Bad Hersfelder Festspiele

Maria Radomski pendelt zwischen Rostock und Ruine

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An ihr kommt man in diesem Festspieljahr nicht vorbei: Die Schauspielerin Maria Radomski spielt in „Der Prozess“ die Aufseherin und die Sekretärin.

Maria Radomski gehört zu den Entdeckungen der Bad Hersfelder Festspiele 2019. Im "Prozess" verkörpert sie zwei sehr unterschiedliche Figuren.

An Maria Radomski kommt so leicht keiner vorbei. Das liegt zum Teil daran, dass die 1,75 Meter große Schauspielerin Boxen und Kampfsport beherrscht und früher als Türsteherin gearbeitet hat. Vor allem aber liegt es an ihrer enormen Präsenz und eindringlichen Spielweise, die Radomski zu einer echten Entdeckung des Festspielsommers machen.

In „Der Prozess“ spielt die 30-jährige Rostockerin eine Doppelrolle. Sie ist die zungenschnalzende, kühle Aufseherin im langen Ledermantel und die verliebte Sekretärin im braven Kostüm. Dabei agiert sie so wandlungsfähig, dass selbst Theaterkenner kaum merken, dass die Figuren von ein und derselben Person gespielt werden. „Deshalb habe ich mir für den Schlussapplaus extra ein paar Stifte an den Ledermantel gesteckt“, erzählt Radomski lachend.

Sie findet es „super-mutig“, dass Joern Hinkel Kafka inszeniert, den sie politisch und hochaktuell findet. Radomski ist im Wendejahr 1989 geboren und hat in einer „Platte“ in der Nähe von Lichtenhagen gewohnt – dort wo nach der Wende das Ausländerwohnheim brannte. „Ich habe noch voll die Beziehung zur DDR, ich bin anders sozialisiert,“ sagt sie. Ein festes Engagement am Stadttheater in Darmstadt hat sie auch deshalb aufgegeben, weil ihr die mecklenburgische Heimat, die Nähe zur Ostsee, fehlte. Dort lebt sie mit ihrem Partner, einem Musiker, auf einem Bauernhof, nur 15 Minuten vom Strand des Darß entfernt.

„In Darmstadt war ich für viele die Getto-Ostbraut“, erzählt sie schmunzelnd. „Ich habe nun mal ein loses Mundwerk, bin direkt, herzlich, aber nicht auf den Mund gefallen und kann mich oft nicht zügeln“. Zum Beispiel beim Thema Wiedervereinigung. Ein Ost-West-Unterschied sei immer noch spürbar, vor allem bei Gehältern, Renten, der Wirtschaft. „Der Osten wurde zu lange alleingelassen, deshalb die Wut und Angst der Menschen.“

Parallelen zur Stasi, zum Nationalsozialismus und anderen Unrechtsregimen

In Kafkas Prozess entdeckt Radomski Parallelen zur Stasi und der DDR, aber natürlich auch zum Nationalsozialismus und anderen Unrechtsregimen. „Es gibt nichts Schlimmeres als Theater, das einen nicht bewegt, über das nicht gesprochen wird“, lobt sie die Diskussion, die rund um den Festakt und die kontroverse Rede von Deniz Yücel entstanden ist.

Radomski selbst hat ihre Liebe zum Theater schon früh entdeckt. Trotzdem war der Weg zur Schauspielschule lang und steinig. Sie hat nebenbei immer wieder in allen möglichen Jobs gearbeitet – so eben auch als Türsteherin. In Rostock war sie im Jugendclub des Theaters, später Hospitantin im Theater und durfte dann einspringen, als eine Schauspielerin erkrankte.

Später war sie Regieassistentin mit Spielverpflichtung und schloss von 2011 bis 2015 ein Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelsohn Bartholdy“ in Leipzig ab. Ihre Eltern hatten keine Chance, sie von diesem Weg abzubringen. „Ich war ein eigensinniges Kind, es gab keine Diskussion.“ Jetzt sind ihre Eltern stolz auf sie und haben sich natürlich zum Festspielbesuch angesagt.

Was nach Bad Hersfeld kommt, weiß Maria Radomski noch nicht. Erst mal geht es zurück an die Ostsee – zum Erden. „Es kommt immer alles so, wie es soll, es hilft ja nichts, sich Druck zu machen.“ Vielleicht klappt es sogar irgendwann mit ihrer Traumrolle: Polly aus der Dreigroschenoper. Auch so eine starke Frau, an der man nicht so leicht vorbei kommt.

VON KAI A. STRUTHOFF

Quelle: Hersfelder Zeitung

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