Zwei 14-Jährige gehören zu Deutschlands Besten

Achtung, tieffliegende Steine: Ein Training mit Bebras Rasenkraftsportlern

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Weg damit: Nils Burghardt zählt zu Deutschlands besten Steinstoßern – und lässt den Fünf-Kilo-Brocken problemlos meterweit fliegen.

Zwei 14-jährige Jungs vom Rasenkraftsportverein Athletics Bebra gehören zu den besten Steinstoßern Deutschlands. Wir waren beim Training nach der Corona-Zwangspause dabei. 

Gerade hat Nils Burghardt noch Fragen rund um seinen Lieblingssport beantwortet, dann ist er plötzlich nicht mehr da – zumindest gedanklich. Er hat einen Stein in der Hand. Er will zeigen, was er so gut kann wie wenige andere. Und das ist eine Frage der Konzentration. 

Sein Anlauf erinnert an einen Speerwerfer, die Technik an einen Kugelstoßer. Nils sucht den perfekten Moment – und schickt den fünf Kilogramm schweren Brocken auf die Reise. Ohne viel Kraftmeierei. Ohne Geschrei. Ohne den Stein überhaupt anzuschauen.

„Schon beim Abstoß merkst du, wie der Stein fliegen wird“, erklärt sein Freund Samuel Schöße, der aufpasst, dass der Quader aus Gusseisen nach seinem gut zehn Meter weiten Flug mit einem dumpfen Schlag im Sand auf dem Trainingsgelände in Gilfershausen aufschlägt – und nicht in der Kamera des Fotografen. 

Die beiden 14-Jährigen aus Nentershausen gehören zu den besten Steinstoßern Deutschlands. Neben Gewichtwerfen und der olympischen Disziplin Hammerwerfen formt Steinstoßen den sogenannten Rasenkraftsport, der zur Schwerathletik gehört.

Eine Frage der Haltung: Samuel Schöße zeigt einen typischen Abstoß – der Oberkörper ist leicht nach hinten geneigt, der Stein wird nah an der Schulter geführt.

Aber wie landen zwei Nentershäuser Jungs bei einem Bebraer Sportverein, der wettkampforientiert das macht, was sich aus dem traditionellen Kräftemessen von schweizer Hirten entwickelt haben soll und im Nachbarland auf Volksfesten zelebriert wird? Beide haben andere Sportarten ausprobiert, bevor sie sich dem Steinstoßen verschrieben haben. Samuel sammelte zunächst Leichtathletikerfahrung und trainierte Karate in Bebra. Nils spielte Fußball. „Aber das war nicht mein Sport“, sagt er. Seine Mutter stellte den Kontakt zum Rasenkraftsportverein (RKV) Athletics Bebra her. „Schon bei den Bundesjugendspielen hat er Bälle geworfen wie kein anderer“, sagt Julia Burghardt.

Trainer: Das Talent war einfach da

Seit vier Jahren stößt Nils nun Steine – mit der Betonung auf Stoßen, denn wer unter Rasenkraftsportlern vom Steinewerfen spricht, macht sich unbeliebt. Seinen Freund hat er mitgezogen, Samuel ist seit 2017 dabei. Nils hat mehrfach die hessischen Meisterschaften gewonnen – wie oft, weiß keiner im Verein mehr so genau. „Ich zähle meine Titel nicht“, sagt der 14-Jährige. Außerdem hält er den hessischen Schülerrekord in der Altersklasse der 11-Jährigen. Samuel wurde im vergangenen Jahr Deutscher Vizemeister.

Beide Achtklässler stehen auf der Bestenliste des Deutschen Rasenkraftsport- und Tauziehverbands (DRTV), zu dem rund 116 Vereine mit 10 600 Mitgliedern gehören. „Das Talent war einfach da“, sagt Trainer Tobias Dockhorn, der selbst im Bundeskader der deutschen Rasenkraftsportler ist. „Es ist auch keine Absage an den Mannschaftssport“, sagt Samuel Schöße. „Ich habe meinen besten Freund dabei.“

Mehr als nur Kraft: Die Technik beim Steinstoßen erinnert an Speerwerfer und Kugelstoßer. Hier nimmt Nils Burghardt gerade Anlauf. Mit einem Klick auf die Pfeile oben rechts ist das komplette Foto zu sehen.

Trainiert wird zweimal pro Woche, einmal auf Kraft, einmal die Technik und in allen drei Rasenkraftsport-Disziplinen. Für die Deutschen Meisterschaften Mitte März hatten sich die Athleten großes vorgenommen. Dann kam Corona und machte die monatelangen Vorbereitungen zunichte. 

Erst seit Ende Mai kann auf der Anlage in Gilfershausen wieder richtig trainiert werden. „Beide standen vor drei Monaten breiter da als jetzt“, sagt Trainer Dockhorn. Gerade Samuel wird das nicht gerne hören: „Ich bin relativ schmal gebaut“, sagt der 14-Jährige (Kampfgewicht: 63 Kilo). Die Frage „Isst du nicht genügend daheim“ wollte er mit dem Steinstoßen eigentlich hinter sich lassen.

So funktioniert Steinstoßen

Ziel ist es, einen Quader aus Gusseisen – den Stein – mit einem Anlauf von bis zu 15 Metern und mit einem Arm möglichst weit zu stoßen. Das Wurfgerät wiegt – je nach Alter und Gewichtsklasse – zwischen drei und 15 Kilogramm. Ein Abwurfbalken markiert das Ende des Anlaufbereichs und darf weder berührt noch übertreten werden. 

Steine werden gestoßen: Werfen ist strengstens Verboten und führt zur Disqualifizierung. Der Schwerpunkt des Steins liegt auf dem Handballen, der Oberkörper ist leicht nach hinten geneigt. Beim Abstoß schnellt der Oberkörper nach vorn, das Handgelenk wird durchgestreckt und der Stein kraftvoll gestoßen. Als Referenz: Bei den offenen thüringischen Meisterschaften in Erfurt stieß Nils Burghardt seinen Stein 12,14 Meter weit, Samuel Schöße erreichte 10,6 Meter – Bestmarken in ihrer Klasse.

Vereinsinfo: Der RKV Athletics Bebra

Der Rasenkraftsportverein (RKV) Athletics Bebra besteht seit 1988. Derzeit hat er 122 Mitglieder, darunter viele Kraftsportler, die das vereinseigene Trainingszentrum am Sportplatz in Gilferhausen nutzen. Auch eine 47 Quadratmeter große, überdachte Trainingsfläche im Außenbereich steht für athletische Übungen bereit. Der Verein hat 42 Mitglieder in der Wurfabteilung, davon zwölf aktive Rasenkraftsportler in den Disziplinen Gewichtwurf, Hammerwurf und Steinstoßen.

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