Wochenendporträt

Keine Angst vor Einsamkeit: Bebraner Andreas Spomer hat allein zu Fuß die Alpen überquert

Andreas Spomer aus Bebra hat sich allein an eine Alpenüberquerung gewagt. Dabei konnte er Aussichten wie die vom Geierjoch (oben). Meist hat er im Freien geschlafen.
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Andreas Spomer aus Bebra hat sich allein an eine Alpenüberquerung gewagt. Dabei konnte er Aussichten wie die vom Geierjoch (oben). Meist hat er im Freien geschlafen.

Es ist der siebte Tag nach dem Aufbruch, als Andreas Spomer seinen verbleibenden Wanderstock hinschmeißen und alles abbrechen will.

Bebra – Andreas Spomer hat höllische Schmerzen im Knie und vor ihm wartet das Tiroler Geierjoch. Es ist ein Aufstieg auf gut 2700 Meter Höhe. „Mein Körper hat sich an Stellen zu Wort gemeldet, an denen ich es nicht erwartet habe“, sagt der Physiotherapeut aus Bebra. Am Vortag hat er einen seiner Stöcke eingebüßt, weil er gestolpert und daraufgetreten ist. Der Traum des 24-Jährigen – allein zu Fuß von Süddeutschland über die Alpen bis nach Norditalien – steht auf der Kippe.

Es ist der Wendepunkt auf der ehrgeizigen Tour. Und es ist Spomers größter Triumph auf seiner mehr als 500 Kilometer langen Reise vom Marienplatz in München zum Markusplatz in Venedig: „Dass ich mich da durchgebissen habe.“ Er bezwingt das Geierjoch, und als er endlich auf der Passspitze steht und auf die Zentralalpen blickt, hat er Tränen in den Augen. „Jetzt kannst du nicht aufhören“, fällt er seine Entscheidung. Zwölf Tage hat der Bebraner da noch vor sich.

Andreas Spomer hat sich mit der Weitwanderung einen Traum erfüllt. „Ich bin ein Typ, der gern mal den eigenen Körper austestet“, sagt er. Ein Youtube-Video hat ihm Lust auf eine Alpenüberquerung gemacht, trotzdem dauert es drei Jahre, bis er das Projekt wirklich angeht. Im Corona-Jahr 2020 macht er ernst und nimmt sich für August und September vier Wochen Urlaub. Spomer wandert gern. Auch in der Region ist er häufiger unterwegs. Nicht auf vorgegebenen Wegen, sondern querfeldein. „Wo mich der Wind eben hintreibt.“

Ein Testlauf in den österreichischen Bergen mit schwerem Gepäck entpuppt sich allerdings als Dämpfer. Doch alles zu anstrengend? Der 24-Jährige lässt die Planung schleifen. Erst eineinhalb Wochen vor Urlaubsbeginn reißt er sich zusammen, sucht sich in einem Wanderführer die grobe Route heraus und testet, was alles in den Rucksack passt. Sein Plan: Vier Wochen draußen leben, alles, was er braucht, auf den Rücken geschnallt. Am 20. August sitzt er um 4 Uhr morgens im Zug nach München. Sein Rucksack wiegt 17 Kilogramm. Ohne Essensvorräte. Das ist viel. Zu viel. Zwei Tage später hat er sich vom Marienplatz bis in die Nähe von Bad Tölz vorgekämpft und zieht die Reißleine. Per Post schickt der Bebraner unnötigen Ballast zurück nach Hause: sein Zelt, das Kochgeschirr, Kleidung.

Mit fünf Kilogramm weniger geht es zurück auf die Strecke. Der Wanderführer schlägt 29 Etappen vor, manche Touren sind für fünf Stunden angesetzt. Das ist Andreas Spomer zu wenig. „Ich habe einfach von morgens bis abends gemacht.“ Meist startet er um 7 Uhr und lockert frühestens um 18 Uhr die Schnürsenkel der Wanderschuhe, oft später. Auch Regen stoppt ihn nicht. „Irgendwann ist man sowieso nass. Und ich meine: richtig nass. Mit Wasser in den Schuhen.“ Am Ende ist er 19 Tage unterwegs, überwindet 20 000 Höhenmeter. Auf der letzten Etappe nach Venedig knackt er die 40-Kilometer-Marke. „Das ist aber schon eklig“, kommentiert der 24-Jährige. Die Eckdaten schreibt er in ein kleines Notizbuch. Es ist kein Reisebericht, eher ein Ergebnisprotokoll.

Auf den ersten Kilometern hat er noch Kopfhörer auf, hört beim Laufen Podcasts. Dann taucht er völlig in die Natur ein. Seine Unterkünfte sucht er sich spontan, oder er übernachtet – was ihm lieber ist – unter freiem Himmel. Die meiste Zeit beim Wandern ist er allein. Einsam ist er nie. „Ich bin kein Eigenbrötler, aber ich halte Stille ganz gut aus“, sagt der 24-Jährige. Klar, auf der Hütte unterhält er sich mit anderen Wanderern, am nächsten Tag geht es gemeinsam los. „Aber dann verteilt es sich wieder.“ Er will es allein schaffen.

Ist der Abstecher in die Einsamkeit der Natur auch ein Versuch, der Corona-Pandemie zu entkommen? „Nein, das war eher ein netter Nebeneffekt.“ Für den Physiotherapeuten, der acht Stunden am Tag eine Maske tragen muss, ist es eine willkommene Auszeit. Während der Tour spielt das Virus kaum eine Rolle – außer an von Touristen überlaufenen Hotspots wie der Olpererhütte mit Blick auf den Schlegeisspecher im Zillertal. „Da dachte ich: Corona gibt es hier scheinbar nicht.“ Das sehen die Wirte an der Strecke, mit denen er sich unterhält, anders. Sie schätzen, dass nur 30 Prozent der üblichen München-Venedig-Wanderer unterwegs sind.

Am 7. September kommt Andreas Spomer abends auf dem Markusplatz in Venedig an. „Der Moment ist schwer zu beschreiben. Es tut einfach saugut.“ Zwei Stunden später sitzt er im Zug zurück in die Heimat. Kein Sightseeing? „Dafür war ich nicht da“, sagt der Bebraner. Ihm ging es ums Schaffen. Das nächstes Ziel steht auch fest: Er will auf dem „Pacific Crest Trail“ im Westen der USA von der mexikanischen Grenze bis nach Kanada laufen. 4300 Kilometer, fünf Monate. Es geht quer durch die Wüste. „Das ist wirklich Wildnis“, sagt Spomer. Die hat er in den Alpen etwas vermisst. „Verlaufen kann man sich da nicht.“

Von Clemens Herwig

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