SPD-Spitzenpolitiker betonen Bedeutung der sozialen Einrichtungen

Arbeitsminister Hubertus Heil: Förderstätten im Landkreis Hersfeld-Rotenburg werden gebraucht

Hoher Besuch: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (links) und Michael Roth schauten bei ihrem Besuch in den Sozialen Förderstätten Bebra auch am Arbeitsplatz von Andreas Becker vorbei, der gestern seinen 49. Geburtstag feierte. Heil reagierte humorvoll: Er dürfe ihm qua Funktion auch im Namen der Bundesrepublik Deutschland herzlich gratulieren.
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Hoher Besuch am Geburtstag: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (links) und Michael Roth schauten bei ihrem Besuch in den Sozialen Förderstätten Bebra auch am Arbeitsplatz von Andreas Becker vorbei, der am Dienstag seinen 49. Geburtstag feierte. Heil reagierte humorvoll: Er dürfe ihm qua Funktion auch im Namen der Bundesrepublik Deutschland herzlich gratulieren.

Bundesarbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) und Staatsminister Michael Roth besuchten am Dienstag die Sozialen Förderstätten in Bebra und lobten deren Arbeit.

Bebra – „Wo die Zuversicht zuhause ist“ – so lautet nicht nur Michael Roths Wahlkampf-Slogan, mit dem der heimische SPD-Bundestagsabgeordete und amtierende Staatsminister für Europa derzeit an vielen Laternenmasten per Plakat für seine Wiederwahl wirbt. Zuversicht bedarf es auch bei zwei weiteren Themen, zu denen sich Bundesarbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD) und Roth bei ihrem gemeinsamen Besuch der Sozialen Förderstätten in Bebra am Dienstag äußerten.

Denn Hoffnung und Zuversicht gerade in den schweren Corona-Zeiten in den Förderstätten aufrecht zu erhalten, das war schwierig und forderte angesichts von Kontaktbeschränkungen und Lockdown-Schließungen den Mitarbeitern viel Ideenreichtunm ab, wie Julia Sandrock vom allgemeinen sozialen Dienst der Förderstätten berichtete. So habe man auch im Lockdown immer ein „offenes Fenster“ gehabt, wenn sonst betreute Menschen die Isolation, alleine zuhause sein zu müssen, nicht mehr ausgehalten hätten.

Die 40-Jährige, die seit 2008 in den Förderstätten arbeitet, führte Heil und Roth durch die verschiedenen Werkstatt-Abteilungen des Bereichs „Lichtblick II“. Dort arbeiten Menschen mit geistigen und körperlichen sowie seelischen Beeinträchtigungen.

Unterwegs in der Sozialen Förderstätte: Unser Bild zeigt - von links - Geschäftsführer Ulrich Völke, SPD-Landtagsabgeordnete Karina Fissmann, Finanz-Geschäftsführer Thomas Deppenkemper, Arbeitsminister Hubertus Heil, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Bebras Bürgermeister Stefan Knoche, SPD-Landtagsabgeordneter und künftiger Landrat Torsten Warnecke und Julia Sandrock vom allgemeinen sozialen Dienst der Förderstätten, die die Politiker durch die Einrichtung führte.

1000 Betreute haben die Sozialen Förderstätten im Landkreis – auch in Bad Hersfeld gibt es einen Standort. 400 Mitarbeiter sind im Kreisgebiet insgesamt beschäftigt.

Gerade seelische und psychische Erkrankungen hätten unter den Betreuten stark zugenommen, berichtete Sandrock. Diese Erkrankungen müsse man enttabuisieren und offen darüber sprechen, dass dies typische Krankheiten sind, sagte Hubertus Heil. Als gutes Beispiel nannte er Skispringer Sven Hannawald, der über seine Depressionen rede und damit sicherlich vielen Betroffenen helfe.

„Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass es solche Einrichtungen gibt“, sagte der Arbeitsminister. Deshalb müsse alles dafür getan werden, sie auch finanziell so auszustatten, dass sie funktionierten und erhalten blieben, erklärte Heil. Er habe bei seinem „Speed-Dating“ in Bebra gesehen, dass die Förderstätten die Corona-Zeit gut gemanagt hätten.

Schon seit Jahren werde über die Schließung solcher Einrichtungen wie in Bebra diskutiert – „deshalb tut es gut zu hören, dass ein Bundesminister deutlich sagt, dass es uns braucht und sich nicht etwa – wie andere Politiker – wünscht, dass wir dichtgemacht werden“, sagte Ulrich Völke, Geschäftsführer der Förderstätten. Denn das sorge für große Ängste bei den Betreuten und den Mitarbeitern – „und das sollten wir tunlichst vermeiden“, sagte der 59-Jährige. „Ich bin froh darüber, dass es im Bebraer Haushalt ein festes Budget für Inklusion gibt – da müssen wir nicht immer erst um Geld bitten“, sagte sein Kollege Thomas Deppenkemper, Geschäftsführer Finanzen der Förderstätten.

Die obligatorische Wurst: Bebras Bürgermeister Stefan Knoche ließ Hubertus Heil natürlich nicht aus Nordhessen abfahren, ohne ihm die typische Stracke – laut Knoche in der Ausführung „extra-hart“ – zu überreichen. Das freute auch Michael Roth, rechts im Bild.

Die Betreuten gehören laut Bebras Bürgermeister Stefan Knoche „ganz normal zum Stadtbild dazu“ und schilderte eine Straßenszene, die er kürzlich beobachtet habe. „Warum schreist Du denn hier so auf der Straße rum?“ habe ein Passant einen Betreuten da gefragt. „Ja weil ich behindert bin“, habe dieser entgegnet. „Ach so“ habe der Passant geantwortet. Es sei schön, dass man in Bebra mit dem Thema so normal umgehe, sagte Knoche. „Hier gab es schon Inklusion und Integration, als dies früher noch gar nicht so bezeichnet wurde“, berichtete Ulrich Völke.

Seit 1974 im Landkreis

Die Sozialen Förderstätten für Behinderte e.V. (seit 2014: Soziale Förderstätten e.V.) wurden 1974 gegründet und sind ein anerkannter Partner bei der Betreuung geistig und körperlich wie auch seelisch beeinträchtigter Menschen im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Kostenträger sind Landeswohlfahrtsverband, Landesversicherungsanstalten und Bundesagentur für Arbeit. Neben mehreren Standorten in Bebra sind sie auch in Bad Hersfeld vertreten.

„Visa oder nicht – jetzt muss Hilfe her“

Zu einem Thema, bei dem es aktuell ebenfalls viel Hoffnung und Zuversicht braucht, äußerten sich Roth und Heil auf Nachfrage unserer Zeitung in Bebra ebenfalls: der Situation am Flughafen von Kabul in Afghanistan. „Bürokratische Hürden, Visa oder nicht – jetzt muss Hilfe her“, waren sich Heil und Roth einig. Wie diese entsetzliche Lage entstanden sei, müsse sicherlich später politisch aufgearbeitet werden. Aber für Parteienstreit sei jetzt keine Zeit. „Für die Ortskräfte, die für uns gearbeitet haben, zählt jetzt jeder Tag und jede Stunde“, sagte Roth.

Angesichts der erschreckenden Bilder müsse man den Bundeswehrsoldaten danken, die jetzt dort im Einsatz sind – Soldaten aus Stadtallendorf der Division Schnelle Kräfte (DSK) seien als Experten für militärische Evakuierungs- und Luftbewegliche Operationen an vorderster Front dort dabei. „Für mich ist das extrem bedrückend“, sagte Bundesarbeitsminister Heil.

Von Peter Gottbehüt

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