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Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling eröffnet Lullus-Fest

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Lullus-Fest 2022
gtg © Kai A. Struthoff

Die Rede von Bürgermeister Thomas Fehling anlässlich des Lolls-Fests im Wortlaut:

Werter Herr Feuermeister, sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher, sehr geehrte Gäste aus unseren Partnerstädten Sumperk und L’Haÿ-les-Roses, sehr geehrte Gäste aus Malmesbury, liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Krümel Kastanienmeisterin Miley Summer, liebe Kinder, verehrte Gäste aus nah und fern!

Nach zwei Jahren Auszeit können wir dieses Jahr endlich wieder unser geliebtes Lullusfest feiern.

Zum zehnten Male darf ich hier stehen und in die gespannten, freudigen Gesichter schauen. In ein paar Minuten geht es los.

Lollsreden sind ja üblicherweise ein Anlass, Rückblick zu halten auf das vergangene Jahr. Erlauben Sie mir, den Bogen heute mal etwas weiter zu spannen – wenn auch in aller Kürze. Ich möchte diese Lollsrede, da sie meine letzte, meine goldene Rede von dieser Stelle sein wird, mit ein paar persönlichen Erinnerungen aus meiner Amtszeit füllen.

Es startete direkt nach der Stichwahl im November 2010: Ich erhielt zwei Briefe mit sehr nennenswerten Geldbeträgen, die als Wahlkampfkostenhilfe deklariert wurden. Diese Briefe gab ich einem Rechtsanwalt, der die beiden Hersfelder Unternehmer anschrieb und das Geld zurückgab. Es blieb in den Jahren nicht bei diesen beiden Angeboten. Ich bin heute sehr stolz darauf, dass ich diesen Versuchungen immer Stand gehalten habe, um meine Unabhängigkeit zu bewahren und immer zum Wohle der Stadt entscheiden zu können.

Schon der Beginn der Amtszeit war hektisch: Am ersten Wochenende gab es ein Hochwasser der Fulda, so dass der gesamte Bereich Oberau unter Wasser stand. Ich verbrachte das Wochenende vor Ort und freute mich mit der Feuerwehr, dass wir den kompletten Untergang des Bootshauses verhindern konnten. Am Montag zum neuen Wochenstart war ich, wie viele der ehrenamtlichen Einsatzkräfte, fix und fertig: „Das geht ja richtig gut los“, dachte ich mir. Nach dieser Erfahrung war mir der Hochwasserschutz immer eine Herzensangelegenheit und wir konnten bis heute eine Menge erreichen.

2013, NPD-Plakate abhängen lassen. Dafür habe ich aus der Bevölkerung – von Ihnen - viel Zustimmung bekommen. Aber die NPD fand es gar nicht lustig und veranstaltete am Bahnhof eine Kundgebung zu meinen Ehren. Ich durfte erfahren, was ein umfangreicher Personenschutz durch die Polizei bedeutet. Meiner Frau war ziemlich mulmig zu Mute, als ein Paket mit unbekanntem Absender vor der Haustür abgestellt wurde. Eine Sonderstreife der Polizei überprüfte das Paket und konnte Entwarnung geben. So eine Aufregung und Anspannung braucht man aber nicht wirklich.

2014 Intendantenwechsel. Obwohl die Kündigung des Intendanten eine Magistratsentscheidung war, waren die Angriffe und Beleidigungen gegenüber dem Bürgermeister und einigen Stadträten massiv.

Eine Zeitung veranstaltete ein Forum, auf dem nur Gleichgesinnte auftraten. Man hatte offenbar nicht den Mut und die Absicht, den Bürgermeister zu Wort kommen zu lassen. Wortmeldungen aus dem Publikum, die die Kündigung des damaligen Intendanten unterstützten, wurden lautstark ausgebuht oder sogar der Ton abgedreht. Ein wirklich bemerkenswertes Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit.

