Wochenendkolumne

Zwischen den Zeilen: Trauer, Wahlkampf und das Netz

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Kai A. Struthoff

Um Trauer und Medienkritik sowie den digitalen Wahlkampf dieser Tage geht es in der aktuellen Kolumne von Kai A. Struthoff.

Kürzlich habe ich eine E-Mail bekommen, die mich sehr berührt hat. Eine Frau, die selbst im Pflegebereich arbeitet, berichtete vom einsamen Corona-Tod ihrer Großmutter im Krankenhaus. „Wir konnten ihr nicht helfen und nicht ihre Hand halten“, schreibt sie und kritisiert, dass die Medien zu wenig über die angespannte Lage in den Seniorenheimen berichten, sondern vielmehr den Impfstart feiern. „Wir haben Besuchsverbot, der Landrat pflegt die Selbstdarstellung, und wir werden belogen“, lautete ihr bitteres Resümee.

Bei allem Mitleid und Verständnis für Schmerz und Wut: Der Impfstart wurde von den Medien nun wirklich nicht gefeiert, sondern sehr kritisch begleitet. Über die wirklichen Zustände in den Seniorenheimen erfahren aber auch wir nur hinter vorgehaltener Hand, denn kaum einer will öffentlich eingestehen, wie verzweifelt die Lage oft ist: erkranktes Personal, einsame, verängstigte Bewohner und das sehnsüchtige Warten auf den rettenden Impfstoff. Davon zeugt auch der neuerliche Aufruf des Kreises, dass freiwillige Helfer für die Heime gesucht werden. Umso unverständlicher ist es für mich, dass sich so viele Pflegekräfte selbst nicht impfen lassen wollen.

Unter normalen Umständen hätte spätestens mit dem Ende der Weihnachtsferien der Kommunalwahlkampf begonnen. Aber abgesehen von einigen Scharmützeln via Pressemitteilung spürt man nicht viel davon, dass in zwei Monaten gewählt werden soll. Stattdessen werden auch bei uns die ersten Stimmen laut, die eine Verlegung der Kommunalwahl fordern, so etwa von Hans Ries, dem Ex-Bürgermeister von Heringen, und aus anderen Gemeinden – Thüringen hat es mit der Landtagswahl ja vorgemacht. Noch allerdings hält das Land Hessen offenbar am Wahltermin fest, wie wir hören. Ohnehin stimmen bei der Kommunalwahl wegen des komplizierten Verfahrens ja immer viele per Briefwahl ab.

Trotzdem ist die Lage für die Parteien äußerst misslich. Diskussionsveranstaltungen, Infostände in der Fußgängerzone, Haustürwahlkampf – all das ist nicht möglich. Was bleibt, sind Online-Angebote, die allerdings den persönlichen Kontakt nicht ersetzen können. Als Zeitung werden wir versuchen, das Informationsbedürfnis so gut wie möglich zu stillen. Aber ein klassisches Wahlforum mit Zuhörern und Leserfragen können auch wir nicht veranstalten. Schade, denn eigentlich sind auch für Journalisten Wahlkämpfe immer ein Highlight.

Zumal es auch in diesem Jahr wieder viele spannende Konstellationen auf lokaler Ebene gibt. Überall und gerade auch in den kleinen Gemeinden schießen Bürgerlisten wie etwa „Zukunft Miteinander“ in Schenklengsfeld aus dem Boden, die den etablierten Parteien oft das Wasser abgraben. Manchmal verschwinden sie aber auch so schnell, wie sie gekommen sind. In Ludwigsau zum Beispiel treten zwei Bürgerlisten nach nur einer Legislaturperiode nicht wieder an. Nur weil dort wohl die FDP kandidieren will, kommt es nicht zur „Ein-Parteien-Regierung“ der SDP, die übrigens den Sozialdemokraten selbst nicht Recht gewesen wäre. In Niederaula hingegen bewerben sich gleich fünf verschiedene Listen um die Gunst der Wähler, sodass die Karten in der Gemeindevertretung möglicherweise neu gemischt werden. Alles sehr spannend ...

Der Wahlkampf wird also wohl digital. Ich vermisse trotzdem den persönlichen Kontakt und hoffe, Sie, liebe Leserinnen und Leser, möglichst bald gesund und munter wiederzusehen.

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