Deutsch-deutsches Treffen vor 50 Jahren

Auch in Bebra rief man „Willy Brandt ans Fenster!“

Nicht ohne meinen Zigarillo: Bundeskanzler Willy Brandt überbrückt die Wartezeit am Bahnhof Bebra, plaudert mit den Zuschauern und lässt sich das Gästebuch des Bahnhofsgastronomen durchs Zugfenster reichen (Foto oben). Etwa 1000 Menschen – Zuschauer, Reporter, Fotografen, Kamerateams – empfangen den Regierungschef auf Gleis 3. Unten rechts zeigt Stadtarchivar Peter Kehm auf die Unterschrift Brandts in Bebras Goldenem Buch – die Stadt ist mittlerweile bei der vierten Ausführung des Autogramm-Sammelalbums angekommen. Fotos: Clemens Herwig/Stadtarchiv Bebra/nh

Vor 50 Jahren beginnt die deutsch-deutsche Annäherung: Bundeskanzler Willy Brandt fährt nach Erfurt, um DDR-Ministerpräsident Willi Stoph zu treffen – und macht Station in Bebra.

Eben wurde noch mit dem Maßband auf den Zentimeter genau nachgemessen, wo der Wagen, auf den alle warten, halten wird, da klingt es nüchtern aus dem Lautsprecher: „Achtung auf Gleis 3. Der Diplomatensonderzug D 41 301 hat Einfahrt.“ Es ist 6.54 Uhr am 19. März 1970, dicht gedrängt stehen etwa 1000 Menschen auf dem Bebraer Bahnsteig, obwohl es ein nasskalter, verschneiter Morgen ist. Eben herrschte noch Gelassenheit, jetzt wird die Zuschauertraube unruhig. Der Bundeskanzler kommt.

Vier Minuten später hält der ein Dutzend Wagen starke Zug genau dort, wo er halten soll. Plakate werden in Position gebracht: „Bebra grüßt Bundeskanzler Brandt.“ Es dauert einen Moment, bis die Tür zum Salonwagen aufgeht und der Mann, auf den alle warten, sich zeigt. „Dunkler Anzug mit modischem Schlips, das Gesicht gerötet“, notiert Journalist Rainer Gießmann für die Hessische Allgemeine. Genau 22 Minuten dauert der Halt des Kanzlers in Bebra. Die westdeutschen Loks – zwei dieselbetriebene 1900-PS-Ungetüme – werden gegen DDR-Dieselloks mit Dampfgenerator ausgetauscht.

Es herrschte Tohuwabohu am Bahnhof Bebra.

Willy Brandt ist unterwegs zu einem Treffen in der thüringischen Bezirksstadt Erfurt, sein Gastgeber wird DDR-Ministerpräsident Willi Stoph sein. Noch nie seit der Teilung haben die Regierungschefs der beiden deutschen Staaten miteinander gesprochen. Bis Willy auf Willi trifft. Der symbolträchtige und von frostiger Stimmung geprägte Austausch wird keine handfesten Ergebnisse bringen und dennoch als Auftakt der deutsch-deutschen Annäherung gelten. Wenn der westdeutsche Kanzler später auf der Heimreise erneut in Bebra hält – der Sonderzug läuft eine halbe Stunde nach Mitternacht auf Gleis 3 ein – werden ihn 1000 Menschen mit „Willy Brandt ans Fenster!“ begrüßen. Es ist der gleiche Ruf, mit dem Tausende ihn, den Bundeskanzler des anderen Deutschlands, beim Besuch in Erfurt bejubelt hatten.

Die Journalisten Rainer Erices und Jan Schönfelder haben die Ereignisse des Brandt-Besuchs zwei Jahre lang recherchiert. Sie beschreiben, wie die Erfurter den Platz stürmen, um den Kanzler zu sehen. Sein Zögern, sich zu zeigen, um die Gespräche nicht zu belasten. Wie Regierungssprecher Conrad Ahlers ihn bedrängt, ans Fenster zu treten. Es wird der Moment sein, der vom Gipfeltreffen hängen bleibt.

All das weiß Willy Brandt noch nicht, als er an diesem nasskalten Morgen auf der Anreise in Bebra auf dem Bahnhof hält. Er weiß nur, dass er 22 Minuten warten muss, bis es weitergeht. Genug Zeit, um einen guten Zigarillo zu rauchen, zu plaudern (Wie hat bei er Übernachtung im Zug in Beiseförth geschlafen? „Gut. Nur zu kurz.“) – und sich ins Goldene Buch der Stadt Bebra einzutragen.

"Da passiert Geschichte"

Mitten in der Nacht bekommt die kleine Gemeinde Beiseförth, heute ein Ortsteil von Malsfeld im Schwalm-Eder-Kreis, vor 50 Jahren hohen Besuch: Um 0.35 Uhr rollt von vielen unbemerkt der Sonderzug mit Bundeskanzler Willy Brandt ein. Einer, der nicht schläft, ist Georg Brand. Der Rotenburger ist damals Fahrdienstleiter am Bahnhof, er hat Nachtschicht und am Folgetag Frühschicht, kurz: Er bekommt viel mit. „Die Bahnpolizisten machten da überall rum“, erinnert sich der 85-Jährige. „Das war die höchste Sicherheitsstufe, die es gibt.“ Schon am Vortag wurde der Wald nahe der Überholgleise untersucht, auf denen der Zug des Kanzlers für mehrere Stunden steht. Als Brand, der Fahrdienstleiter, um 6 Uhr seine Frühschicht antritt, ist Brandt, der Bundeskanzler, schon wach. 39 Minuten später rollt der Diplomatenzug Richtung Bebra. „Der fuhr pünktlich auf die Minute ein, das schaffen sie ja heute nicht mehr“, sagt Peter Kehm. Dass Bebras Stadtarchivar als 23-Jähriger den Brandt-Besuch miterlebt, ist Zufall. Der Lehrer bei der Inspektorenausbildung bricht kurzerhand den Unterricht ab: „Da passiert Geschichte, das dürfen wir nicht verpassen.“ 

Peter Kehm mit dem golödenen Buch

Also lehnt Kehm um 7 Uhr an einer Bahnhofswand und bestaunt das „Tohuwabohu von Menschen und Geraune“. Es sind – natürlich – viele Eisenbahner da („Das sieht man auch an den Mützen auf den Bildern“). Von rund 8000 Einwohnern sind 1970 noch 3000 bei der Bahn beschäftigt, schätzt Kehm. Bebras ehemaliger Stadtarchivar Hans Möller kommt am Morgen erst dazu, als der Zug schon steht. Er ist Fernmeldetechniker am Bahnhof, schon von Weitem hört er die Rufe: „Willy! Willy Brandt!“. Bei Brandts nächtlicher Rückkehr, als im Sternensaal des Inselgebäudes eine Pressekonferenz stattfindet, ist er ebenfalls da: „Ich war einfach neugierig.“ Zutritt bekommt er nicht. Selbst Bahnhofsvorsteher Karl Collmann muss draußen bleiben.

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