Axel Beyer hat Bildband neu aufbereitet

Fotokunst: Bebras Schokoladenseite in Zartbitter

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Endstation Gewächshaus: Die verfallenen Gewächshäuser neben den Schrebergärten „Am Bilder“ sind mittlerweile verschwunden – es war einer der Lieblingsorte von Axel Beyer in Bebra. Er verpflanzte kurzerhand den gesamten Bebraer Bahnhof samt unsaniertem Lokschuppen in eines der Gewächshäuser.

Fotokünstler Axel Beyer hat seinen Bildband „Bebra Curiosa“ aus dem Jahr 2010 neu aufbereitet. Die Fotos von damals könnte er heute nicht mehr schießen, vieles hat sich verändert.

Es wirkt so, also würde er dort hingehören: Der unsanierte Bebraer Bahnhof verläuft quer durch ein verfallenes Gewächshaus, das sich die Natur längst zurückgeholt hat. Der Schornstein des Kesselhauses ragt beinahe bis in das Glasdach. Die Fotomontage stammt aus dem Bildband „Bebra Curiosa“ von 2010: Durch die Kombination verschiedener Motive entstehen auf 104 Seiten skurrile Ansichten einer kleinstädtischen Spießer-Tristesse – es sind die zartbitteren Schokoladenseiten der Stadt. Künstler Axel Beyer hat seinen Bildband nun für eine Ausstellung in Hamburg neu aufbereitet. Die Fotos von damals könnte er heute nicht mehr schießen: „Alles, was so ein bisschen morbide war in Bebra, ist weg“, sagt der 62-Jährige.

Der Hamburger Fotokünstler kennt die Eisenbahnerstadt gut. Seine Frau Petra Knauff ist in der ehemaligen Hebammenstation am Anger zur Welt gekommen und hat ihre Heimat auch nach dem Umzug in die norddeutsche Hafenstadt nie richtig hinter sich gelassen. „Ich bin ein Bebra-Fan, bei mir ist das mehr als Liebe“, sagt die 58-Jährige, die bis vor drei Jahren noch eine Dachgeschosswohnung im Haus ihrer Familie in der Eisenacher Straße hatte. Das Paar ist regelmäßig in Bebra, zuletzt im Herbst.

Der Künstler und die Muse: Die Heimatverbundenheit seiner Frau Petra Knauff brachte Axel Beyer nach Bebra. Das komplette Bild sehen Sie, wenn Sie auf das Kreuzchen oben rechts klicken.

Für Petra Knauff sind die Bebraer Eigenheiten, die das Fotografenherz ihres Mannes bei seinem ersten ausgedehnten Besuch Mitte der 90er-Jahre höherschlagen lassen, ganz normal: Der überdimensionierte Bahnhof. Die vielen heruntergelassenen Rollläden. Die schäbige Bahnhofskneipe. „Morbide Welten ziehen mich an“, sagt er. Bei zahllosen Streifzügen durch die Stadt fotografiert er in den Folgejahren leer stehende Geschäftsräume, verlassene Häuser, verfallene Gebäude.

Beim Besuch im Stadtarchiv stößt er auf das Miniaturrathaus in der Glasvitrine, die Idee für den Bildband ist geboren: Das Spiel mit den Maßstäben, das Große ins Kleine einbetten. So drängt sich dann in „Bebra Curiosa“ auch der gesamte Straßenzug Am Fläßchen in ein leeres Bürogebäude. Die ursprünglich einzeln aufgenommenen Fotos setzt der studierte Grafikdesigner, der lange für den Axel-Springer-Verlag als Layouter gearbeitet hat, am Computer zu neuen Motiven zusammen. Es sind Bilder eines einstigen Eisenbahnknotenpunkts, der auf dem Abstellgleis gelandet ist und das nicht gut verkraftet hat. „Heute hat Bebra eine moderne Innenstadt“, sagt Beyer, „und moderne Innenstädte sehen alle gleich aus.“ Es klingt fast enttäuscht. Hat die Stadt ihren Charme verloren? „Es ist gut, dass die Ästhetik, die ich gesehen habe, verschwunden ist. Aber als Fotograf fordert mich das heutige Bebra nicht mehr so heraus.“

Ein Stück des „alten Bebra“ hat er aber in der Eisenacher Straße wiedergefunden. Als seine Schwiegermutter vor zehn Jahren als Pflegefall zu dem Paar nach Hamburg zog, zeichnete sich bereits ab, dass das Haus in Bebra nicht ewig zu halten sein wird. Seine Frau stemmte sich lange gegen einen Verkauf: „Ich hatte das Gefühl, mir wird das Herz herausgerissen“, sagt sie. Als der Auszug dann vor drei Jahren doch kam, fühlte Beyer sich wieder in diese „andere Welt“ versetzt, die er bei seinem ersten Bebra-Besuch gesehen hatte. „Es war im Grunde ihr Museum“, sagt er über die Dachgeschosswohnung. Dort stand selbst noch das Puppenhaus, das der Vater mit eigenen Händen gebaut hatte. Mit den Fotos vom Auszug hat der Künstler nun seine Sammlung ergänzt.

Er arbeitet bereits am nächsten Projekt aus der Region: Auch der Monte Kali fasziniert ihn. (cig)

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