinder Zuse 1949 in Neukirchen gegründete Zuse KG ab 1957 ihre Rechner gefertigt. Der von Konrad Zuse im Jahr 1941 entwickelte Z3 gilt als der erste funktionsfähige Computer der Welt.

Deshalb soll in dem Gebäude auch eine kleine Ausstellung, vielleicht in Verbindung mit einem Café, an Zuse erinnern. Trieschmann hofft dabei auf eine Zusammenarbeit mit dem „wortreich“ in dem ein original Z3-Computer ausgestellt ist. Die Stadt hat zurückhaltend auf die Nachricht von Verkauf der Zuse-Scheue reagiert. Wie berichtet, hatte der Magistrat darauf verzichtet, Rechtsmittel gegen die Abrisserlaubnis des Verwaltungsgerichts in Kassel einzulegen, weil man ein jahrelanges Verfahren vermeiden wollte. „Selbstverständlich sind wir aber zu Gesprächen mit dem neuen Eigentümer und zur Zusammenarbeit bereit“, erklärte Rathaus-Sprecher Meik Ebert auf Anfrage der HZ. Ingo Sauer, der frühere Eigentümer der Zuse-Scheune, wollte sich nicht zu dem Verkauf äußern.

Weitere Infos über das Architekturbüro Trieschmann unter: studioaw.de

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