Er setzt lieber auf Armdrücken statt auf den erhobenen Zeigefinger

Bad Hersfelds „Jugend-Cop“ Frank Müller ist im Ruhestand

Das Foto zeigt Hauptkommissar und Jugendsachbearbeiter Frank Müller, der nun im Ruhestand ist, im Bad Hersfelder Schilde-Park.
+
Jugend findet in der Öffentlichkeit statt, sagt Hauptkommissar und Jugendsachbearbeiter Frank Müller, der nun aber im Ruhestand ist.

Die „bösen Jungs“ kennen ihn, und er kennt sie. 20 Jahre lang war Hauptkommissar Frank Müller Jugendsachbearbeiter bei der Polizei in Bad Hersfeld. Jetzt ist er im Ruhestand.

Bad Hersfeld/Philippsthal – Jugend-Cop Frank Müller ist „das Gesicht der Polizei“ für junge Ladendiebe und Gewalttäter. Auch in den Schulen, bei Behörden und vielen weiteren Netzwerk-Partnern im Landkreis ist der Philippsthaler bekannt – „als Polizist und Mensch“, wie er selbst sagt. Kurz vor dem 60. Geburtstag ist er nun in den Ruhestand verabschiedet worden.

Von „bösen Jungs“ würde Müller selbst aber wohl nie sprechen. Zum Einen hatte er bei seiner Arbeit natürlich auch mit Mädchen zu tun, zum Anderen sind ihm Pauschalisierungen zuwider. Denn: „Genauso wenig wie es die Polizei gibt, gibt es die Jugendlichen“, sagt der 59-Jährige mit Blick auf all das, was er in den vergangenen Jahren erlebt hat.

Als er 2001 als sogenannter Jugendsachbearbeiter in die Ermittlungsgruppe wechselte, war er der erste Hauptamtliche mit dieser Funktion im Zuständigkeitsbereich des gesamten Polizeipräsidiums Osthessen. „Der Umgang mit jugendlichen Delinquenten wurde damals neu überdacht“, so Müller. Als Vater und Jugendbetreuer im Fußball schien Müller der geeignete Kandidat zu sein, und auch er selbst war sofort überzeugt und sagte ohne zu zögern zu.

„Ich hatte den Anspruch, einen Fußabdruck zu hinterlassen“, erklärt der 59-Jährige seinen Ansporn. Den jungen Leuten, „die sich nicht an die Regeln hielten“, wollte man mit einem festen Ansprechpartner und einer anderen Ansprache gegenübertreten – um auf diese einzuwirken, aber auch, um damit selbst im Vorteil zu sein. Ob zwölfjährige Ladendiebinnen oder 21-jährige Gewalttäter, alle landeten fortan bei Frank Müller. Bis zum Alter von 21 gelten Straftäter auch vor Gericht noch als Heranwachsende. „Anfangs gab es dicke Bretter zu bohren“, erinnert sich Müller an das neue Konzept, im eigenen Haus ebenso wie in mancher Schule. Im Laufe der Jahre habe sich dies aber geändert. „Pädagogik und Polizei, das ging früher gar nicht“, meint Müller und lacht. „Heute geht es.“

Doch Müller wartete nicht nur in seinem Büro auf den Besuch von Dealern und Co., er suchte auch deren Familien auf und beobachtete sein Klientel in Parks oder in der Breitenstraße. 2011 rückte mit dem Programm „BASU21“ des Landes Hessen verstärkt die Prävention in den Fokus. Basu steht für besonders auffällige Straftäter unter 21. Wenn Müller auf der Straße unterwegs war, dann stets ohne Uniform, bei seinen Besuchen in der Schule sowieso. „Um mit den jungen Menschen in Kontakt zu kommen, darf man nicht als Feind wahrgenommen werden“, weiß Müller.

Neben Empathie und Wertschätzung jedem gegenüber, sind für die Arbeit mit Jugendlichen laut Müller drei „b“ besonders wichtig: bekannt, beharrlich und berechenbar sein. Authentizität war Müller ohnehin immer wichtig, der auf den erhobenem Zeigefinger stets verzichtet, stattdessen aber gern mal unkonventionelle und schnelle Lösungen suchte. Einen jungen Mann konnte er etwa mit Armdrücken beeindrucken. Eines dürfe man zudem nicht vergessen: „Junge Menschen sind keine kleinen Erwachsenen, sie befinden sich noch in der Persönlichkeitsentwicklung.“ Ein Blatt vor den Mund hat Müller selten genommen, auch bei den Netzwerkpartnern nicht. Was ihn wurmt: Repression ist messbar, Prävention nicht. Frust verspüre er rückblickend trotzdem nicht, vielmehr freut sich der 59-Jährige über die Erfolge, die ihm in guter Erinnerung sind, und jeden, der auf den rechten Weg zurückgefunden hat. Denn eines sei klar: „Alle kriegen wir nicht.“

Seine Nachfolge wird Kriminaloberkommissar Oliver Willems antreten. Weiter machen möchte Müller aber mit der Ausbildung von Drogenberatungslehrern. Ansonsten hat er für den Ruhestand keine besonderen Pläne, bis auf einen: „Ich mache das, was ich jetzt auch mache, aber wann und wie ich will.“ Seine Arbeit habe er immer so gemacht, dass er morgens in den Spiegel schauen und mit Freude wieder hingehen konnte. Seinen Fußabdruck hat er hinterlassen. (Nadine Maaz)

Zur Person

Frank Müller (59) kommt aus Philippsthal, ist seit fast 40 Jahren verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sein Interesse an der Polizei hatte nach dem Realschulabschluss ein Fußball-Kumpel geweckt, der ihm von der Aufnahmeprüfung berichtete. Am 2. Oktober 1978 begann er mit 17 Jahren schließlich die Grundausbildung in Kassel, es folgten die Weiterbildung in Hanau und der Besuch der Polizeischule in Wiesbaden. Nach dem bestandenen Hauptwachtmeisterlehrgang ging es für ihn zunächst nach Hanau zur Einsatzhundertschaft, die unter anderem im Flughafendienst eingesetzt wurde. Damals erlebte Müller die Proteste gegen die Startbahn West hautnah mit. Später war der Philippsthaler im Funkstreifendienst in Frankfurt und in Hanau tätig, bevor er 1988 zur Polizeistation Rotenburg wechselte und von dort nach Bad Hersfeld. Für den gehobenen Dienst und die Kommissarlaufbahn holte er das Fachabitur nach und besuchte die Polizeischule in Kassel. In Rotenburg und Bad Hersfeld war Müller stellvertretender Dienstgruppenleiter, bevor er 2001 erster hauptamtlicher Jugendsachbearbeiter des Polizeipräsidiums Osthessen wurde. Nach 20 Jahren in dieser Funktion wurde er nun in den Ruhestand verabschiedet. (nm)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.