Unfassbar, was sich einige Künstler in der Phase rausgenommen hatten. Umso rührender waren anschließend, als Dieter Wedel das Ruder übernommen hatte, die Schreiben und Gespräche mit einigen Künstlern: „Das alles sei doch nur ein Missverständnis gewesen und man wolle doch auch weiterhin bei den Festspielen ein Engagement haben.“ Ein unglaublicher Opportunismus, der sich da offenbarte. Nicht viel besser waren einige Stadtpolitiker und auch Medien, die sich bei Dieter Wedel, unter dessen Intendanz die Festspiele später Besucherrekorde feierten, derart anbiederten, dass einem wirklich angst und bange um deren Rückgrat werden konnte.

Diese ganze mediale Hetze gegen mich und meine Familie hatte ihren Höhepunkt in einem Leserbrief, den sich mein Schwiegervater Hans derart zu Herzen nahm, dass er mit einem Infarkt in die Klinik eingeliefert werden musste. Von diesem Schlag erholte er sich nicht mehr und verstarb wenige Monate später.

Ganz sicher nicht vermissen werde ich die zum Teil unterirdische Medienlandschaft, die sich in Bad Hersfeld etabliert hat. Unter dem Deckmantel von Kommentaren wird seit Jahren eine Hetze gegen mich betrieben, indem unwahre Behauptungen aufgestellt oder Sachverhalte aus dem Kontext herausgelöst werden. Vieles hätte durch eine Rückfrage sofort geklärt werden können. Aber dann wäre die vermeintliche Nachricht wohl keine mehr gewesen. Recherche unnötig, Hören-Sagen ist für einige „Autoren“ offensichtlich völlig ausreichend. Unter gutem Journalismus verstehe ich etwas Anderes.

Erschreckend ist, dass sich einige führende Stadtpolitiker davon anstecken lassen und öffentlich sehr abfällig zu Sachverhalten äußern, ohne sich vorher eingehend kundig zu machen und ohne selbst an den vorhergehenden Infoveranstaltungen (trotz Einladung) teilgenommen zu haben. „Man habe gehört“ und „mir wurde zugetragen“ waren später die Begründungen für die herablassenden Bewertungen. „Das ist ebenfalls eine Frage des Stils und des Formats.“, wetterte ein Stadtrat - der früher Wahlplakate einer anderen Partei überklebte.

Aus meiner Sicht stellt dies eine brandgefährliche Entwicklung in der Politik dar. Sachverhalte werden nicht mehr ausreichend geprüft, sondern sehr spontan aufgrund von Gerüchten und Meinungen bewertet und medial kommentiert.

Als sehr schade empfinde ich heute immer noch, dass die Stadtpolitik das Konzept des Lullus-Sportparks in 2015 ablehnte und damit 2,5 Millionen Euro zugesagtes Fördergeld einfach ausschlug. Inzwischen haben wir das Stadion an der Oberau für deutlich über 3 Millionen Euro modernisiert, aber leider nur eine Million Euro vom Land erhalten.

Auch die begründungsfreie Ablehnung einer Ausbaustufe der innovativen Straßenbeleuchtung verhinderte im letzten Jahr noch 600.000 Euro Fördergeld, welches bereits aus Wiesbaden mündlich zugesagt wurde. In Summe wurden ca. 2,1 Millionen Euro Fördergeld wissentlich verhindert, um so genannte „Fehling-Projekte“ zu blockieren. Ob das wirklich zum Wohle der Stadt und der Bürger war – also zu Ihrem Besten, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer- mag ich bezweifeln. „Chancentod“ würde man im Fußball dazu sagen.

Es ging im Thema Straßenbeleuchtung dann doch auch ohne staatliche Förderung: Durch ein Modellprojekt mit externen Geldgebern haben wir in Teilen unserer Stadt eine öffentliche Beleuchtung aufgebaut, die es so weltweit nirgendwo anders gibt. Leuchten der neuesten Generation, Sensoren und künstliche Intelligenz drücken die Energieverbräuche um bis zu 91 Prozent. Inzwischen wollen sich sogar ortsansässige Logistiker anschließen.

Das Projekt ist international preisgekrönt und wurde ins Leben gerufen zu einer Zeit, als von Krieg, Energiepreissteigerungen und Mangellage noch gar keine Rede war.

