Bad Hersfelder Festspiele

Ronny Miersch spielt den Josef K. im "Prozess" mit viel Bauchgefühl

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Freundlich und zugewandt: Ronny Miersch, der bei den Bad Hersfelder Festspielen in „Der Prozess“ den Josef K. spielt.

Josef K., die Figur eines verhafteten Mannes, der nicht erfährt, was ihm vorgeworfen wird, hat sich Ronny Miersch während der Proben ganz individuell erschlossen. 

Bad Hersfeld –Wer Offenheit nicht mit Distanzlosigkeit verwechselt, der ist bei Ronny Miersch an der richtigen Adresse. Der 34-jährige Schauspieler aus Köln, der bei den Bad Hersfelder Festspielen in Kafkas „Der Prozess“ den Josef K. spielt, ist ein Gesprächspartner, wie man ihn sich wünscht. Zugewandt, freundlich interessiert und reflektierend. Man muss nur aufpassen, dass der Gesprächsfaden nicht zerfranst und die Zeit aus dem Blick gerät: Es gibt immer viel zuviel, worüber man mit ihm auch gerne noch sprechen würde.

Mierschs Offenheit, die er selbst als Bauchgefühl bezeichnet, ist beispielsweise der Gegenentwurf zum Arbeitsstil seines Kollegen Dieter Laser, der sich für jede Rolle, für jede Szene ein genaues Konzept erarbeitet. „Das funktioniert gut“, berichtet Miersch aus den Proben, denn in Kafkas Gerichtsdrama würden die Szenen meist von K.’s jeweiligem Gegenüber geführt, also auch vom Anwalt Huld, den Laser spielt. „Ich finde das super, wie top vorbereitet er ist. Dabei ist er immer offen für Vorschläge, und das probieren wir dann aus.“

Josef K., die Figur eines verhafteten Mannes, der nicht erfährt, was ihm vorgeworfen wird, hat sich Ronny Miersch während der Proben ganz individuell erschlossen. „Mein K. stellt alles infrage. Er kann sich nicht widerspruchslos fügen und ist kein Spielball der Umstände.“ Er folgt da ganz seinem Bauchgefühl. Miersch sieht zudem das Ambivalente der Rolle: „Die Schuldfrage steht immer im Raum, und es ist nicht sofort erkennbar, ob sie für die Figur im positiven Sinn beantwortet werden kann.“ Denn auch dieser Josef K. habe seine Geheimnisse, zumal sein Status als hoher Bankbeamter weitere Fragen aufwerfe.

Joern Hinkels Spielfassung, die trotz sprachlicher Modernisierungen seiner Ansicht nach nahe an Kafkas Original bleibt, habe Rhythmus, berichtet Miersch. Dabei will er die unterhaltenden Elemente nicht missverstanden wissen. „Das ist ja keine Sommerkomödie, aber die Absurditäten, die wir herausgearbeitet haben, sind komisch und stellenweise wirklich witzig.“ Trotzdem bleibe das Spiel „immer am Stoff“.

Keine zwei Wochen sind es mehr bis zur Premiere, und Ronny Miersch wird langsam unruhig. „Ich will jetzt endlich auf die Bühne“, sagt er. Seine Konzentration gilt alleine der Probenarbeit, für das Drumherum in der Stadt bleibt da wenig Raum. Trotzdem hat er natürlich mitbekommen, dass Hersfeld den Hessentag gefeiert hat. „Das war ein bisschen wie der Trubel in der Kölner Innenstadt“, schmunzelt er.

Das mit dem Bauchgefühl begann bei Ronny Miersch im Übrigen schon ganz früh: Denn eigentlich hatte er als Sohn einer Lehrersfamilie –na, was? – Lehramt studieren wollen und sollen. Der Zufall wollte es, dass er just zu dieser Zeit vom Theatervirus infiziert wurde und dem Bauch gefolgt ist. Mit Erfolg, wie man sieht.

Zur Person

Ronny Miersch (34) studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Bereits währenddessen spielte er am Schauspielhaus Bochum. Von 2008/2009 bis 2013/2014 war er dort festes Ensemblemitglied. 2012 wurde er mit dem Bochumer Theaterpreis in der Sparte „Bester Nachwuchskünstler“ ausgezeichnet. Seit 2014 ist Ronny Miersch als freier Schauspieler und Choreograph für Bühnenkampf tätig. Außerdem ist er in verschiedenen Film und Fernsehrollen, unter anderem im Tatort Köln zu sehen.

Von Karl Schöholtz

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