Bahnlehrling in den 60-ern: Feilen, bis die Hände bluten

In der Baracke: Wer am Fenster arbeitete, konnte den feschen Bebraer Mädels hinterherpfeifen. Repro: Kanngieser

Bebra/Breitenbach. Eine 44-Stunden-Woche, samstags arbeiten, 60 D-Mark Monatslohn im ersten, 120 D-Mark im letzten Jahr und feilen, bis die Hände bluten - auf so eine Stelle würde sich heute wohl kein junger Mensch mehr bewerben.

Für 14 Männer allerdings war dies am 1. April 1962 der Anfang einer sehr schönen Zeit. Sie bereuen keinen einzigen Tag ihrer dreijährigen Ausbildung als Schlosser im Bahnbetriebswerk Bebra.

Zum zehnten Mal trafen sich die ehemaligen Auszubildenden am Samstag im Breitenbacher Hof, um Erinnerungen aufzufrischen an ihre Lehre, die vor 55 Jahren startete. Jung waren die 14 Männer, zwischen 14 und 16 Jahren alt, als das Berufsleben für sie begann. Meist waren es die Eltern, die ihnen den Rat gaben: „Bewirb dich bei der Bahn. Das ist Öffentlicher Dienst, das ist sicher.“ Widersprochen oder rebelliert dagegen hatte keiner von ihnen. Im Gegenteil. Für Familie Kehm zum Beispiel war Sohn Peter damals in der fünften Generation, der bei der Bahn lernte. Sein Stief-Ur-Ur-Großvater Peter Oberscheimer war 1849 einer der ersten Bahn-Arbeiter-Pioniere in Bebra gewesen.

Viel Respekt war 1962 mit im Spiel vor einer Tätigkeit, mit der sie bereits am ersten Tag in der Lehrwerkstatt im Bahnbetriebswerk Bebra konfrontiert wurden. „Als ich die ausgelegten Gesellenstücke gesehen habe, dachte ich: Das schaffst du nie“, erzählt der Rotenburger Reinhard Wiesener, der nach drei Jahren die Prüfung als einer der Besten bestand.

Brennende Zigarette im Spind

An vieles, was sie in ihrer Lehrzeit und in der Holzbaracke, die Ende der 1940er-Jahre in der Oststraße zu einer Lehrwerkstatt umgebaut wurde, erlebten, erinnern sich die Männer lebhaft. Zum Beispiel an die versteckte brennende Zigarette im Spind, die beinahe einen Brand verursacht hätte. Oder an die hübschen Mädels, die an der Oststraße vorbeiliefen. „Glücklich war der, der am Fenster arbeitete“, erinnert sich Peter Kehm. Lächelnd denken die Männer daran zurück, als der Buchstabe S mit einem Hammer geschlagen werden musste, oder an den Sportunterricht, in dem einer von ihnen sogar das Schwimmen lernte. Und dann war da noch die selbst hergestellte Handpaste, die unter anderem aus Schmierseife, Sägespänen und Soda bestand. Sauber wurden die Hände. „Aber an den offenen Stellen an der vom Feilen beanspruchten Haut hat sie häufig stark gebrannt“, erinnert sich Hans Schaub, der das zehnte Treffen in Breitenbach mit Peter Kehm gemeinsam organisiert hat.

Gelernt haben die Männer das Handwerk von der Pike auf, und es wurde viel verlangt. Acht Stunden feilen, schmieden, fräsen, hobeln und wöchentliche Arbeitsberichte in „Normschrift“.

Gutes Rüstzeug

Von Ausbildern wie dem Weiteröder Wilhelm Barth und dem Lüdersdorfer Georg Schade haben sie das Rüstzeug mitbekommen, um später als Lokführer, Wagenmeister, in der Industrie, bei der Polizei oder bei der Bundeswehr bestehen zu können. Viele sind bei der Bahn geblieben, feierten das 40. Dienstjubiläum, wie Alfred Wagner, sogar das 50. wie Hans Schaub. Henry Kempka zog es in die chemische Industrie. Und der Mann mit dem weitesten Anreiseweg, Manfred Frahseck, war viele Jahre bei der Wasserpolizei in Kappeln an der Schlei.

Am Ende ihres Berufslebens bedauern die ehemaligen Bahnlehrlinge die Entwicklung des Bebraer Bahnhofs. „Die Bahn hat Bebra vergessen“, bringt es Hans Schaub auf den Punkt.

Von Susanne Kanngieser

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