Ok, Lampen an der Straße sind vielleicht nicht für jedermann ein spektakuläres Thema: Aber unsere Technik wird in den nächsten Jahren Hundertausende von Euros an Steuergelder einsparen – Ihr Geld. Die Kosteneinsparungen einer neuen Straßenbeleuchtung schaffen Freiräume im städtischen Haushalt, die meine Nachfolgerin für ganz andere Aufgabenbereiche nutzen kann.

Digitalisierung und Smart City wurden oft belächelt oder sogar mit Häme überzogen. Beide Themen sind aber längst da und nicht mehr wegzudenken. Gerade während der Pandemie zeigten sich die Vorteile unseres vorausschauenden Technikeinsatzes: Wir waren mit IT-Notfallplänen, einem vorhandenem eigenen Glasfasernetz und eigenem Rechenzentrum auch bei der Homeoffice-Welle sofort handlungsfähig, während andere Städte größte Anlaufschwierigkeiten hatten.

Neue Technologien sind also keine Spielwiese für den sogenannten „Cyber“-Bürgermeister. Unsere smarten Projekte machen wir nur, wenn sie konkreten Nutzen schaffen, sei es für Bürgerinnen und Bürger, für die Verwaltungsarbeit oder als Kosteneinsparungen im Stadtsäckel.

Smart City hat auch dem wortreich jetzt eine Förderung von einer Million Euro beschert. Im Schilde-Park entsteht im Auftrag des Landes Hessen die erste Knowhow-Transferstelle für Smart City-Projekte. Wir helfen anderen, erfolgreich eingeführte Technologien umzusetzen.

Dieses Geld fürs wortreich sichert vor Ort Arbeitsplätze und bietet die Chance auf ein ganz neues zukunftsträchtiges Geschäftsfeld für das Haus. Unsere Beharrlichkeit, und in den ersten Jahren oft genug meine Beharrlichkeit, zahlt sich jetzt buchstäblich aus.

2019 Hessentag. Die Bewerbung in 2016 basierte auf einem anderen Konzept als sonst. Dabei war mir von Anfang an wichtig, dass der Hessentag mitten in der Innenstadt stattfinden sollte. „Wir wollen die Menschen in unsere gute Stube einladen“, war mein Credo. In einer unglaublichen gemeinschaftlichen Kraftanstrengung durch die Verwaltung, viele Organisationen und zahlreiche ehrenamtliche Helferinnen und Helfer wurde das Konzept mit Leben erfüllt.

So durften wir alle einen wunderbaren Hessentag erleben, der sicher noch lange in unseren Erinnerungen und Herzen bleiben wird. Wir erlebten eine Innenstadt nahezu frei vom Individualverkehr. Kinder spielten auf der Dippelstrasse, wir alle genossen eine bessere Luft, weniger Lärm und wir bewegten uns ohne ständiges Umschauen nach Autos und LKWs. So stelle ich mir die Zukunft von Bad Hersfelds Innenstadt vor.

Der Hessentag ermöglichte, dass das Weinfest erstmalig im Stiftsbezirk stattfand. Aufgrund der großen Begeisterung finden jetzt das Weinfest und auch der Weihnachtsmarkt dort statt. Also eine nachhaltige positive Entwicklung der Stadt.

2022 Entscheidung ICE-Trasse. Umgesetzt wird fast exakt der Entwurf, den ich im Januar 2021 entwickelte und vorstellte. Er deckte sich, was sich später zeigte, mit den Ideen des Aktionsbündnis Waldhessen, einem Zusammenschluss lokaler und regionaler Bürgerinitiativen.

Dass diese Variante dann in der Stadt, im Kreis und in der Region, durch viel Klinkenputzen in Wiesbaden, in Berlin und schließlich bei der Deutschen Bahn, eine derartig große Unterstützung fand, ist sicher einer der nachhaltigsten Erfolge für Bad Hersfeld in den letzten Jahren.

Gemeinsam haben wir eine Generationenchance ergriffen, die unsere Anbindung an den Ballungsraum Rhein-Main stark verbessern wird und für die Stadtentwicklung rund um das Areal des neuen ICE-Bahnhofs Bad Hersfeld völlig neue Perspektiven eröffnet.

Der Zusammenhalt der Stadtpolitik bei diesem Thema zum „Wohle der Stadt“ ist aus meiner Sicht ein besonderes Positivbeispiel gewesen.

Überhaupt hat sich gerade in besonderen Situationen die Handlungsfähigkeit unserer Mandatsträger als sehr intakt erwiesen. Ich erinnere an den Hessentagbeirat 2019, in dem alle Fraktionen vertreten waren. Dort musste, zuweilen sehr schnell, über finanziell ziemlich knackige Summen und manchmal auch mit einem gewissen Risiko entschieden werden. Diese Zusammenarbeit war sehr fruchtbar und erfolgreich.

Oder ich erinnere mich an den Corona bedingten Ausfall der Festspiele 2020, bei dem wir nicht kaltschnäuzig unsere Künstlerinnen und Künstler in die Arbeitslosigkeit schicken wollten.

Es wurden, obwohl es finanziell weh tat, Abfindungen beschlossen, damit die Betroffenen zumindest über die ersten Corona-Wochen kamen. Wie da die Stadtpolitik nach dem Motto „Wir sind vielleicht arm – aber nicht schäbig!“ den Geist der Stunde erfasst und entschieden hat, das war schon beeindruckend.

Es gäbe noch weitere Beispiele, wo das Wort „Suchet der Stadt Bestes!“ wirklich von allen Beteiligten hervorragend gelebt wurde. Einige dieser gemeinsamen politischen „Parforceritte“ sind auch für mich Höhepunkte meiner Amtszeit gewesen, für die ich unseren Stadtpolitikerinnen und Stadtpolitikern sehr dankbar bin.

Ich habe in den 12 Jahren sicherlich nicht alles richtig gemacht und auch Manchem auf die Füße getreten. Einigen zu Recht, anderen zu Unrecht. Die Letzteren bitte ich hiermit um Entschuldigung.

Insgesamt ziehe ich ein sehr positives Fazit der 12 Jahre und darf sagen: Es war mir eine große Freude und Ehre, meiner Heimatstadt zwei Amtszeiten als Bürgermeister dienen zu dürfen. Vielen Dank bei so vielen, die mich bei dieser Arbeit unterstützt haben.

Zuweilen kopfschüttelnde Ernüchterung, Intrigen und Ränkespiele, mindestens eine nennenswerte menschliche Enttäuschung, Scheitern, aber auch die Erfolge und die Glücksmomente im Amt mit vielen wertvollen Begegnungen, und das alles in ziemlich hoher „Schlagzahl“: Meine Damen und Herren, so ein Amt verändert einen, das können Sie mir glauben.

Aber ich möchte diese wichtige Phase meines Lebens im Rückblick nicht missen.

Was immer vorhanden war und bleiben wird, ist die Verbundenheit zu dieser, meiner Geburtsstadt. Und diese Verbundenheit, den Wunsch, sich aktiv für Bad Hersfeld einzusetzen, treibt offensichtlich auch Anke Hofmann an. Ich wünsche meiner Nachfolgerin alles erdenklich Gute. Wo ich helfen kann, will ich gerne meinen Beitrag leisten.

Nun, für mich zum letzten Mal: Entzünden wir also das Lollsfeuer, das von jetzt an bis Sonntagabend brennen wird!

Und nun, Herr Feuermeister, hören Sie:

Bürgermeister: Wir zünden an uralten Brand, Was soll er künden dem deutschen Land?

Feuermeister: Am guten Alten woll’n fest wir halten!

Bürgermeister: Und warum hüten in treuer Hut

Wir Tag und Nacht des Feuers Glut?

Feuermeister: Wie die Väter in Ehren

Woll’n wir uns bewähren!

Bürgermeister: Das Feuer brennt mit hellem Schein,

Was soll der Bürger Losung sein?

Bürgermeister und Feuermeister:

Klaus: Hersfeld, die Stadt, sie trägt im Schild,

Thomas: Ein Kreuz und einen Löwen wild.

Klaus: In Kreuz und Leid hab’ Löwenmut

Thomas: Und trau auf Gott, es wird wohl gut.

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